Monteverdi? Klar, kennen wir! Kennen wir? Wir kennen Orfeo, Il ritorno d’Ulisse in patria, L’incoronazione di Poppea, auch die Marienvesper. Bei den Madrigalen werden die Zurufe für gewöhnlich schon deutlich dünner. Und fragt man die Musikwissenschaftler, Quellenforscher und sonstige Monteverdi-Spezialisten nach des Komponisten musikalisch-klanglichem Wollen, so wird das Achselzucken gänzlich ratlos. Zieht man die mit steigender Sachkenntnis wachsende Einsicht in das eigene Unwissen als wissenschaftliche Berufskrankheit, wahlweise angemessene Bescheidenheit, einmal ab, so bleibt doch die Erkenntnis, dass des Cremoneser Notationen und schriftliche kompositorische Willensbekundungen dermaßen spärlich sind, dass es schier unmöglich ist zu sagen, wie der spätere Priester seine Werke denn eigentlich gerne musiziert haben wollte. Er kannte seine Musiker, sie kannten ihn, man sprach sich mündlich ab, das reichte. Das Musikgeschäft war damals noch nicht global. So kommt es, dass schon der Geburtsstunde der Oper der Streit um die Werktreue quasi eingeschrieben war, die es aus hermeneutischen Gründen zudem im eigentlichen Sinne ohnehin gar nicht geben kann. Vielleicht entdeckt in Zukunft ein Glücklicher eines der bis zu 15 vermuteten weiteren Musiktheaterwerke Monteverdis. Bis dahin dürfen wir uns am Vorliegenden erfreuen und an dem, was etwa John Eliot Gardiner, der wahrscheinlich wichtigste Monteverdi-Dirigent der Gegenwart, im 450. Geburtsjahr des italienischen Meisters über diesen musikalisch in Aufführungen zu erzählen hat. Gardiner wird mit seinen Ensembles in den nächsten Wochen europaweit unterwegs und mit den drei Opern zu erleben sein. Mehr dazu und über seine Sicht auf Monteverdi erfahren Sie in unserem diesmonatigen Themenbeitrag.

Russische Oper? Klar, kennen wir! Kennen wir? Der Spieler, Sadko, Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch – das sind noch die gängigeren der unbekannteren Werke jenseits des russischen Standardrepertoires von Eugen Onegin bis Boris Godunow. In Paris hat aktuell der in seltener Symbiose aus Realismus, psychologischem Zugriff und abstrakter Zeichenhaftigkeit seine Inszenierungen bauende Regisseur Dmitri Tcherniakov Rimski-Korsakows Snegurotschka, Schneemädchen, tief berührend auf die monumentale Bühne der atmosphärisch unterkühlten Bastille-Oper gebracht. Des Russen Traum ist die inszenatorische Erarbeitung einer Art Enzyklopädie der russischen Oper im Westen. Denn dieser, so Tcherniakov, sähe in vielen Werken seines großen östlichen Nachbarn oftmals nicht mehr als kleine rührselige Märchenstücke. Der Mann hat eine Vision, wir wünschen ihm aufrichtig gutes Gelingen beim Auftauen manch vereister westlicher Augen! Erfahren Sie in unserem Beitrag über Snegurotschka, wie kunstvoll und klug er das anstellt.

Italienische Oper? Klar, die kennen wir sowieso nur zum geringsten Teil. Das Repertoire ist zu groß. Wann, bitteschön, haben Sie zum Beispiel das letzte Mal Verdis Les vêpres siciliennes auf der Bühne gesehen? Sicher, das Werk wird immer wieder mal in den Spielplan gehoben, doch in großen Abständen. An der Bayerischen Staatsoper etwa wird es im März 2018 nach nicht weniger als 50 Jahren erstmals wieder gespielt werden. Einer der begabtesten jüngeren Dirigenten, Omer Meir Wellber, wird die Neuproduktion musikalisch leiten. Mit ihm haben wir das Titelinterview für die vorliegende Ausgabe geführt. Meir Wellber ist jemand, der Musik atmet und zugleich ganz im Leben steht. Die wechselseitige Einflussnahme von Kunst und Diesseitigkeit ist es, die seine Persönlichkeit wie Arbeit formt. Beste Voraussetzungen, um die große Geschichte der Oper fortzuschreiben und uns Neues, zeitgenössische Draufsichten aufzuzeigen.

Zu entdecken gibt es genug! Ich wünsche Ihnen eine gute und anregende Lektüre.

Herzlichst
Ihr
Ulrich Ruhnke
Chefredakteur

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