Als der Intendant der Opéra de Lyon, Serge Dorny, im März dieses Jahres das Festival Mémoires eröffnete, war dies das Aufflammen eines bemerkenswerten, kur­zen, aber intensiven Retro-Trends, der im Juni mit der Premiere von Lohengrin am Nationaltheater Prag nach gut drei Monaten vorerst wieder sein Ende gefunden hat. Ursprünglich sollte Katharina Wagner, Leiterin der Bayreuther Festspiele, ihre eigene Interpretation inszenieren, doch bühnentechnische Probleme vereitelten dies und ebneten, befördert auch durch die Kürze der Zeit, der Idee den Weg, die 50 Jahre alte Arbeit ihres Vaters Wolfgang Wagner rekonstruierend auf die Bühne zu bringen. Zwischen Lyon und Prag brachten im April die Osterfestspiele Salzburg Herbert von Karajans Eröffnungsinszenierung des Festivals – ebenfalls 50 Jahre alt – auf die Bühne, wenngleich, wie sich zeigte, nur in Rudimenten. Die künstlerische Bilanz des Experiments, unabhängig durchgeführt an drei verschiedenen Standorten, lässt sich nach Sichtung aller Ergebnisse nun klar benennen: Eine Wiederbegegnung mit alten Regiearbeiten lohnt sich nur, wenn es sich bei diesen um exzeptionelle handelt. Gewiss – welche als solche zu bewerten sind, entscheidet sich nicht so einfach. Doch den Prager Lohengrin hätte es unter diesem Gesichtspunkt nicht unbedingt erneut auf der Bühne gebraucht. Auch führt eine halbe Lösung, wie man sie in Salzburg mit der Verstümmelung von Günther Schneider-Siemssens Bühnenbildern und der sich damit nicht verbinden wollenden Inszenierung von Vera Nemirova, nicht zum Erfolg. Wenn schon Museum, dann richtig und so, wie man es in Lyon gewagt hat. Dass man sich auch hier dem Original nur annähern kann, liegt an der momenthaften Zeitgebundenheit des Theaters per se. Dass man über eine sorgfältige Recherchearbeit längst Zerfallenes wieder neu zusammensetzen und so zumindest der Ahnung einstiger Präsenz zu erkenntnisreicher neuer Gegenwart verhelfen kann, wurde jedoch ebenso klar. Welche Artefakte einer solchen Arbeit lohnen, hat jede nachgeborene Generation neu zu entscheiden. Ganz so, wie jeder Museumskurator es macht, wenn er über die Exponate, die er zeigen möchte, immer wieder neu nachdenkt.

Noch ganz andere Artefakte erleben in den nächsten Wochen eine besondere Hoch-Zeit, ohne dabei jemals ganz aus dem Gebrauch gekommen zu sein: Puppen auf der Opernbühne. Als auf Umwegen belebte Materie können Puppen zu einer Realität gelangen, deren Wirkung über das hinausgeht, was ein Mensch darzustellen vermag. Ganz ungewohnte Assoziationsketten etwa setzt es in Gang, wenn – wie es bei der Neuinszenierung von Rossinis Mosè in Egittobei den Bregenzer Festspielen der Fall sein soll – die Menschen, über die Gott die Plagen hereinbrechen lässt, kleine Figuren eines Puppentheaters sind, groß übertragen auf eine Leinwand und von gottähnlich agierenden Puppenspielern bewegt, während über die Sänger gewissermaßen auf die inneren Bewegungen gezoomt wird. In München wiederum darf man auf die Arbeit des jungen Nikolaus Habjan gespannt sein, der mit seinen Klappmaulpuppen einige tief berührende Theaterabende geschaffen hat und im Prinzregententheater im Rahmen der Opernfestspiele Carl Maria von Webers Oberon inszenieren wird. Lesen Sie über Habjan sowie Puppen auf der Opernbühne in unserem diesmonatigen Themenbeitrag, über die bevorstehende Produktion von Mosè in Egitto in unserer „Nahaufnahme“.

Doch nicht nur Szenisches beschäftigt uns in dieser Ausgabe, zentral stehen die großartige Anita Rachvelishvili, die derzeit in ihrer signature role, der Carmen, auf allen großen Bühnen weltweit zu hören ist (bis Mitte Juli in Paris, anschließend als Amneris beim Festival Les Chorégies d’Orange), der Bariton Michael Volle, Bayreuths neuer Sachs in der Neuinszenierung der Meistersinger von Nürnberg, sowie Lise Davidsen, die beim Glyndebourne Festival als Ariadne gebucht ist und in Zukunft sicher noch von sich Reden machen wird.

Bei all den Premieren und Debüts werden wir dabei sein und im September darüber berichten. Doch erst einmal wünsche ich Ihnen eine gute und anregende Lektüre mit der vorliegenden Ausgabe sowie einen erholsamen Sommer!

Herzlichst
Ihr
Ulrich Ruhnke
Chefredakteur