Foto: Gregory Regini

März 2018

Bizet, Verdi, Saint-Saëns, Massenet, Arakishvili, Rimsky-Korsakow, Gounod und Mascagni: Arien

Anita Rachvelishvili, Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI, Giacomo Sagripanti

Label und Vertrieb: Sony
1 CD

Riesen-Stimmen wie die von Anita Rachvelishvili auf Tonträger zu bannen, ist eine von jeher tückische Aufgabe. Nicht wenigen Kolossal-Sopranen der Vergangenheit, etwa Astrid Varnay oder Deborah Polaski, blieb eine Schallplattenkarriere deswegen versagt. Die georgische Mezzo-Sopranistin Rachvelishvili, seit wenigen Jahren an fast allen ersten Opernhäusern gefeiert, hat im Interview mit Oper! berichtet, sie habe bei der Aufnahme dieser Debüt-CD (ähnlich wie einst die legendäre Eva Turner) hinter dem Orchester Aufstellung bezogen. Damit das Mikrofon nicht zerrt.

Die Mühe hat sich gelohnt. Das Lob war nicht vergebens. Anita Rachvelishvili ist tatsächlich einer der frappantesten, vokal überwältigendsten Neuzugänge zur obersten Etage internationaler Opernstars. Nicht durch Distanz vom Mikro allein ist die CD großartig geworden, sondern dadurch, dass hier bei Carmen leise Töne eingeschmuggelt, bei Werther lyrische Farben bevorzugt werden und insgesamt eine Dezenz-Politik waltet, die als vorbildlich gelten darf.

Ein Spur gelegentlichen vokalen Schlingerns mag trotzdem nicht zu verhehlen sein; so in dem zärtlich und kultiviert gesungenen Lied der Lyubascha aus Rimskys Zarenbraut (womit Rachvelishvili 2013 der große Durchbruch an der Berliner Staatsoper gelang). Auch wird mit ungeheuer exklamativen Gefühlsausbrüchen nicht gespart. In Azucenas „Condotta ell’era in ceppi“ – es handelt sich um eine der Prachtpartien der Sängerin – fliegen einem die Phonstärken geradezu um die Ohren, so sehr kocht Rache im Zentrum dieses Urgewalt-Mezzos. Knallige, teils aber wie gesalbte Brusttöne kommen vor, werden aber als Ausdrucksmittel eingesetzt, nicht als unvermeidliche Eigenschaften von Überdramatik.

Gemildert werden explosive Qualitäten dieser Stimme durch den Betrag an Jugend und jugendlicher Direktheit, welche die 33-Jährige nach wie vor verströmt. Patent klingt dieser Mezzo. Doch ebenso fein, sensibel und innerlich bewegt. Der große, virtuose Show-Effekt scheint stets ein Erdbeben psychologischer Abgründe wiederzugeben – so wie man dies bei großen Sängern eben antrifft. Um eine große Sängerin indes handelt es sich hier zweifellos.

Originell Gounods Sapho sowie die Arie der Königin Tamar aus der Legende des Shota Rustaveli von Dimitri Arakishvili (einem der – nachromantischen – Väter der georgischen Musik). Bei der „Canzone del velo“ aus Don Carlo geht Barbara Massaro als Tebaldo hilfreich zur Hand. Die Carmen, von der „Habanera“ und „Séguedille“ vertreten sind, mag zwar die am meisten gesungene Partie der Mezzo-Sopranistin sein; aber doch vokal geeigneter als auf der Bühne. Von ihren aktuell großen Rollen fehlt nur Amneris, die im Rahmen einer Aida-Gesamtaufnahme von Riccardo Muti in diesem Jahr folgen soll.

So geschmeidig und fulminant poliert die Stimme klingt, so ist doch zuzugeben, dass die eigentliche Aufgabe für den CD-Hörer darin besteht, eine Lautstärke zu finden, bei der man nicht ständig nachregulieren muss. Das ist der Preis, der auch hier noch – trotz großer Produktionssorgfalt – an grenzensprengende Stimmen entrichtet werden muss. Die Tempi des Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI unter dem jungen Giacomo Sagripanti sind erwartungsgemäß gemessen. Wer nur nach Jahrhundert-Stimmen Ausschau hält (und nicht jedes neue Opern-Sternchen begutachten will), dem sei zugerufen: Hier ist eine! Die softe Granate, als die sich Anita Rachvelishvili präsentiert, sollte man zur Kenntnis nehmen.

Kai Luehrs-Kaiser