Foto: Simon Fowler

CD des Monats

Miroir(s): Opernarien

Elsa Dreisig, Orchestre national Montpellier Occitanie, Michael Schøenwandt

Label: Erato, Vertrieb: Warner
1 CD

Schöner kann eine Sängerkarriere kaum beginnen. Nach ihrem Gesangsstudium in Paris und Leipzig schafft es die französisch-dänische Sopranistin Elsa Dreisig in das Ensemble der Berliner Staatsoper und singt dort im Alter von 26 Jahren ihre erste Traviata. Davor räumt sie ein paar wichtige Preise ab, erhält hochrangige Gastengagements wie die Titelpartie von Massenets Manon am Opernhaus Zürich und baut in Berlin unter Simon Rattle in Rameaus Hippolyte et Aricie, unter Daniel Barenboim als Dircé in Cherubinis Medea oder in der Uraufführung von Beat Furrers neuer Oper Violetter Schnee ihr Repertoire aus.

Die These ihres ersten Recitals „Miroir(s)“ (frz. „Spiegel“ in Singular und Plural) streift Philosophie: „Mein Äußeres erscheint, meine Stimme ist.“ Und mit den Mitteln dieser Stimme spiegelt sie Arien und Szenen, die thematisch zueinander passen: Massenets Manon ist „le miroir“ zu Puccinis Manon Lescaut – die Juwelenarie Marguerites aus Gounods Faust jener zur Sinnkrise der ermattenden Edelkurtisane Thaïs – Rossinis Rosina, die im Barbier von Sevilla noch aus den Fängen ihres Vormunds fliehen möchte, spiegelt den Ausbruch derselben Figur, die in Mozarts Figaro als Gräfin Almaviva an der sexuellen Flatterhaftigkeit ihres Gatten verzweifelt.

Dabei liegen Elsa Dreisigs Vorzüge mehr noch im französischen Fach als bei Mozart und Rossini: Silber auf königsblauem Samt. Man hört nicht nur Partien aus dem aktuellen Entwicklungsspektrum, das Dreisig mit Absicht sprengt. Ihr vokales Basislager ist ein echt lyrischer und noch leichter Sopran mit in Regenbogenfarben schmelzenden Höhen, dabei von gerundeter Textverständlichkeit und dramatischer Wendigkeit, die mehr zu bieten hat als Eleganz. Diese Wandlungskraft setzen Michael Schøenwandt und das Orchestre national Montpellier Occitanie mit dem Wattetupfer oder dem goldenen Bouquet ins beste Licht. Von der Aufnahmetechnik wurde Dreisigs Stimme immer in den Vordergrund gerückt – das einzige Handicap dieses Albums. Denn hier ist es endlich einmal keine Wagner-Heroine, sondern eine authentische Mädchenstimme, die zusammen mit dem abgeschlagenen Haupt des Täufers von Klangwogen umrauscht wird. Das fürwahr erregende Finale dieses Recitals ist nämlich Salomes Schlussgesang in der von Richard Strauss für Paris so umgearbeiteten Fassung, dass diese auf den französischen Originaltext Oscar Wildes passen konnte. Ein Offenbarungsmoment:

Elsa Dreisigs heller Sopran schwebt über den Massen, klart noch ein weiteres Mal ohne zu verhärten auf. Hier ebnet sie eine ebenso starke Spannungsenergie wie für Gounods ungekürzt eingespielte dramatische Soloszene der Juliette. Überhaupt ist es erstaunlich, wie Dreisig ihrer Höhe immer wieder überraschende Farben und Akzente verleiht. Dabei hat man an keiner Stellen den Eindruck, dass da ein unverwechselbares Image kreiert werden soll, sondern dass eine Persönlichkeit sich den Anforderungen der Partien mit gesunder Vorsicht und dabei allen Sinneswahrnehmungen stellt.

Im Rezitativ vor der „Juwelenarie“ staffelt Elsa Dreisig die Affektreihe von Gedankenspielerei, Überraschung und Freude mit lichten und dabei sehr geschliffenen Textakzenten. Sie gestattet sich keine sinnfreien Pausen für Nur-Musik. Deshalb darf Puccinis Manon Lescaut hier blutjung sein und Thaïs kann ohne menschliche Gebrauchsspuren durchgehen. Elsa Dreisig und Michael Schøenwandt verzichteten auf Bellinis Giulietta-Cavatina „Oh quante volte“ und setzten lieber neben Gounods dramatischen Monolog eine Arie Juliettes aus der so gut wie unbekannten Oper Roméo et Juliette des Franzosen Daniel Steibelt (1793). Eine sinnfällige Dramaturgie für Kenner, Entdeckungsangebote für Neugierige, dazu die hörbare künstlerische Absicht einer Stimme, die zu gewinnen weiß und das Recital mit einem innerlich bebenden, verschleierten Schlusston enden lässt – was will man mehr?

Roland H. Dippel