Foto: Decca/Universal

CD des Monats

Farinelli: Arien von Porpora, Hasse, Geminiano u.a.

Cecilia Bartoli, Il Giardino Armonico, Giovanni Antonini

Label: Decca; Vertrieb: Universal
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Sie hat es schon wieder getan. Während alle Welt über Diversität und Transidentität debattiert, hat Cecilia Bartoli für ihr neues Solo-Projekt die Geschlechtergrenzen wiederum nicht nur stimmlich aufgehoben, sondern mit einem wie gewohnt zweideutigen Cover auch optisch mit ins Spiel genommen. Als schwarzhaarige Frau mit Bart schaut sie mit sirenenhaftem Blick und geheimnisvoll verschlossenen Armen vor dem Dekolleté auf den Käufer herab. Kurz und programmatisch erscheint der Albumtitel zwischen den Händen: „Farinelli“. Vor zehn Jahren hatte sich La Bartoli in Gestalt einer seltsam geschlechtslosen Marmorstatue für ihr Album „Sacrificium“ ablichten lassen. Wenn man die neue CD als Nachfolgerin des damaligen Kastraten-Projekts ansieht, kann man den Conchita-Wurst-Look durchaus als Weiterentwicklung ansehen – und als Reaktion der Klassik auf die Entwicklungen, die in der Zwischenzeit im Pop stattgefunden haben. So als würde die repertoirekundige Diva ihren Kollegen zurufen wollen: Schaut mal, so etwas hat es auch vor 300 Jahren schon gegeben.

Mit Farinelli scheint sich Cecilia Bartoli einen Sparringspartner fürs Leben angelacht zu haben, sich mit seiner Kunst zu messen, ihr höchster Ehrgeiz zu sein. Also wildert sie mit geradezu wütender Inbrunst in seinem Repertoire, das ihm vor allem sein Entdecker und Lehrer Nicola Porpora auf den Leib schrieb, das aber ebenso Bravourarien von Hasse, Geminiano und nicht zuletzt von Riccardo Broschi, dem Bruder des 1705 als Carlo Broschi geborenen Kastraten, enthält. Schon im ersten Track zeigt die Diva ihre Vorzüge geradezu im Schleudergang, in „Nell‘ attendere il mio bene“ aus Porporas Polifemo. Der Anfang ist bereits ein Statement: Hoch und runter geht es in geradezu aberwitzigen Intervallsprüngen, die Bartoli so sicher bewältigt wie eine Kunstturnerin den Abgang vom Gerät. Abgesehen von den „tausend Freuden“, von denen die Musik der 1735 uraufgeführten Oper kündet, könnte sich hinter den rasenden, in ihrer bartoliesken Präzision wie ausgestanzt wirkenden Koloraturen auch schäumende Wut verbergen oder sonst ein aufwühlender Affekt – es wäre völlig egal, denn diesem perfekt trainierten barocken Überschwang möchte man alles glauben. Bartoli at her best!

Dabei darf man nicht denken, dass sich die Sängerin hier allein in der oft kritisierten und verlachten Kastratenvirtuosität Farinellis verlustieren würde. Seine ewig langen, teilweise über 30 Takte und länger verbürgten Koloraturenketten finden ebenso ihre Geltung wie der (später) auf innigen Ausdruck und größere Natürlichkeit bedachte Farinelli, der uns beispielsweise in „Alto Giove“ (ebenfalls aus Polifemo) mit geheimnisvollmännlich eingedunkelter Stimme entgegentritt – die übrigens größere Assoziationen mit dem vokalen Phänomen des Kastraten weckt als der ungleich „mädchenhaftere“ Philippe Jaroussky in seiner Aufnahme der gleichen Arie auf seiner Porpora/Farinelli-CD von 2013.

Nicht zufällig hat Cecilia Bartoli auch bei diesem Programm auf ihre bewährten Unterstützer des „Sacrificium“-Projekts von 2009 zurückgegriffen, den in frischen Barockfarben erblühenden Giardino Armonico unter Giovanni Antonini. Hier findet ein lebendiger Austausch statt, der die dunkelrotfunkelnde, so geschickt ins geschlechtlich Indifferente hinüberspielende Stimme der Bartoli auf schäumenden Wogen zu tragen scheint.

Stephan Schwarz-Peters

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