Februar 2018

Hector Berlioz: Les Troyens 

Joyce DiDonato, Michael Spyres, Marie-Nicole Lemieux, Stéphane Degout, Hanna App u. a., Chœur et Orchestre philharmonique de Strasbourg, John Nelson

Label: Erato
Vertrieb: Warner
4 CDs, 1 DVD

Noch heute, fast 160 Jahre nach der vermurksten Weltpremiere, ist jede Aufführung von Berlioz’ Trojanern ein Ereignis, das Fans der französischen Oper aus aller Herren Länder herbeiströmen lässt. Das gilt nicht nur für szenische Realisationen des zweigeteilten Sandalenklassikers, sondern auch für konzertante Darbietungen wie die prominent besetzte Aufführung im Straßburger Palais de la musique et de congrès im April 2017. Frenetisch bejubelt, als mustergültige gepriesen, liegt sie nun in Form eines ungekürzten Mitschnitts auf vier CDs vor. Eine Bonus-DVD präsentiert Höhepunkte der Aufführung in visueller Form.

Auch wenn sich das Angebot an Gesamtaufnahmen der Trojaner in deutlichen Grenzen hält, umgibt man sich angesichts großer Einspielungen wie der beiden von Colin Davis (1969 und 2002) und Charles Dutoit (1994) gleichwohl mit starker Konkurrenz. Die Bewährungsprobe glückt meisterhaft (von den klanglichen Abstrichen abgesehen, die Live-Mitschnitte so mit sich bringen), und als Ergebnis liegt hier eine Aufnahme vor, die Davis’ 69er-Einspielung mit der Covent-Garden-Besetzung der ersten szenischen Originalaufführung (100 Jahre nach dem Tod des Komponisten!) mindestens ebenbürtig ist. Die Hauptverantwortung hierfür liegt beim Dirigenten John Nelson, wie Colin Davis einer der intimsten Kenner des Stücks, dem eine höchst geschlossene, in jedem Detail von leidenschaftlicher Hingabe befeuerte Interpretation gelingt und der es schafft, den eigenen Furor auf seine Musiker zu übertragen. Das gilt für das je nach Fortgang der musikalischen Handlung blitzende, schwelgende, lärmende, leuchtende Orchestre philharmonique de Strasbourg, die voluminöse Gesamtheit der professionellen Straßburger Chöre und des Badischen Staatsopernchors wie auch für das hervorragend aufeinander abgestimmte Sängerensemble.

In dessen Reihen gibt Michael Spyres einen weit weniger von vokalem Espressivo getriebenen Énée als der ständig unter Strom stehende Jon Vickers in der Referenzaufnahme von 1969. Ein Heldentenor mit schmeichelnder Tief- und Mittellage, dabei aber ebenso sattelfest in der unbarmherzig abverlangten Höhe, adelt er seine von numinosen Einflüsterungen häufig genug verwirrte Partie, indem er nicht pseudomännlich über deren charakterliche Schwächen hinwegbrüllt, sondern mittels feiner Zwischentöne auch ihrer Verunsicherung Ausdruck zu verleihen weiß. Vor diesem transparenten Hintergrund bietet er den beiden starken Frauen des Stücks, der Trojanerin Cassandre und der Karthagerin Didon, glänzende Gelegenheit, ihre vokalen Stärken hervorzukehren: Während Marie-Nicole Lemieux als Alt-raunende Katastrophen-Seherin Cassandre eindeutig die ersten beiden Akte dominiert – eine Singschauspielerin, die jede Phrase mit szenischer Dramatik aufzuladen weiß –, empfiehlt sich Joyce DiDonato in der Königinnenrolle der Didon als führende Sängerin hypertropher Partien des französischen Fachs und verwandelt die Aufführung durch ihre Mitwirkung endgültig in einen Triumph. Mit unerschütterlichem, bruch- und mühelos zwischen allen Registern wandelndem Mezzo verleiht sie den repräsentativen Passagen Glanz, den düsteren schmerzgetränkte Ambivalenz und kreiert gemeinsam mit Michael Spyres im sublim gestalteten Liebesduett „Nuit d’ivresse“ einen der schönsten Momente der Berlioz-Diskographie der letzten Jahre. Eine sehr zu empfehlende Aufnahme.

Stephan Schwarz-Peters