Foto: Philippe Matsas

CD des Monats

Ludwig van Beethoven: Leonore

Marlis Petersen, Maximilian Schmitt, Dimitry Ivashchenko, Robin Johannsen, Johannes Weisser, Tareq Nazmi, Johannes Chum, Florian Feth u.a.; Zürcher Sing-Akademie, Freiburger Barockorchester, René Jacobs

Label und Vertrieb: Harmonia mundi
2 CDs

Hatten denn frühere Beethoven-Dirigenten Tomaten auf den Ohren? Natürlich nicht. Und dennoch: Immer wieder, auch hier, geschieht es, dass durch Jahrhunderte weitergereichte Werke – etwa Beethovens einzige Oper –, sobald sie von René Jacobs dirigiert werden, klingen als hätte man sie noch nie zuvor gehört. In diesem Fall: Alles Pastose, staatstragend Steife ist fort. Hier walten Theatergeist, -dampf und -zunder. Hier wird eine Geschichte erzählt, nicht ein Exempel statuiert. Hier wird ein Werk dem (Hör-) Theater zurückgegeben, das heute sehr diffizil zu besetzen ist und dem Repertoire entrückter zu sein scheint als der schwerste Wagner.

Letzterer, genauer: Die Wagner-Rezeption, war dafür verantwortlich, dass immer wieder hochdramatische Sänger auf ein Werk losgelassen wurden, das eigentlich ein Singspiel ist. Mit einigem Erfolg (Martha Mödl, Wolfgang Windgassen), aber auch mit einigen, wenn’s erlaubt ist, fragwürdigen Ergebnissen (Hildegard Behrens, Peter Hofmann). Kaum eine Erinnerung daran kommt auf, wenn man jetzt die von Lulu herkommende Marlis Petersen als koloraturflinke Leonore hört. Und Maximilian Schmitt als sichtlich von Schubert inspirierten Florestan.

René Jacobs hat in OPER! die Ansicht vertreten, „die erste Fassung der Leonore sei die gewagtere, modernere“. Im Detail: Es fehlt (im Vergleich mit Fidelio) z.B. das „Grabesduett“ und das anschließende Trio „mit Florestans Henkersmahlzeit“. Ebenso die Überhöhung Leonores am Schluss. Die ungestrichene, dreiaktige Urfassung von 1805 benutzt Jacobs – nicht unverwandt seiner früheren Aufnahme von Mozarts Entführung – zu einer hörspielartigen Revision der Dialoge. Man folgt gebannt – indem man die Geschichte des im Keller sitzenden Gefangenen endlich einmal versteht. Die Protagonisten freilich sind keine Schauspieler – und damit von ihrer Sprech-Aufgabe gelegentlich überfordert. Leicht unbeholfen, gar süßlich bleibt die Gestaltung durch Robin Johannsen (Marzelline) und Johannes Chum (Jacquino).

Trotzdem ahnt man Besetzungs-Vorlieben des Dirigenten, so etwa für jungmädchenhafte Soprane (wozu auch Marlis Petersen noch zu rechnen wäre). Und zu baritonal hellen, eher braven Bässen – was dem Don Pizarro von Johannes Weisser fast alle Bedrohlichkeit nimmt und Dimitry Ivashchenko als Rocco leicht „veronkelt“. Immerhin, dem berüchtigten „O namenlose Freude!“ lässt die sehr gute Textverständlichkeit endlich einmal Gerechtigkeit widerfahren: Man versteht jedes Wort!

Dies ist, mit anderen Worten, ein Fidelio (in dessen Urfassung), der noch den Vorstadt-Charakter spiegelt, in dessen Nähe – und vielleicht aus dessen Geist – die Oper entstand. Man atmet Theaterluft – und Resterde der Wiener Pawlatschen-Tradition und Stegreifkomödie, die bis zu Nestroy reicht. Die Zürcher Sing-Akademie lässt sich vom Wiener Virus umstandslos infizieren. Auch das Freiburger Barockorchester leistet ein Äußerstes an „Verwienerung“, also: theaterhafter Regionalisierung des Stoffs. Kurz: Ein Nudelbrett-Fidelio ist hier geboren. Grandios! Triftiger Neuaufbruch innerhalb der Beethoven-Rezeption. Zum Jubeljahr gerade recht.

Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Label