Januar 2018

Richard Wagner: Opernarien und -szenen 

Mihaela Ungureanu, Torsten Kerl, Franz Hawlata, Falk Struckmann, Johan Botha, Stephen Gould, Janina Baechle, Orchester der Wiener Staatsoper, Franz Welser-Möst

Label: Orfeo
Vertrieb: Naxos
1 CD

Es war 2009 in der Königlichen Oper Stockholm. Da wurde erstmals der Birgit-Nilsson-Preis verliehen, den die große Wagner-Heroine selbst posthum ausgelobt und mit einer Million Dollar ausgestattet hatte. Die Nilsson war eben als Turandot von der Konserve zu hören gewesen. Und jetzt sang Nina Stemme den Liebestod aus Wagners Tristan und Isolde. Die damals 46-Jährige musste sich vor ihrer legendären Landsmännin nicht verstecken. Das strömte nicht nur „mild und leise“, ihr Vortrag hatte Größe, Intensität und Individualität. Da sang eine echte Hochdramatische, aber eine, die sich den jugendlichen Ton bewahrt hatte, den Wagners übergroße Mädchenfrauen brauchen und der im Opernalltag so selten zu hören ist. Eine echte Nachfolgerin der Nilsson und doch anders: weiblicher, weicher, verletzbarer, moderner.

Nina Stemme hat es immer ruhig angegangen. Sie debütierte 1989 als Cherubino. Sie blühte im Kölner Opernensemble auf, sang alles Lyrische in ihrer Reichweite, aber auch schon die ersten Wagner-Rollen. 2003 legte die erste Isolde in Glyndebourne (Bayreuth folgte 2005) die Hebel ihrer längst internationalen Karriere um. Doch zwischen den Killer-Partien schob sie immer wieder Leichteres ein, um die Stimme flexibel, das Material geschmeidig zu halten. Sie kennt sich inzwischen aus mit wilden Weibern und Wunschmaiden, den Wagner-Heldinnen Isolde und Brünnhilde, aber auch mit Puccinis bibelfester Minnie aus dem Goldenen Opernwesten und seiner eisig umgürteten Chinesenprinzessin Turandot. Sie hat zeitgleich Verdis Aida und die Forza-Leonore gesungen, die Salome wie die Marschallin. Seit dem Stockholmer Auftritt hat sich Nina Stemme wunderbar weiterentwickelt. Und steht jetzt auf dem Zenit.

Ihre Webseite weist die Elisabetta im Don Carlo und Desdemona als „in Vorbereitung“ aus, so wie auch im Strauss-Fach die Kaiserin (kommt in Wien) sowie die Capriccio-Gräfin. Salome ist schon wieder passé, als Elektra ist sie viel gefragt. Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk hätte sie diesen Sommer in Salzburg lieber bleiben lassen sollen, aber die Schwedin möchte sich nicht nur auf Wagnerpartien einengen lassen, in denen sie heute ungeschlagen an der Spitze steht. Senta und Elsa gehören der Vergangenheit an, dafür ist in Wien die Kundry hinzugekommen.

Aus der Wiener Staatsoper kommt jetzt auch eine CD, die vier Wagner-Premieren Nina Stemmes in Exzerpten als Live-Mitschnitte zusammenfasst. Es beginnt mit einer jugendlich-visionären Senta unter Seiji Ozawa, das war 2003 dort ihr Haus-Debüt. Den 1. Walküre-Akt gibt es bereits auf CD, jetzt folgt die stimmungsvoll-düstere Szene Siegmund-Sieglinde mit Johan Botha aus dem 2. Akt. Ein paar Monate später wechselte Stemme dann zu einer begeisternd frischen, jubelnd erwachenden Siegfried-Brünnhilde, von der hier die gesamte Partie an der Seite von Stephen Gould festgehalten ist. Wieder steht Franz Welser-Möst am Pult, wie auch bei der zart-abgeklärt fließenden Tristan-Neuinszenierung 2013, von der hier ein Stück aus dem 1. Akt und der Liebestod konserviert sind. Auch wenn Nina Stemme, von der es nicht viele CDs gibt, Tristan und Holländer (in Englisch) schon aufgenommen hat, es sind doch wunderbare Dokumente ihrer reifenden Hochdramatischen-Kunst. Die durch Ausgeglichenheit und ruhige Würde berührt.

Manuel Brug