Foto: Sony Classical

CD des Monats

Frage: Robert Schumann - Sämtliche Lieder (Vol. 1)

Christian Gerhaher, Gerold Huber

Label und Vertrieb: Sony
1 CD

Nun, endlich, traut er sich Großes zu: Christian Gerhaher, einer der großen Liedsänger unserer Zeit, wagt sich an sein erstes zyklisches Aufnahmeprojekt, jenseits der drei Schubert-Liedzyklen. Anders gesagt: Nach Matthias Goernes Schubert-Edition bekommt das 21. Jahrhundert nun eine zweite wichtige Lied-Ausgabe. Dietrich Fischer-Dieskau würde es, posthum, sicher freuen, zumal Gerhaher der erste Sänger ist, der sich nach ihm an den kompletten Schumann wagt. Dafür braucht es mutige, willige Partner. Neben dem BR ist dies das Festival „Heidelberger Frühling“ mit seiner erwiesenen Affinität zur Gattung Lied. Gerhahers vertrauter Pianisten-Partner ist wieder einmal Gerold Huber, der auch auf dieser CD als empfindsamer, wachsamer, atmungssensibler Lied-Begleiter brilliert. Doch bevor man die CD hört, sollte man den Einführungstext im Beiheft lesen. Das ist keine x-beliebige Zusammenfassung des Altbekannten, sondern eine detailfreudige Einordnung und Analyse durch den Interpreten. Gerhaher schreibt gleich zu Beginn: „Ich bin fest überzeugt, dass Robert Schumann auch seine kleineren Zusammenstellungen von Liedern zu Opera zyklisch gedacht und konzipiert hat.“ Also Achtung, wenn die CD mit den sechs scheinbar einzelnen Gesängen beginnt, die Schumann als op. 107 zusammengefasst hat. Für Christian Gerhaher zeigt sich hier übergreifend die Idee der „menschlichen Vereinzelung“.

Wenn der Bariton und sein Pianist diese überwiegend stillen, introvertierten Lieder an den Beginn ihrer neuen Schumann-Edition stellen, dann erscheint das zugleich wie eine programmatische Positionierung der beiden Künstler. Denn in diesen Werken spiegelt sich bereits ihr kompletter interpretatorischer Ansatz. Sie wollen den Hörer nicht überrumpeln und besondere Effekte erzielen, vielmehr suchen sie nach zentralen Botschaften mit den Mitteln der Diskretion. Man könnte glatt behaupten: So viel Zurücknahme war selten! So klar und unmittelbar, so minimalistisch und pur haben diese Lieder kaum je geklungen. Von Wort-Überbetonungen oder von didaktisierender Interpretation kann nicht die Rede sein. Das ist Liedkunst im 21. Jahrhundert. So klingt etwa die Ballade von den beiden Grenadieren keineswegs theatralisch oder überbordend. Natürlich gestaltet auch Gerhaher die „Marseillaise“-Passage entschlossen im Forte, doch deutet sich hier bereits der Schluss an, wenn sich der Traum vom neuen Gefechtstriumph in Luft auflöst. Schumann bildet das durch unerwartete Harmoniewechsel im leiser werdenden Klaviernachspiel ab, Gerhaher und Huber entlarven das zunächst patriotische Bild frühzeitig als Chimäre.

Im Mittelpunkt dieser CD steht der Zyklus mit zwölf Liedern nach Texten von Justinus Kerner op. 25 – der bis heute immer im Dunstkreis von Dichterliebe und des Eichendorff-Liederkreises ein Schattendasein fristet. Hier trifft der Hörer summarisch auf alle entscheidenden Merkmale, die diese Aufnahme auszeichnen: das jederzeit perfekte Miteinander von Sänger und Pianist; eine sehr hohe Textverständlichkeit, wie man sie von Christian Gerhaher ja schon lange gewohnt ist; schließlich die exzellente Balance bei der Gewichtung von Musik und Text. Das Einfache wird hier zur hohen Kunst. Eindrucksvoll beispielsweise, wenn im „Wanderlied“ – nach den ersten drei Strophen, die geprägt sind von Aufbruch und Drang in die Ferne – sich plötzlich die Perspektive ändert: Mit einem Mal sind wir bereits in der Ferne, und Vögel überbringen Grüße aus der alten Heimat. Gerhaher und Huber fangen das wunderbar stimmungsvoll ein. Fazit: Hier deutet sich eine herausragende Schumann-Edition an.

Christoph Vratz