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CD des Monats

Hector Berlioz:
La damnation de Faust

Joyce DiDonato, Michael Spyres, Nicolas Courjal, Alexandre Duhamel, Orchestre Philharmonique de Strasbourg, John Nelson

Label: Erato; Vertrieb: Warner
2 CDs (plus DVD)

Manchmal lohnt die Fahrt in die Provinz: In Straßburg haben sich 2019 neuerlich das Orchestre Philharmonique, der portugiesische Coro Gulbenkian und die Petits Chanteurs de Strasbourg zusammengetan, um unter der Leitung des Berlioz-Experten John Nelson La damnation de Faust aufzuführen. Passenderweise zur Osterzeit. Da beginnt nämlich die Handlung dieses seltsamen Werks. Vor zwei Jahren haben viele dieser Überzeugungstäter schon bei Les Troyens dort mitgewirkt; ein Mittschnitt, der der Firma Erato/Warner diverse Plattenpreise eingetragen hat. Zwischenzeitlich hat der Amerikaner John Nelson, dessen Ruhm als führender Interpret des „wilden Hector“ sich spät, aber vehement verbreitet hat, in der Londoner St. Paul’s Cathedral zudem dessen bombastisches Requiem aufgeführt und auf CD wie DVD veröffentlicht. Somit ist das Berlioz-Tripel nun vollendet.

Faust ist schwer! Selbst der heftig romantisch aufwallende Hector Berlioz ist nie glücklich geworden mit seinem Opernzwitter, den er sich 1846 nach der seine Landsleute viel mehr begeisternden GoetheÜbersetzung von Gérard de Nerval zusammengeschustert hatte. Finanziell zerbrach er daran. Erst 1893 wurde das als Oratorium misstrauisch beäugte Werk an der unter ihrem legendären Direktor Raoul Gunsbourg wagemutigen Opéra de Monte-Carlo szenisch uraufgeführt. Seither ist diese „dramatische Legende“ in sieben Bildern freilich auf den internationalen Opernspielplänen immer beliebter geworden. Berlioz lässt dabei seinen Zickzack-Sprünge schlagenden Handlungsfluss durch wie Stolpersteine wirkende Intermezzi und Tanzeinlagen elliptisch ins Stocken kommen. Kurkonzert-Inkunabel ist höchstens der „Ungarische Marsch“.

Je weiter diese Damnation voranschreitet, desto mehr aber entfaltet John Nelson alle Klangmagie dieses in verblüffenden Tableaux-Welten erzählten Geschehens als ein Kaleidoskop fantasmagorischirrlichternder Tonbilder. Davon profitiert der Méphistophélès, den Nicolas Courjal mit wohltönender Stimme gibt, auch mit Exaltation und dem Mut zum Grellen, Verführerischen: teuflische Noten dämonisch schön gesungen. Der urmusikalische Amerikaner Michael Spyres ist einmal mehr in einer auf ihn klangzugeschnittenen Partie als Faust zu erleben, punktet mit seiner baritonal wohligen Mittellage und weiß doch die Klippen dieser heikel hochliegenden Partie geschickt zu umschiffen. Spitzentöne schallen klar, er ist ein Meister der so spezifisch französischen voix mixte. Während stückbedingt der Brandner von Alexandre Duhamel Randfigur bleiben muss, kann sich im zweiten Teil Joyce DiDonato nach ihrer fantastischen Les Troyens-Didon als dunkel mezzowarmglühende, zarte Marguerite angemessen weiblichen Vokalraum schaffen. Natürlich wird ihre vom Englischhorn begleitete Arie „D’amour l’ardante flamme“ zu einem Höhepunkt der Einspielung, bei der jede Vokalnuance sitzt.

Die meisterliche, wenn auch exzentrische Partitur als Fülle mitreißender Musikmomente, mal leise, mal extrovertiert. Nach dem Sinn in der Geschichte darf man nicht fragen, wenn Sylphen tanzen, Hexen meckern, Studenten Kanons leiern, es am Ende christlich wird. Dieses Werk, in dem es kaum um den Sinnsucher Faust, eher um den leidenden Romantiker geht, bleibt Flickenteppich. Einer der schönsten im Opernrepertoire – besonders in dieser unbedingt empfehlenswerten Neuaufnahme.

Manuel Brug

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