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CD des Monats

Rossini:
Amici e rivali

Michael Spyres, Lawrence Brownlee, Tara Erraught, Xabier Anduaga, I Virtuosi Italiani, Corrado Rovaris

Label: Erato; Vertrieb: Warner, 1 CD

Es erscheint auf den ersten Eindruck ungewöhnlich, doch ein Blick zurück zeigt, dass hier nichts Verwerfliches geschieht: In den Opern Rossinis sind es nicht automatisch Tenor und Bariton, die einander als Widersacher gegenüberstehen. Eine früher durchaus übliche Besetzung bildeten ein lyrischer Tenore di grazia und ein Spinto-Tenor mit leicht baritonaler Grundierung. Die neue CD „Amici e Rivali“ bringt diese Form von vokalem Pas de deux nun wieder ins öffentliche Bewusstsein, mit den Tenören Lawrence Brownlee (als Grazia-Vertreter) und Michael Spyres (als Spinto). Auf dem Programm dieser knapp 80 Minuten stehen Ausschnitte aus sieben Bühnenwerken Rossinis, darunter Il barbiere di Siviglia, Armida, Otello und die eher selten auf Programmen auffindbare Oper Ricciardo e Zoraide. Für vereinzelte Ergänzungen zum vokalen Trio stehen die Mezzosopranistin Tara Erraught sowie Xabier Anduaga als dritter Tenor parat.

Wer nun noch kein Rossini-Anhänger ist, darf sich nebenwirkungsfrei dieser CD als Einstiegs-Verlockung anvertrauen. Hier wird mit Leichtigkeit und Hingabe gleichermaßen gesungen, so dass der vermeintliche Charakter eines Tenorissimi-Wettbewerbs sich rasch als gleichberechtigtes Miteinander auf Augenhöhe herausstellt. Brownlee als der heller timbrierte Tenorino und Spyres als etwas dunkler gefärbtes Pendant bilden ein Amalgam, das nicht das Ergebnis von pauschalem Zusammenklang, sondern das Resultat zweier individuell differenzierender Darsteller ist. Ob ins Komische gewendet oder mit heroischem Anflug – beide Protagonisten gurgeln mit virtuoser Schwerelosigkeit durch die ausgewählten Arien, Duette und Terzette. Man findet nicht einen Takt, der als reines Blendwerk gelten könnte, vielmehr stehen Beweglichkeit und Feuer immer im Zeichen einer durch und durch musikantischen Durchdringung. Wenn Brownlee in höchste Höhen klimmt, wirkt das nie angestrengt oder klingt nach Kraftmeierei. Seine Töne kommen, wenn sie als Attacke gedacht sind, gestochen präzise und betont sanft, wenn Phrasen leise gerundet werden. Ähnlich bei Michael Spyres, dessen warme Grundierung sich mit den oberen Tonregionen organischfließend verbindet. Die Virtuosi Italiani aus Verona spielen unter Corrado Rovaris einen sehr agilen, fein aufgefächerten Rossini. Der eigentlich auf Barockmusik ausgerichtete Schwerpunkt des Orchesters wird hier sehr differenziert aufs 19. Jahrhundert übertragen und mit charakteristischem Brio angereichert.

Christoph Vratz