Foto: Sandrine Expilly

CD des Monats

Fromental Halévy: La Reine de Chypre

Véronique Gens, Cyrille Dubois, Étienne Dupuis, Éric Huchet, Christophoros Stamboglis, Orchestre de chambre de Paris, Flemish Radio Choir, Hervé Niquet

Label: Ediciones Singulares 1032, Vertrieb: Note 1
2 CDs, 1 Buch

Ein Blick in die internationalen Spielpläne suggeriert, dass ihm nur ein einziger Opernhit gelungen sei. Jedenfalls hat es seine Jüdin (La Juive) ins Repertoire geschafft. Dabei liegen von Fromental Halévy insgesamt rund 40 Opern vor. Dass heute fast alle vergessen sind, ist keineswegs der schöpferischen Qualität geschuldet. Für Richard Wagner stand beispielsweise fest, dass sich in La reine de Chypre der neue Stil Halévys mit „größter Brillanz“ offenbare. Der Fünfakter sei „entschieden das Beste auf der Opernbühne seit Meyerbeers Hugenotten“, so Wagner. Hector Berlioz attestierte dem Werk einen ähnlichen Erfolg wie der Jüdin.

Gleichwohl ist die 1841 entstandene Oper im Laufe des 19. Jahrhunderts zusehends in Vergessenheit geraten, obwohl der Stoff auch später noch reflektiert wurde: darunter in Catarina Cornaro von Gaetano Donizetti. Der Palazzetto Bru Zane, dem Institut zur Erforschung der Musik der französischen Romantik mit Hauptsitz in Venedig, hat die Oper nun wieder wach geküsst. Dazu wurden 2017 am Théâtre des Champs-Élysées in Paris Aufführungen und Aufnahmen realisiert. Das Ergebnis liegt als schmucke Buch-CD-Edition vor, überdies in großartiger Interpretation. Dafür steht schon allein Véronique Gens.

Zwischen dem Mezzo-Fach und dem dramatischen Sopran changierend, passt das spezifische Timbre ihres Falcon-Soprans ganz vortrefflich zur Musik von Halévy. Tatsächlich geht diese besondere Stimmlage auf Cornélie Falcon zurück. Die Sängerin hatte bei Uraufführungen von Meyerbeer und Halévy mitgewirkt. In dieser Einspielung gestaltet Gens die Partie der Catarina Cornaro. Ihr Vater, der venezianische Edelmann Andrea Cornaro (sonor: Christophoros Stamboglis), hat sie dem französischen Ritter Gérard de Coucy (klar und strahlend: Cyrille Dubois) versprochen. Indessen verkündet Mocénigo (präsent: Éric Huchet) für den Obersten Rat in Venedig, dass sie den König von Zypern heiraten soll: Jacques de Lusignan (nobel: Étienne Dupuis). Andernfalls droht Andrea die Hinrichtung. Zugleich wird die Ermordung von Gérard angedroht, sollte sich Catarina nicht von diesem offen lossagen. Am Ende kommt das unglückliche Liebespaar doch noch zusammen, als der König von Zypern zwei Jahre nach der Hochzeit mit Catarina stirbt. Die Auswahl der Solisten ist durchwegs klug getroffen, zumal die Timbres die jeweiligen Charaktere in klanglicher Dramaturgie perfekt ausleuchten. Im Mittelpunkt steht jedoch die wunderbare Gens: Es nimmt unmittelbar gefangen, wie sie zwischen dem Lyrischen und Dramatischen wechselt.

Überdies profitiert Gens einmal mehr von ihren einschlägigen Erfahrungen im Barock-Gesang, was ihr zugleich eine stilgerechte, sinnstiftende Ausgestaltung mancher Affekte erlaubt wie auch eine hellhörige Entschlackung. Dafür steht zugleich Hervé Niquet, was im Pariser Kammerorchester sowie dem Flämischen Radiochor viel Agilität entwickelt. Ein hochwertiges, liebevoll gestaltetes Buch mit kenntnisreichen, wissenschaftlich fundierten Aufsätzen und Libretto runden diese glänzende Aufnahme ab. Mit den Buch-CD-Editionen stellt der Palazzetto Bru Zane regelmäßig exemplarisch unter Beweis, dass die Potenziale von Buch und CD noch lange nicht erschöpft sind: Chapeau!

Marco Frei