Juni 2018

Cantata: Werke von Händel, Bach, Vivaldi, Hoffmann

 

Bejun Mehta, Akademie für Alte Musik, Bernhard Forck

Label: Pentatone, Vertrieb: Naxos
1 CD

Fünf Jahre nach seinem letzten Solo-Recital („Che puro ciel“ bei Harmonia Mundi, 2013) und einem Label-Wechsel stellt die neue CD von Bejun Mehta fast eine Art Comeback dar. Mit demnächst 50 Jahren blickt der Großneffe des Dirigenten Zubin Mehta auf eine fast vierzigjährige Gesangskarriere zurück (die als Knabensopran bei Leonard Bernstein begann). Er darf als einer der raren und genuinen Opern-Countertenöre der Gegenwart gelten. Zwischenzeitlich schien eine Talsohle erreicht zu sein und die Geschmeidigkeit der Tonproduktion zu leiden (so 2009 beim Wiener Messiah). Diese Krise, wenn es denn eine war, scheint überwunden. Was Mehta seinem Countertenor auf diesem Album an tonlicher Süße, an Eleganz und knabenhaftem Charme abgewinnt, ist erstaunlich.

Der Titel des Albums „Cantata – yet can I hear...“ – eine Händel-Kantate zitierend – kann einen leicht prätentiösen Unterton nicht verleugnen. Hinter dem, was hier ahnend, raunend herangehört wird, verbergen sich zumeist weniger bekannte Meisterwerke von Händel, Vivaldi und Johann Christoph Bach; vermehrt um eine Trauermusik von Melchior Hoffmann. Und um einen Hit von Johann Sebastian Bach. Freilich ist Mi palpita il cor die am häufigsten gesungene Kantate Händels. Sie wurde von Natalie Dessay und Marie-Nicole Lemieux, daneben von Jochen Kowalski und René Jacobs auf CD aufgenommen. Von niemandem indes mit so luxurierendem Herzensfuror, mit solch tragisch-theatralischem Faltenwurf. Hier zeigt sich Mehta als Händel-Countertenor der Stunde! Prachtvoll – auch ganz herrlich begleitet von der Akademie für Alte Musik – ist ebenso das kurze I will magnify thee HWV 250b sowie The Choice of Hercules HWV 69 (woraus das titelgebende, verklärt traurige „Yet can I hear that dulcet lay“ stammt). Gäbe es der Opern und Oratorien Händels nicht übergenug, diese Nebenwerke dürften weit mehr Bedeutung für sich beanspruchen.

Was Mehta an sängerischer Erfahrung und Überzeugungskraft einbringt, hat indes auch seinen Preis. Länger gehaltene Töne leiern oder tremolieren leicht (was einmal ein Problem werden könnte). Indem Mehta seine durchaus große Stimme hier kleiner hält und zart abdimmt, gewinnt er insbesondere den leisen Passagen enorme Ausdrucksintensität ab. Mit Vivaldis ruhigen Pianti, sospiri setzt er sich durch Feinschliff und milde Sinnlichkeit gegenüber Vergleichseinspielungen wie der von Franco Fagioli an die Spitze der Diskographie – und bietet eine dramatischere Alternative zu Philippe Jaroussky. Mehtas Diktion, so bei Johann Christoph Bachs Lamento „Ach, dass ich Wassers g’nug hätte“ ist fehlerfrei, allerdings nicht immer ganz deutlich. Ernstere Vorbehalte melden sich erst beim bekanntesten Stück der Auswahl, Bachs Solo-Kantate Ich habe genug BWV 82. Für pietistische Inbrunst nämlich scheint Mehtas Stimme allzu lasziv und körperreich. Und selbst die Akamus ermäßigt das Werk zu einem Stück gefälligen Zierbarocks.

Auch die Trauermusik Melchior Hoffmanns (Schlage doch, gewünschte Stunde) zeugt von vielleicht etwas zu viel witwenhafter Extravaganz. Daran zeigt sich, dass wir es eben doch mit kultivierten Grenzgängen eines Opern-Fachmannes zu tun haben, der die Kantaten-Gefilde mit persönlichem Flair und einem Maß an Flamboyanz betritt, so wie er es in der Oper gelernt hat. Also: Kleinere Einwände nur, welche an der preziösen Besonderheit dieses Counters nichts ändern.

Kai Luehrs-Kaiser