Foto: Russell Duncan

CD des Monats

Donizetti, L'ange de Nisida

Joyce El-Khoury, David Junghoon Kim, Laurent Naouri, Vito Priante, Evgeny Stavinsky,
The Royal Opera Chorus, Orchestra of the Royal Opera House Covent Garden, Mark Elder

Label: Opera Rara; Vertrieb: Warner
2 CDs

Komplex ist die Geschichte des letzten der über 70 Musiktheaterwerke Gaetano Donizettis. Bis 2018 war es unbekannt geblieben, und zwar deshalb, weil es schlicht nicht mehr vorhanden war. Acht Jahre hat eine britische Musikwissenschaftlerin gebraucht, um L’ange de Nisida zu rekonstruieren, die erste originale Oper, die der Italiener 1839 für das formal ausdifferenzierte Pariser Musikleben komponierte. Da das Theater Pleite ging, fand die Uraufführung nicht statt. Donizetti ließ aber nur höchst selten etwas verkommen: Die auf der Insel Nisida bei Neapel spielende opera semiseria mit einer komischen Bassrolle und einem hohen Sopran wurde die inhaltlich vergleichbare, nach Spanien verlegte, einen Mezzo im Zentrum präsentierende Grand opéra La favorite.

Die Geschichte blieb aber weitgehend die gleiche. Jene auf Nisida engelhaft Gutes tuende Frau ist in Wirklichkeit die heimliche Geliebte des Königs Ferdinand. Diese Silvia wiederum wird von einem anderen begehrt, dem Soldaten Leone, der nicht weiß, dass sie zugleich Mätresse ist. Als er dies herausfindet, möchte er nur noch Mönch werden. Für La favorite freilich zerstörte Donizetti sein älteres, mit großem Anspruch verfasstes Manuskript und verfrachtete einzelne Nummern in das neue Werk. Eines der verlorengeglaubten Engel-Originale ist etwa gleich zu Beginn die kurze, träumerische Auftrittstenorarie des Leone, jenes naiven Träumers, der nicht weiß, wie es um die Geliebte wirklich bestellt ist.

Wieder einmal ist es den Enthusiasten des seit Kurzem in Deutschland von Warner Music vertriebenen Entdeckerlabels Opera Rara zu verdanken, dass dieses verloren geglaubte Donizetti-Juwel neu ediert wurde und 2018 als konzertante Uraufführung im Royal Opera House Covent Garden herauskam. Auf dem jetzt erschienenen Mitschnitt dirigiert der bewährte Mark Elder vital und mit rhythmisch leichter Hand das Hausorchester.

Aufschlussreich ist hier einmal mehr der Einblick in die wie Copy & Paste funktionierende, hektische, aber effektive Kompositionsweise der Zeit. Man musste, je nach Operntyp, Formmodelle erfüllen. Ein Könner aber variierte und veränderte diese, verdichtete sie außerdem mit unverwechselbaren Melodien. Deshalb fasziniert dieses Werk, das sich in einigen Nummern aus einem noch früheren, unvollendeten Opernentwurf speist und zu anderen Teilen später in Die Favoritin aufging. Die Rekonstruktion erlaubt, Donizettis spezifische Lösungen für die jeweilige Libretto-Situation nachzuempfinden. Auch oder gerade, weil er sich dabei verschiedener Bausteine bediente. Diese freilich wusste er genial professionell anzupassen.

Zu den in den Pariser Opernarchiven wiederentdeckten Originalteilen aus L’ange de Nisida gehört auch das Finale des zweiten Aktes als ein nie versiegen zu scheinender Strom italienischer Operngefühle. Gesungen wird hochsolide, an der Spitze das nicht zueinanderkommende Liebespaar, die etwas schartige Joyce El-Khoury und der zunächst flach klingende, sich später aber steigernde David Junghoon Kim. Vito Priante gibt mit baritonaler Beweglichkeit den für die komischen Momente sorgenden Berater Don Gusman, und Laurent Naouri tritt bewährt bassschlank als König Ferdinand auf. Jetzt harrt der Engel von Nisida nur noch seiner szenischen Weltpremiere – sie soll diesen Herbst beim Donizetti Festival in Bergamo erfolgen.

Manuel Brug