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CD des Monats

Italienisches Liederbuch

Diana Damrau, Jonas Kaufmann, Helmut Deutsch

Label: Erato, Vertrieb: Warner
1 CD

Ein Star singt Lieder. Das geht heutzutage nur in den großen Hallen. Er ist teuer, Karten müssen verkauft werden. Zwei Stars, die Lieder singen, sind noch teurer. Aber da kann man sich immerhin auch mal Ausgefalleneres, nicht so Populäres leisten, zum Beispiel Hugo Wolfs spätes Italienisches Liederbuch. 46 hintergründig feinsinnige Miniaturen in 80 subtil skurrilen Minuten. Sekundenkurz muss Aufmerksamkeit erregt werden. Stimmung und Ambiente wechseln in fast atemlosen Abständen. Nur die Säle bleiben natürlich genauso groß. Und das ist eben die Crux. Man würde sich diese intimen Stücke in einem ebensolchen Ambiente wünschen, ganz nah dran, mit jeder Nuance. Diana Damrau und Jonas Kaufmann, gegenwärtig die beiden weltweit meistgefeierten deutschen Opernstars, machen aber das Beste daraus. Kleine Dinge, die entzücken sollen – im übergroßen Ambiente. 2018 waren sie mit ihrem Wolf-Werk unterwegs, 12 Konzerte, die sie durch Deutschland, nach Paris, Wien, Luxemburg, London, Budapest und Barcelona, aber nicht zum Liebsten nach Penna führten. Am Flügel: Helmut Deutsch, souverän-solides Urgestein deutscher Liedbegleitertradition, nicht nur heimlicher Spiritus Rector dieses Unternehmens.

Damrau im schwarzen Kleid mit roten Strohblümchen, zu den drei Zäsuren in den Hälften wie der Pause wechselte sie ihre Stola, von grün auf rosa, schwarztransparent und hellrot, so wie die umgestellten Lieder, Begehren und Zurückweisung, Trauer und Glauben thematisieren. Sie wirkte natürlicher, ein wenig neckisch, mit fließender Gestik, er – im Frack – verdoppelte manchen Inhalt mit den Armen. Sie sangen beide auswendig, sie mit hellem, klarem, topverständlichem Tonfall. Er brauchte längeren Anlauf, war am stärksten in den kontemplativ-hymnischen Stücken, wenn er die Stimme aufhellte, zurückgenommen die Dynamik anschwellen ließ. Beide können es theatralisch, im besten Fall formten sich Dialoge über längere Liedabschnitte. Es ist eine altmodische und fast schon ferne Kunst, die Paul-Heyse-Nachdichtungen schaffen zusätzlich Distanz, hier jäh ins Heute geholt.

Und jetzt liegt das Ergebnis auch auf CD vor, live mitgeschnitten in Essen. Ohne Optik, nur auf die Stimmen konzentriert, vielleicht haben sie sich dort auch wegen der Mikrofone etwas zurückgenommen. Und es überzeugt, obwohl auf den Booklet-Fotos, Deutsch als nicht lachender Dritter hinter dem (Liebes-)Paar an Caféhaustischen, schon wieder zu viel und eher albern gewitzelt wird. Die Stimmen der beiden Goldkehlchen de luxe sind zwar etwas ferner im Raum postiert, als man das bei einer Studioproduktion machen würde, doch es ergibt sich trotzdem ein sehr spontanes, natürlich sinnliches Klangbild.

Hugo Wolf war immer schon schwer rüberzubringen. Und das püppchenhaft Spitzmündige der Schwarzkopf neben Fischer-Dieskaus jovialem Italien-Touristen, das geht heute gar nicht mehr. Italienisches Liederbuch – modern. Da wird nicht aufgetrumpft, nur mit wenigen Spitzentönen geprunkt. Es ist also Erzählen mit erhobener Stimme, Salonatmosphäre im Riesensaal. Da wird verbal übertrieben und sich kleingemacht, Zerknirschtheit ausgestellt, Leidenschaft unterspielt. Die Damrau ist wirklich das Mädel vom italienischen Land, kokett, soubrettig himmelhoch und betrübt. Kaufmann gibt, baritonal eingedunkelt, wie er es inzwischen präferiert, eher den Beau aus der Stadt. Beide sind sie – ganz wichtig – gute, lustvolle Komödianten. Das putzt immer noch ungemein. Doch, auch diese kleinen Dinge können heute nach wie vor entzücken.

Manuel Brug