Foto: Jiyang Chen

CD des Monats

Richard Strauss: Vier letzte Lieder, Lieder

Diana Damrau, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons, Helmut Deutsch

Label: Erato, Vertrieb: Warner
1 CD

Da blüht die Stimme auf, windet sich beim Vergleich „Wie ein Wunder“ nach oben, verengt sich minimal, um dann beim Beginn der nächsten Strophe, „Du kennst mich wieder“, im zarten Piano schwebeähnlich neu anzusetzen. Es sind diese Girlanden und Übergänge, die Diana Damrau gleich im ersten der Vier letzten Lieder mit großer Selbstverständlichkeit singt und mit Sinn für die dramaturgischen und dynamischen Höhepunkte. Vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wird sie unter Mariss Jansons wie auf Händen getragen.

Das letzte Lied der Strauss’schen Spätlese, „Im Abendrot“, umschrieb die Sängerin in einem Interview wie folgt: „Durch die Bläser entsteht geradezu ein Ozean, auf dem man da als Sängerin schwebt.“ Sie kostet diesen bildlichen Ozean weidlich aus, aber sie gibt sich nicht als wuchtiger Tanker, sondern bewahrt Gespür für die sanften, leuchtenden oder auch herbstlichen Nuancen. Damrau hat diese Lieder auch bei Jansons letztem Konzert im November 2019 in der New Yorker Carnegie Hall gesungen. Die hier vorliegende Aufnahme entstand jedoch bereits im Januar 2019. Der Dirigent tritt damit in Konkurrenz zu seiner eigenen, zehn Jahre früher entstandenen Einspielung mit demselben Orchester und Anja Harteros als Solistin. Jetzt spielt das Orchester mit einer Hingabe, die sich vor allem im exzellenten, hauchzarten Entstehen- und Ausklingen-Lassen von Klängen dokumentiert. So werden die Vor-, Zwischen- und Nachspiele zu gleichwertigen Höhepunkten.

Damrau bezeugt zum einen eine detaillierte Ausarbeitung, vor allem was ihre gewählten Farben betrifft, zum anderen einen großbogigen Strauss-Stil, bei dem lange Linien durch fließendes Legato zusammengehalten werden. Die Stärken ihres Gesangs liegen mehr in den Schattierungen des Leisen als im Lauten, auch überzeugen die hellen Färbungen mehr als die dunklen, die Mittellage mehr als die Spitzentöne. Insgesamt setzt Damrau die Ahnungstiefe des über 80-jährigen Strauss in den Vier letzten Liedern wie an der Grenze zur Selbstvergessenheit um. Glückserwartung findet auf dieser CD ihre Erfüllung auch in der Konsequenz der angewandten Lied-Ästhetik.

Das gilt auch für die 19 Lieder mit Klavierbegleitung, darunter die Mädchenblumen und die drei Ophelia-Lieder. Am Klavier sitzt, ebenso selbstständig wie mit-hörend begleitend, Helmut Deutsch. Hier wirkt Damraus Nuancen-Kunst noch stärker verdichtet. Sie überlässt nichts dem Zufall, wie im an Valeurs reichen „Du meines Herzens Krönelein“; andererseits wirkt ihr Gesang spontan, wie beim auflehnenden „und was weiß ich davon“ in „Nichts“. Wie aus einem Fantasieland heraus gestaltet Damrau den Beginn der „Wasserrose“: „Kennst du die Blume, die märchenhafte“ – ergänzt um die herrlich tropfenartigen Klaviertöne von Helmut Deutsch.

Was man Diana Damrau zugutehalten muss, ist die Tatsache, dass sie nie ein Zuviel an Interpretation wagt. Je natürlicher ihre Stimme klingt, desto berührender wirkt sie. Den Abschluss der Aufnahme bildet „Morgen“, und noch einmal spielen die BR-Symphoniker unter Mariss Jansons. Dieses „Morgen“ wirkt wie die Ahnung von etwas Kommendem, das man auf Erden noch nicht recht begreifen mag – was das moderate Tempo rechtfertigt, das ein Auskosten erlaubt, aber Verschleppen verbietet. Auch Damrau zeigt, dass es einen Liedgesang gibt, der von Natur lebt und Manier nicht braucht. Mit sanften Tönungen fangen alle an diesem Lied Beteiligten den Gefühlsinhalt ein, ohne in die Trivialitätsfalle zu tappen. Eine Aufnahme mit vielen Höhepunkten.

Christoph Vratz