Foto: Igor Studio

Mai 2018

Vivaldi: Gloria, Nisi Dominus, Nulla in Mundo Pax Sincera

Julia Lezhneva, Franco Fagioli, Coro della Radiotelevisione svizzera, I Barocchisti, Diego Fasolis

Label: Decca, Vertrieb: Universal
1 CD

Rund und voll, klangsatt und fließend kommt dieser Vivaldi daher, geistliche Werke des „Prete rosso“, darunter das oft gehörte und eingespielte Gloria, die Diego Fasolis und seine Barocchisti gemeinsam mit Julia Lezhneva und Franco Fagioli aufgenommen haben. Für einen fülligen Chorklang sorgt, präzise und engagiert, der Coro della Radiotelevisione svizzera, der hier in ungewöhnlich starker Besetzung auftritt, zumindest gemessen an der Praxis historischer Informiertheit. Feurig, dabei aber weder in Tempo noch Ausdruck übertrieben, agiert das Instrumentalensemble aus der Schweiz, das Chor und Sängersolisten unter der aufmerksamen Leitung seines Maestro ein komfortables Klangbett bereitet.

Lezhneva und Fagioli: eine reizvolle Stimmenkombination, im Zusammenwirken der Sopranistin mit dem Countertenor. Einerseits passen die beiden Sänger, was die Weichheit ihres jeweiligen Timbres angeht, sehr gut zusammen. Andererseits ergeben sich aus ihren unterschiedlichen Temperamenten recht interessante Reibungen. Diese zeigen sich bereits bei ihrem ersten gemeinsamen Auftreten, im Jubelduett „Laudamus te“, dem dritten, als Kanon angelegten Satz des Gloria. Auf der einen Seite der leidenschaftlich jeden Affekt auskostende Fagioli, vom Barockmusikeifer zu kleineren, durchaus hinnehmbaren Manierismen verleitet, auf der anderen die glasklar und in ihrer Kontrolliertheit manchmal fast etwas kühl, aber mit einer umwerfenden Direktheit artikulierende Lezhneva. Deren Stimme ist so sicher und fest geführt, dass man nicht nur angesichts des religiösen Inhalts in der darauffolgenden, vom Wiegenlied-Rhythmus des Siciliano geschaukelten Arie „Domine Deus“, sein ganzes Gottvertrauen in ihren Gesang legen möchte. Kaum zu glauben, dass die russische Sängerin, die bereits seit einigen Jahre sehr erfolgreich im Geschäft ist, noch immer nicht die 30 überschritten hat. Sie singt hier, als trüge sie die Erfahrung eines ganzen Sängerlebens in sich.

Die große Stunde der Solisten schlägt dann aber eigentlich in den beiden Solostücken, für Franco Fagioli im Nisi Dominus, dessen Herausforderungen er mit der ihm eigenen, wunderbaren Theatralik in der Stimme bewältigt. Mit jener für die Darstellung von barocker Musik so entscheidenden Begabung für Narration und Attraktion verwandelt er das kurze, nur wenige Sätze umfassende Stück in eine Miniaturoper für den gottesdienstlichen Gebrauch, gibt gleichzeitig mit der Musik dem zugrundeliegenden Psalmentext dramatische Gestalt. Die koloraturendurchsetzten Glanzpartien etwa im „Surgite“ gelingen dem Argentinier dabei ebenso überzeugend, wie die lyrischen und eher der stillen Andacht gewidmeten Passagen des „Gloria Patri“.

Ihre ganze Kunst kann Julia Lezhneva dann im abschließenden Nulla in Mundo Pax Sincera in die Waagschale werfen, eine der rund 20 erhaltenen Solomotetten Vivaldis und sicherlich das am wenigsten prominente Stück des Albums. Hier kommt vor allem die Koloratursängerin zu ihrem virtuos verteidigten Recht, einer Disziplin, in der sich Lezhneva innerhalb ihres Stimmfachs anscheinend immer mehr in Richtung Konkurrenzlosigkeit aufmacht. Die Makellosigkeit, mit der sie selbst schwierigste Läufe und Verzierungen ausführt, raubt einem schier den Atem.