Foto: Caroline de Bon

CD des Monats

Schumann, Liederkreis op. 24, Kerner-Lieder op. 35

Matthias Goerne, Leif Ove Andsnes

Label und Vertrieb: Harmonia mundi
1 CD

Mehr als 20 Jahre sind ins Land gezogen, seit Matthias Goerne an der Seite von Vladimir Ashkenazy Robert Schumanns Liederkreis op. 24 aufgenommen hat (Decca, 1997 in Kombination mit der Dichterliebe). Nun wagt der Sänger einen neuen Anlauf, und wieder vertraut er auf einen Pianisten, der eher als Solist bekannt ist: Leif Ove Andsnes. Der verfügt, nicht nur dank seiner gemeinsamen (Schubert-)Projekte mit Ian Bostridge, auch über hinreichend Lied-Erfahrung. Als Duo harmonieren Goerne und Andsnes sehr gut. Von der Aufnahmetechnik erscheint das Klavier eine Spur stärker bevorzugt, doch diese Ausgangslage missbraucht Andsnes nicht. Er weiß um das Gebot der Zurückhaltung, aber auch um die Notwendigkeit von Farben. Die steuert er, dem jeder Starkult fremd ist, in reichlichem Maße bei: durch klar abgehobene Melodietöne und vor allem durch, je nach inhaltlichem Bezug, unterschiedlich getönte Bassnoten – mal kräftig pulsierend, mal sanft federnd. Konzentriert man sich beim Hören zur Abwechslung einmal nur auf den Klavierklang, wird man von Andsnes reich belohnt.

Als Scharnierstück in diesem Heine-Zyklus darf das „Schöne Wiege meiner Leiden“ gelten. Das Tempo ist moderat gewählt, den Stimmungs-Gegensatz von „schön“ und „Leiden“ fangen die beiden Musiker ideal ein, Goerne mit seiner warm-sonorbassigen Bariton-Stimme, Andsnes durch kluge Kommentierungen der linken Hand. Man hat dieses Lied schon drängender, dramatischer gehört. Hier aber herrscht bewusste Zurückhaltung – zunächst! Ein berührend schlichter, von sanfter Wehmut geprägter Rückblick des singenden Ich. Dann folgt der plötzliche Umschwung: „Hätt‘ ich dich doch nie gesehen“. Die Idylle ist passé, markig nun der Ton. Doch dann kehrt das erste Thema wieder, Andsnes lenkt behutsam hinüber, und Goerne wechselt passend dazu die Farbe. Die Unruhe in „Es treibt mich“ lebt von einem gesunden Maß an Nervosität, die dumpfe Drohgebärde in „Warte, warte, wilder Schiffmann“ gelingt ebenso authentisch wie die choralartige Feierlichkeit in „Anfangs wollt‘ ich fast verzagen.“

Diese Aufnahme ist reich an Ausdrucksnuancen, an Stimmungen und erhellenden Deutungen des Wort-Ton-Geflechts. Der zweite Teil dieser Aufnahme bietet die Kerner-Lieder op. 35, die erst vor wenigen Wochen das Duo Gerhaher-Huber in einer mustergültigen Weise auf CD vorgelegt hat. Nun darf man vieles, aber sicher nicht den Bariton Gerhaher mit dem Bariton Goerne vergleichen – zu unterschiedlich ihre Timbres, ihre Stimmhöhen, ihre Herangehensweisen. Einen gemeinsamen Nenner aber gibt es: Auch Goerne gestaltet diese Lieder nicht gelehrig oder vor Emotionen überbordend, sondern ganz im Dienste Schumanns, aus den Noten heraus. Die „Lust der Sturmnacht“ wirkt von Beginn an bedrohlich, aber nicht weltuntergangsreif, das „Erste Grün“ gelingt im besten Sinne naiv-hoffend, aber ein wenig Winter-Schmerz schwingt immer noch mit. Wie Andsnes den Aufbruch-Rhythmus in „Wanderung“ gestaltet – pointiert und nobel zugleich, weich und doch klar – verdient große Anerkennung; auch Goerne lässt sich vom aufwühlenden Grundduktus nicht verführen. Grundsätzlich werden hier übertriebene Gesten gemieden, weil beide Musiker ganz auf die Essenz der Musik vertrauen. „Stille Tränen“ oder „Wer machte dich so krank?“ bleiben frei von falscher Traurigkeit.

Insgesamt liegt hier ein sehr homogenes, gedanken- und stimmungsreiches Schumann-Album vor, dem man durchaus die eine oder andere Fortsetzung wünschen würde, auch weil die beiden Solisten sich als Duo zu einer rundum überzeugenden Einheit gefunden haben.

Christoph Vratz