Foto: Amati Bacciardi

DVD des Monats

Gioachino Rossini:
Ricciardo e Zoraide

Pretty Yende, Juan Diego Flórez, Sergey Romanovsky, Victoria Yarovaya, Nicola Ulivieri, Xabier Anduaga,
Coro del Teatro Ventidio Basso, Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI, Giacomo Sagripanti

Label: C Major; Vertrieb: Naxos
2 DVDs

Wir geben ehrlich zu, viel Sinn ist aus dieser vor Vokalverzierungen und technischen Schwierigkeiten strotzenden Rossini-Oper nicht herauszuholen. Kein Wunder, dass Ricciardo e Zoraide zu dessen äußerst selten gespielten Werken gehört – ach was, sich auf gelegentliche Begegnungen bei den Festivals in Pesaro und Bald Wildbad beschränkt. Im Schwarzwald hat man es 2013 konzertant gegeben und bei Naxos auf CD veröffentlicht; an der Adria wurde es 1990 immerhin unter Riccardo Chailly gespielt und 1996 wiederaufgenommen. Die jeweiligen RAI-Aufzeichnungen gab es als halblegale DVD bzw. schnell vergriffene Festival-CD. 1995 folgte zudem eine Studioaufnahme bei Opera Rara.

So konnten Rossini-Liebhaber und Belcanto-Leckermäuler ohne Italienexkursion befriedigt feststellen: Hier werden sie vokal-geholfen. Auch wenn das stereotype, kaum Action bietende Libretto klappert: Es wird göttlich schön und überaus raffiniert gesungen. Denn dieses 1818 komponierte Opus ist ein Festessen für Singvögel allerbester Sorte. So wie sie am neapolitanischen Teatro San Carlo engagiert waren, und Rossini sie für einige seiner sattesten Serias nutzen konnte. Hier schnurrt die hohe Schule der Verzierungskunst als Experiment ab; zu Ungunsten der Solonummer, hin zu immer komplexeren Formen ineinander verzahnter Duos und Ensembles bis hin zu großen Szenenkomplexen sich steigernden Finali. Für das vor Ort bewährte Virtuosen-Trio aus Ehefrau Isabella Colbran, dem hohen Tenor Giovanni David und dem Baritenore Andrea Nozzari fiel trotzdem wirkungsbewusst Arioses ab. Da lässt sich auch heute mit einer Spitzenbesetzung vokal schwelgen.

2018 war es in Pesaro wieder Zeit für eine Ricciardo e Zoraide-Neubegegnung. Die aus einer Ritterroman-Parodie destillierte Multikulti- Kreuzfahrer-Oper kann man kaum inszenieren, heute schon gar nicht mehr politisch korrekt. Also machten der ehemalige Tänzer Marshall Pynkoski und dessen in unverhohlener Ballettromantik choreografierende Frau Jeannette Lajeunesse Zingg aus der rationalen Regie-Not eine blühende Bildertheater-Tugend. Sie prunken auf einer altmodisch gemalten Kulissenbühne mit knalligen Farben, exotischen Formen und orientalischen Fantasien. Inklusive Spitzentanztruppe werden historistisch versiert, stets leicht asymmetrisch gestaffelt, opulente Tableaux arrangiert. Die Protagonisten agieren over the top, mit nostalgie-ironischem Augenzwinkern. Und haben eine exquisite, von jedem Sinnzusammenhang unangekränkelte Singzeit.

Das ist so lustig wie überbordend üppig anzuschauen, legitimiert freilich durch musikalische Extravaganz wie Exzellenz. Juan Diego Flórez als männlich metallischer, steigfester Ricciardo erscheint wie eine Operettendiva – spät und absurd in der Gondel mit appetitlichen Matrosen und Fahnenschwenkern. Als zweiter Tenor Agorante offeriert Sergey Romanovsky Brusthaar und virile Klangspitzen. Die betörend lyrische, üppig ihre Sopranwärme in die Stratosphäre schießende Pretty Yende ist eine starke Zoraide neben ihrer Mezzorivalin Zomira (Victoria Yarovaya brustet dramatisch). Als Ircano ist Nicola Uliveri bewährt martialisch, und als lächelnder Tenor-Dritter lässt gleißend der gerade mit dem OPER! AWARD als bester Nachwuchskünstler ausgezeichnete Xabier Anduaga aufhorchen. Giacomo Sagripanti am Pult des Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI sorgt für instrumentale Rossini-Pracht.

Manuel Brug