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CD des Monats

Camille Saint-Saëns:
Le timbre d’argent

Jodie Devos, Tassis Christoyannis, Hélène Guilmette, Edgaras Montvidas, Yu Shao, Accentus, Les Siècles, François-Xavier Roth

Label: Bru Zane; Vertrieb: Note 1
2 CDs

Die Flut an Wiederentdeckungen muss man nicht goutieren, sie kann mühsam sein. Allerdings nicht im Fall des Palazzetto Bru Zane. Seit 2009 erforscht und verbreitet man dort das französische Musikerbe. Ein Repertoire wird erschlossen, das in weiten Teilen vergessen ist. Dabei werden in aller Regel echte Schätze gehoben. Das zeigt auch die jüngste Wiederentdeckung, die jetzt als schmucke Buch-CD-Edition im Eigenlabel erschienen ist: Camille Saint-Saëns’ Operndebüt Le timbre d’argent. Dieses liegt nun als Ersteinspielung vor, in der Fassung von 1914, denn: Die Erstlingsoper war eine schwere Geburt. Obwohl schon 1864 entstanden, wird sie erst 1877 am Théâtre National Lyrique uraufgeführt – mit gesprochenen Dialogen. Als dieses Theater schließt, kommt auch die nachhaltige Pflege des Werks zum Erliegen. Ganze zehn Mal wird es von Saint-Saëns revidiert. Die hier eingespielte Fassung ist für La Monnaie in Brüssel entstanden. Die Besetzung folgt wiederum einer Aufführung an der Opéra Comique, die im Sommer 2017 im Rahmen des Pariser Palazzetto-Festivals stattfand.

Ob Jodie Devos als Rosa, Tassis Christoyannis als mephistophelischer Spiridion, der lyrisch-warme Tenor von Yu Shao als Bénédict oder das unter François-Xavier Roth auf historischen Instrumenten ganz exzellent musizierende Ensemble Les Siècles: Diese Gesamtaufnahme ist ein großer Wurf. Ein Werk bereichert hier das Repertoire, das kunstvoll zwischen Tragik und Komik changiert – und zwischen Sein und Schein, Traum und Albtraum. Der verarmte Maler Conrad (präsent: Edgaras Montvidas) sehnt sich nach Liebe und Ruhm, um bald im Fieberwahn von erschreckenden Visionen heimgesucht zu werden. Alles dreht sich um ein Glöckchen, dessen silberner Klang denjenigen Reichtum beschert, die es bedienen, aber: Eine nahestehende Person muss dafür sterben. Die Strippen zieht der böse Spiridion. Am Ende erkennt Conrad, das Hélène (eindrücklich: Hélène Guilmette) ihn aufrichtig liebt. Das Libretto haben Jules Barbier und Michel Carré kredenzt, bekannt von Gounods Faust und Offenbachs Les contes d’Hoffmann. Genau das passt vortrefflich, zumal dieser Stoff an diese Opern erinnert – mit einem Schuss Symphonie fantastique von Hector Berlioz. Rein musikalisch wähnt man sich hingegen bisweilen in einer bitterbösen Operetten-Groteske von Offenbach, was die dramatische, aber nie kopflos überhitzte Leitung von Roth wirkungsvoll durchdringt. Allein die zwölfminütige Ouvertüre ist ein absoluter Hörkrimi. Diese Ersteinspielung wirft ein gänzlich neues Licht auf einen Komponisten, der sich sonst gern auch mal altbacken und brav geriert.

Marco Frei