Foto: Fadil Berisha

CD des Monats

Ermonela Jaho: Anima Rara

Ermonela Jaho, Orquestra de la Comunitat Valenciana, Andrea Battistoni

Label: Opera Rara; Vertrieb: Warner
1 CD

Ihr Name ist eng mit dem Puccinis verbunden, unter anderem, weil sie 1904 die Cio-Cio-San bei der Uraufführung der Madama Butterfly gesungen hat; auch ihre Nähe zu Arturo Toscanini – im Beruflichen wie im Privaten – illustriert ihren Platz in der Musikgeschichte. Gemeint ist Rosina Storchio, die italienische Sopranistin. Auf ihre Spuren hat sich nun für ihr solistisches Debüt-Album die albanische Sängerin Ermonela Jaho begeben. Kein Wunder, dass sie ihre Aufnahme mit Butterfly eröffnet und nach 14 Titeln auch wieder beschließt. Dazwischen findet sich Vergessenes wie Siberia von Giordano (Storchio sang 1903 bei der Uraufführung die Stephana) und Mascagnis Lodoletta (auch hier prägte Storchio 1917 die Premiere). Dazu Französisches von Massenet, und das gleich dreifach: zwei Ausschnitte aus Sapho, einer aus Manon. Auch Leoncavallos Bohème ist doppelt vertreten, ebenfalls eine Reminiszenz an die Protagonistin der Uraufführung.

Also ein Programm, das mit Bedacht gewählt wurde und sich zugleich an Jahos bisherigen Bühnenerfolgen orientiert. An ihrer Seite spielt, aufmerksam und gerade in den leisen Stellen fast kammermusikalisch, in Momenten des Leids mit wunderbar seidigen Streichern, das Orquestra de la Comunitat Valenciana unter Andrea Battistoni.

Diese Aufnahme wird nicht Jahos letzte sein. Sie singt sich nicht fortissimo ins Rampenlicht, sondern vor allem mit leisen, wie aus dem Nichts aufblühenden Tönen, wie in der großen Szene aus Lodoletta. Jaho verinnerlicht die Musik und bringt immer wieder ihre lyrischen Gestaltungsqualitäten zum Ausdruck. Sie hat keine giftige Stimme, aber, wo gefordert, durchaus eine energische, wie in der „Adieu“-Arie aus Massenets Manon. Sie verleiht dem Schmerz der ausgewählten Frauenpartien Nachdruck, dem Leiden Melancholie und Intimität.

Jaho, deren Vibrato gleichmäßig und eher schnell schwingt, überzeugt vor allem, wenn sie Situationen des Verletztseins durchlebt, wenn sie als einfühlsam Liebende in klug gewählten Farben ihre Betrübnisse und Hoffnungen besingt. Die runde Mittellage verrät oft eine Wärme, die erklärt, warum man Jaho bei ihrer Ausbildung in Italien zunächst als Mezzo einstufen wollte. Man höre sie in „Teneste la promessa“ aus Traviata, eine von Jahos Vorzeigerollen der letzten Jahre. Hier erfährt man, warum: Verzicht auf Effekte, Konzentration auf Linienbildung, Atem und Ausdruck. Das Orchester aus Valencia gibt ihr entsprechend viel Raum zur Entfaltung – großes Kompliment, hier wird nie zugedeckt und ebenfalls mit feinen, oft leisen Mitteln gearbeitet. Mit diesem Solo-Debüt wird kein Ad-hoc-Sternchen ins Rampenlicht gehoben, sondern eine Sängerin, die all ihre Qualitäten behutsam hat entwickeln können.

Christoph Vratz