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CD des Monats

HerzTod: Lieder von Brahms, Wolf, Wagner und Mahler


Günter Groissböck, Gerold Huber

Label: Decca, Vertrieb: Universal
1 CD

Er ist seit kurzem ein besonders salbungsvoller Parsifal-Gurnemanz, der beste, weil kraftkerlig-sinnlichste Ochs auf Lerchenau im Rosenkavalier ist er sowieso. 2020 wird er in Bayreuth als Wotan im neuen Ring debütieren. Und Verdis König Philipp kündigt sich an. Doch der niederösterreichische Bass Günther Groissböck, mit Wohnsitz im Tessin, wo der Radfahrer viel Sonne und viele Kurven hat, mag sich mit den Opernbühnen der Welt nicht zufriedengeben. Seit einiger Zeit zieht es ihn mit Vehemenz auch zum Lied. Nach einer trüben, doch sehr Schubert-sensiblen Winterreise hat er nun bei der österreichischen, aber weltweit vertriebenen Decca seine zweite Solo-CD vorgelegt. Und wieder hat er sich mit dem tastenfeinen Gerold Huber einen der Spitzenbegleiter gesichert.

Promotet mit einem getragenen Schwarzweißvideo, auf dem die Wellen an das Bootshaus am Ufer eines winterlichen Sees schlagen, nennt Günther Groissböck die jüngste Scheibe HerzTod, „eine Art künstlerisches Glaubensbekenntnis“. Das freilich ist ein explizit düster-melancholisches. Obwohl Groissböck eigentlich ein durchaus heiterer Mensch ist. Doch Brahms’ Vier ernste Gesänge, der Michelangelo-Zyklus von Hugo Wolf, Wagners sonst meist von Frauen interpretierte Wesendonck-Lieder oder die Rückert-Lieder Gustav Mahlers, gipfelnd im hier schön vokal ausgesponnenen „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ – das ist die volle Traurigkeit des 19. Liedjahrhunderts. Die Groissböck aber so souverän gestaltet, dass man nicht völlig im Tränensee wegsuppt.

Denn schon die herbe Brahms-Gruppe hat bei aller Abgründigkeit und Schwermut ein kerniges Urvertrauen in den auch tröstlichen Text und die Heilswirkung des Singens. Zumal Groissböck das Kunststück gelingt, zugleich sehr kernig zuzupacken und trotzdem ebenso lyrisch wie schlank im Notenfluss zu bleiben. Stets beherzt setzt Gerold Huber darunter die Akkorde, so dass nichts ins Schleppen gerät, gar tranig wird. Die dunkle Stimme, die schön fundamentierte Tiefe trägt sicher und zuverlässig.

Auch den Wolf’schen Michelangelo-Zyklus interpretiert Günther Groissböck renaissancehaft stilisiert ganz vom Wort her. In den Wesendonck-Liedern aber gibt er sich generös hin, lässt sein schönes Material laufen und legatofein schweben. Das freilich wissentlich und kontrolliert. Perfekt fokussiert hört man gern seinem erzgesunden Organ zu. Dieser Bass ist wirklich eine sängerische Naturbegabung mit einer haselnussfarbenen Stimme, die kantig und weich sein kann, hell eingefärbt ist, oder geheimnisvoll lockt. Minutiös und trotzdem zwanglos wechselt Groissböck zwischen Eintrübung und Aufheiterung, Mathilde Wesendoncks romantisch-melancholische Naturlyrik findet ihre vokal vollkommene Entsprechung; durch die tiefe Stimmlage sogar noch dringlicher und nachdrücklicher.

Und bei der weltumarmenden wie tieftraurigen Mahler-Selektion stellt man dann ergriffen fest: Da verschmilzt jemand mit dem Notenstrom, setzt Töne in Bewegung um – und bewegt mit seinem uneitlen, dabei wachen, individuell dramatisierten, trotzdem in jeder Silbe verstehbaren Vortrag. Es mag ans Herz greifen, aber Sterben muss nach dem Genuss dieser CD keiner. Wir warnen aber vor leicht schattigen Nebenwirkungen. Und können schon vorausblicken: Ein gar nicht altmodisches Balladenprogramm plant Günther Groissböck als Nächstes. Und eine CD mit Wiener Liedern – vom Schrammel-Heurigen bis Qualtinger und Kreisler.

Manuel Brug