Foto: Ruth Walz

DVD des Monats

Giuseppe Verdi: Simon Boccanegra

Luca Salsi, Marina Rebeka, René Pape, Charles Castronovo, André Heyboer, Wiener Philharmoniker, Valery Gergiev

Label: Unitel; Vertrieb: Naxos
2 DVDs

Auf der Bühne des großen Festspielhauses ist es gleißend hell. Das Licht drückt auf die Flächen von Harald B. Thors hohen Wänden und das Meer hinter den Mauern. Nur wenige Momente menschlicher Nähe gestattet Andreas Kriegenburg in seiner Inszenierung der späten Fassung von Verdis pessimistischer Dogen-Tragödie von 1857/1881. Bei den Salzburger Festspielen 2019 sind die den Korsaren Simon zum Oberhaupt von Genua machenden Handwerker und Fischer graue Bürokraten, alle in digitaler Hypnose gebannt durch Tablets und Smartphones. Nicht einmal auf den Tod ist Verlass: Der zum Dogenmörder werdende Paolo gibt sich vor seiner Hinrichtung mit Gift den Rest.

Ende des historischen Fortschritts. Kriegenburg zeigt keine Milieu-Veränderung zwischen dem Prolog und den 20 Jahre später spielenden drei Akten, in denen nach dem Regierungswechsel die Reibungspower zwischen Adel und Volk nicht abkühlt. Der Kunsthandwerker Paolo und der für ihn vom politischen Gefährten zum Gegner werdende Simon Boccanegra verstricken sich ebenso in Diskrepanzen von Wollen und Müssen wie Alberich und Wotan bei Wagner. Allerdings haben die Versöhnungsappelle von Boccanegras Tochter Maria keineswegs die utopische Kraft von Brünnhildes Schlussvision.

Herbert von Karajan hatte bei seiner Entdeckung des späten Verdi für die Salzburger Festspiele vor über 40 Jahren einen großen Bogen um Simon Boccanegra gemacht. Valery Gergievs Deutung ist weitaus faszinierender als sein Bayreuther Tannhäuser. Wenn sich aus den packend dicht spielenden Wiener Philharmonikern Valeurs und verlangsamt wirkendes Strömen schält, geschieht das in faszinierend dunkler Monumentalität. Dazu hat Gergiev um das latent kühl-klare Kraftfeld von André Heyboers Paolo ein persönlichkeitsstarkes Ensemble zur Verfügung: René Pape gibt, im italienischen Fach eher trocken, den abgedankten Spitzenpolitiker Fiesco mit kraftvoller Präsenz. Marina Rebeka profiliert sich als Boccanegras wiedergefundene Tochter Maria durch Glanzhöhe und beeindruckende Tiefe. Charles Castronovo beweist, dass die Partie des Gabriele Adorno wesentlich spannender ist als oft behauptet. Luca Salsi ist definitiv kein Doge, dem man die Bürde des Amtes ansieht und der weniger am Gift als an innerer Auszehrung stirbt: ein italienischer Bariton, der den Vokalbizeps im Zaum hält und betörend schmerzlich seine Sehnsucht nach dem Meer besingt. Pessimismus kann schön sein.

Roland H. Dippel