Foto: Bjørn Woll

Thema

Aufnahmen für die Ewigkeit

Deutschland steht still. Und nach der Aufregung der ersten Tage stellt sich nun die Frage: Wie umgehen mit all der Zeit, die man in den eigenen vier Wänden verbringen soll? Wie wär’s mit dem Stöbern im heimischen CD-Archiv? Unser Autor hat genau das gemacht und zehn völlig subjektive Empfehlungen zusammengestellt.

Etwa 25.000 CDs füllen die unzähligen Regale. Welche also zuerst herausnehmen? Eine Aufnahme mit Maria Callas – das ist klar. Aber welche? Ihre Norma, ihre Lucia, ihre Traviata? Allesamt Meilensteine der Diskografie und bis heute Referenzen. Doch die Wahl fällt auf eine andere Einspielung, den Live-Mitschnitt von Cherubinis Medea von 1958 in Dallas. Es ist eines der beeindruckendsten Klang-Denkmäler seit Beginn der Tonaufzeichnung. Bereits im Vorfeld der Produktion gab es vertragliche Streitigkeiten mit der Met und deren selbstherrlichem Impresario Rudolf Bing. Nachdem Callas auf ein auf den Tag der Premiere datiertes Ultimatum nicht reagierte, erklärte dieser ihren Kontrakt für nichtig. Der folgende Medienrummel kannte keine Grenzen und zwang die Sängerin, sich vor ihrem Auftritt stundenlang vor der Presse zu rechtfertigen. Doch die eigentliche Antwort bekam Bing von der Bühne. Medeas vergiftete Worte zu Ende des ersten Aktes richtete Callas mit ebensolcher Wucht gegen Jon Vickers, den Jason der Aufführung, wie gegen Bing. Ihr Gesang ist während der kompletten Aufführung von einem alles versengenden Feuer durchglüht, das seinesgleichen sucht. „Ah! Triste canto!“ wird zum infernalischen Triumphgeheul – und was sich am Ende der Oper ereignet, kann man nur als selbstzerstörerisch bezeichnen. Die Sängerin steigert sich in einen Rausch jenseits menschlichen Fassungsvermögens. Der von Büchner beschworene menschliche Abgrund, in Callas’ monströser Medea tritt er klingend auf die akustische Bühne.

Von einem inneren Feuer durchglüht ist auch Strauss’ Salome unter Herbert von Karajan, in deren Zentrum die noch blutjunge Hildegard Behrens steht. Es war ihre erste Plattenaufnahme – und ein Geniestreich des Maestros: Von ihrem ersten Einsatz fesselt die Sängerin bis hin zur grandiosen Schlussszene, in der Behrens ein Meisterstück gelungen ist. Schon das atemlos geflüsterte „Es ist kein Laut zu vernehmen“ zeigt die Figur am Rande der Hysterie, bis mitten in das von Karajan hitzig aufgepeitschte Orchester der orgiastische Aufschrei „Ah! Du wolltest mich nicht deinen Mund küssen lassen“ platzt. Die Stimme hat hier einen aufreizenden Schimmer und enormen Thrill, mit dem das eher nicht so voluminöse Organ von Behrens die Orchesterwogen wie ein Wetterleuchten zerreißt. Und nicht nur das: Im Singen von Hildegard Behrens offenbaren sich auf geradezu erschreckende Weise die bis ins Pathologische gesteigerten Liebes- und Sexualfantasien von Strauss’ Kindfrau. Nicht selten gewinnt das Spiel der Sängerin dabei eine theatralische Plastizität, die sogar kleinste Gesten vor dem inneren Auge sichtbar werden lässt. Wenn sie mit fast überirdisch schönem Piano die Phrase „Du warst schön“ beendet, spürt man förmlich, wie sie mit krankhafter Begierde dem abgeschlagenen Haupt des Jochanaan über die blutverschmierten Haare streicht. Die beste Salome auf Platte: bis heute – auch wenn sie die Gefährdung der Stimme warnend hörbar macht.

Nach derart viel Aufregung lässt sich der Puls mit Purcells Dido und Aeneas wieder beruhigen – am besten in der Aufnahme von 1961 mit der herausragenden Janet Baker. Im bewegenden Schlussgesang der Dido ist ihr Vortrag von der zeitlosen Schönheit einer Renaissance- Skulptur, ihre Töne sind wie Marmor und Alabaster. Vor allem aber hat ihr Gesang wahre menschliche Größe, weil sie sich als Künstlerin vollständig hinter diese Musik zurücknimmt, zum Medium wird für deren emotionalen Gehalt. Anrührend zum Beispiel ihr „Remember me“, das zum innerlich bebenden Aufschrei wird, mit einem wunderbar ausgeformten Diminuendo am Schluss. Ein seltenes Beispiel für wahrhaft glorioses und erhabenes Singen!

ERREGENDER HÖHEPUNKT MIT JONAS KAUFMANN

Eine überragende Einspielung ist auch Webers Oberon, zu der John Eliot Gardiner eigene Erzähltexte verfasst hat. Lohnend ist die Produktion von 2002 jedoch nicht nur wegen des farbenreichen und höchst lebendigen Dirigats des Alte-Musik-Experten, sondern auch wegen der sängerischen Leistungen: Hillevi Martinpelto führt ihren Sopran im epischen „Ocean! thou mighty monster“ wie ein Leuchtschwert und besteht auch die abschließenden trickreichen Koloraturenpassagen mit Bravour und Grandezza. Als Hüon reüssiert an ihrer Seite, hier noch ganz am Anfang seiner Karriere: Jonas Kaufmann. Was der Komponist vom Tenor in der Arie „From boyhood trained“ verlangt, ist eine kleine Gemeinheit – und Kaufmann macht das Bravourstück mit noch jugendlichem Feuer und Verve zu einem erregenden Höhepunkt der Aufnahme. Kein anderer Tenor hat das auf Platte derart bravourös gesungen.

Ganz am Anfang ihrer Plattenkarriere stand auch Joyce DiDonato auf dem Album „Amor e gelosia“, das sie 2003 gemeinsam mit Patrizia Ciofi unter Alan Curtis eingesungen hat. Der Label-Chef Alain Lanceron war es, der die 1969 in Kansas geborene Sängerin für Virgin entdeckte. Der ist eine Art Künstler- Seismograph und hat auch die internationalen Karrieren von Rolando Villazón und Diana Damrau maßgeblich mit angeschoben. Und auch im Fall von Joyce DiDonato lag er goldrichtig: Was für ein Instrument war das schon damals, ein honigwarm schimmernder Mezzo. Wenn die beiden Stimmen in den Engführungen von „Caro amico amplesso!“ fast zu einer verschmelzen, die eine der dunklere Schatten der anderen, ist das ein Sinnenzauber der besonderen Art. Der oft bemühte Vergleich von der „Fülle des Wohllauts“ aus Thomas Manns Zauberberg, hier ist er wirklich einmal angebracht.

Während Joyce DiDonato längst zu den berühmtesten Sängerinnen unserer Zeit gehört, ist die 2006 an Krebs gestorbene Lorraine Hunt Lieberson stets eine Stimme für Kenner und Liebhaber gewesen. Was vielleicht auch daran lag, dass die Mezzosopranistin, die zunächst Bratsche in der lebendigen Barock-Szene von Boston spielte, nur selten in Europa zu erleben war. Und mit der Bratsche hat ihr Mezzo dann auch einige klangliche Gemeinsamkeiten. Vor allem aber war diese Stimme ein höchst emotionales Instrument, dessen Töne mitten ins Herz ihrer Zuhörer trafen. Um den Ausnahmerang von Lorraine Hunt Lieberson zu begreifen, reicht eine einzige Aufnahme: „As with rosy steps the morn“ aus Händels Theodora. Schon in den Anfangstakten verbindet sich das unverwechselbare Timbre mit einer perfekten Atemkontrolle zu einem Gesang von ungewöhnlicher Eindringlichkeit. Auch weil die Sängerin sich selbst, ganz ähnlich wie Janet Baker, völlig zurücknimmt. Ihr Vortrag ist von einer bezwingenden Natürlichkeit, aus ihrer Kehle spricht nur die Stimme der Musik. Doch damit allein ist das Phänomen Lorraine Hunt nicht zu erklären. Denn da ist etwas im Klang dieser Stimme, das den Zuhörer zutiefst bewegt. Es ist ein Seelengesang, der jeden Ton, jede noch so kleine Verzierung zu einer berührenden Ausdrucksgeste werden lässt. Zu hören ist das kurz vor Abschluss der Arien, wenn die Sängerin auf dem Wort „Hoffnung“ eine kleine Koloratur singt. Es ist ein fast transzendentaler Moment – an dessen Ende sich einfach nur der Himmel öffnet.

MITTEN HINEIN INS HERZ DER ZUHÖRER

Aus dem Tal der Tränen wieder heraus finden wir mit einer weiteren Entdeckung: Sesostri von Domènec Terradellas. Die Aufnahme muss man einfach gehört haben, besser gesagt zumindest die Arie „Talor se perde i figli“, hier gesungen von Alexandrina Pendatchanska, noch bevor sie ihren Namen zum werbewirksameren Alex Penda verkürzte. Das ist ein Singen im Dauererregungszustand über dem permanent aufgewühlten Spiel der Reial Companyia Òpera de Cambra unter Juan Bautista Otero. Mit unbändiger Lust an der eigenen Virtuosität schmeißt sich die Sängerin mit explosiver Attacke in die Koloraturen, immer auf dem vokalen Gaspedal, um am Ende in fast tenorale Tiefen hinabzustürzen. Zugegeben, das ist nicht gerade mit dem feinen Pinsel gezeichnet und auch keine Meisterleistung differenzierten Singens, in den vokalen Energien, die von der Sängerin freigesetzt werden, jedoch staunenswert und mitreißend.

Doch zurück zu den Tränen. Eine solche weint Jon Vickers auf zauberische Weise in Beethovens Fidelio. Jedoch nicht in der längst legendären Studioproduktion mit Christa Ludwig, sondern auf einem Live-Mitschnitt von 1961 neben der Leonore von Sena Jurinac. In seiner großen Szene zu Beginn des zweiten Aktes – dem erschütternden Aufschrei auf dem hohen G folgt ein tonlos-stockendes „Welch’ Dunkel hier!“ – fasst Vickers den psychischen Zusammenbruch Florestans in eine einzige vokale Geste. Nicht weniger berührend das zerdehnte „O grau-en-volle Stille!“ und das nachträumende „In des Lebens Frühlingstagen“. Gäbe es nicht diesen Anfang, würde ihm allein sein „Willig duld’ ich alle Schmerzen“ – mit der Klang gewordenen Träne auf „alle“ – einen Platz im Schallplatten- Olymp sichern. Den reklamiert er endgültig für sich mit dem Szenen-Schluss: Die Melodiebögen werden zur schockierenden Klangrede eines irrlichternden Geistes, der sich in die rasende Vision des „Engels Lenore“ steigert.

Ein Monument für die Ewigkeit ist auch George London gelungen. Auf einem Arien-Recital von 1953, mit dem Orchester des Bayerischen Rundfunks unter Hermann Weigert, singt er unter anderem „Wotans Abschied“ aus der Walküre. Was für eine Stimme! Welche Klangpracht! Welche Persönlichkeit! Welch exemplarische Textverständlichkeit! Bei keinem anderen Sänger wird der gefallene Göttervater so schmerzlich menschlich, zum ebenfalls grandios aufspielenden Orchester. Wenn London „Der Augen leuchtendes Paar“ mit tiefem Schmerz und Trauer tränkt, bleibt kein Auge trocken – zumindest nicht, wenn man ein Herz hat. Am Ende schwingt er sich dann wieder auf zu göttlicher Größe mit einer sagenhaft imperialen Stimmgebung.

Zum Abschluss, als sozusagen Heilmittel in diesen so bedrohlichen Zeiten, natürlich Musik von Mozart. Und in diesem Fall eine Aufnahme für die einsame Insel. Über den Mozart-Zyklus von René Jacobs ist viel gesagt und geschrieben worden. Es war und ist ein Aufnahmeprojekt von historischer Bedeutung in der Mozart- Rezeption im Zuge der historischen Aufführungspraxis. Ein Wurf von geradezu genialer Geschlossenheit ist ihm dabei vor allem mit Così fan tutte gelungen, unter anderen mit Véronique Gens, Bernarda Fink und Werner Güra. Einzelne Arien oder Ensembles zu nennen verbietet sich hier geradezu, weil die Einspielung in ihrer Gesamtheit schlicht makellos ist. Seelenbalsam aus der Tonkonserve

Bjørn Woll

Honigwarmer Mezzo: Joyce DiDonato.
Foto: Pari Dukovic
Endlich Zeit für all die CDs
Foto: Bjørn Woll
Jugendliches Feuer: Jonas Kaufmann
Foto: Mathias Bothor