Foto: Ingo Hoehn

Nahaufnahme

Zu Beginn die letzten Fragen

Benedikt von Peter eröffnet seine erste Spielzeit als Intendant des Theaters Basel mit der schweizerischen Erstaufführung von Olivier Messiaens Saint François d’Assise. Im Gespräch gibt er erste Einblicke.

In Zeiten von Corona regiert das Kammerformat. Für gewöhnlich an den Spielplanrand gedrängte Liederabende, konzertante Opernzusammenschnitte und bunte Galas stehen plötzlich hoch im Kurs, dicht gefolgt von gekürzten Repertoire-Mozarts oder -Rossinis. Es scheint, als würden sich die Opernhäuser allerorts nur sehr vorsichtig – und mitunter wenig kreativ – aus der ihnen aufgezwungenen Deckung zurück in das hygieneauflagenbeschränkte Leben tasten. Nicht so in Basel. Benedikt von Peter, der in Luzern gefeierte und nach Basel abgeworbene Intendant, beginnt seine erste Spielzeit an der neuen Wirkungsstätte mit Olivier Messiaens Saint François d’Assise. Einer Oper von rund vier Stunden Länge mit 120-Mann-starkem Chor und fast 140-köpfigem Orchester.

Ist der Wahl-Schweizer von allen guten Geistern verlassen? Nein! Seiner Meinung nach passt nur einfach keine andere Oper besser zur aktuellen Situation. „Der Plan, dieses Stück zu spielen, existiert seit zwei Jahren“, erläutert der regieführende Intendant. „Damals wusste natürlich niemand, dass plötzlich die Corona-Pandemie ausbrechen würde. Aber als wir im Frühjahr über mögliche Veränderungen im Spielplan sprachen, war uns klar, dass wir an diesem Werk festhalten wollen. Es passt einfach wie die Faust aufs Auge.“ Und das meint er inhaltlich wie – man glaubt es kaum – formal. „Das Stück möchte die Heiligwerdung des Franz von Assisi beschreiben. Schon allein das ist ein völlig verrückter Versuch. Aber er gelingt, und das Ergebnis ist eine Oper, die sich endlich mal um andere Themen als nur den herkömmlichen Liebeskonflikt dreht. Müsste ich das Ganze zusammenfassen, würde ich sagen, es ist ein Stoff über die letzten Fragen.“

Eine Plotbeschreibung, die zu den Umständen rund um die Entstehung des Werks passt: Olivier Messiaen komponierte sein Opus summum in den 1970er-Jahren, bereits Ende 60. Wie bei seinem gesamten OEuvre ließ er auch hier seine eigene Frömmigkeit einfließen und wählte nicht nur eine religiöse Gestalt als Titelfigur – den heiligen Franziskus aus dem 13. Jahrhundert –, sondern lud das Publikum mit seiner Musik gleichzeitig ein, Teil einer allesumwebenden Transzendenz zu werden. „Es ist diese Transzendenz, die zurück zu unserer ganz aktuellen Situation führt“, spinnt Benedikt von Peter seinen Faden weiter. „Franziskus hat am Ende seiner Tage nichts mehr gegessen. Er war vom Fasten schon ganz abgemagert, durch ein Augenleiden außerdem erblindet. Und dennoch hatte er, der körperlich Schwache, durch seinen Glauben die Kraft, Transzendenz zu erstreben und letztendlich zu erreichen. Das ist doch ein toller Theaterstoff! Ist es nicht genau das, was wir im Theater erreichen wollen? Wir begeben uns doch auch außerhalb unserer Körper und sehen allein durch die Ideen. Damit gewinnen wir vielleicht keine Unsterblichkeit. Aber der Moment, in dem das eine Figur auf der Bühne macht, ist für mich immer ein Plädoyer fürs Theater.“

Benedikt von Peters Energie, die ihn mit nur 43 Jahren über so zahlreiche wie aufsehenerregende Regiearbeiten und eine Spartenleitung am Theater Bremen auf den bereits zweiten Intendanzposten geführt hat, wirkt ansteckend. Hört man ihn reden, scheint sich augenblicklich das triste Corona-Grau zu lichten, glaubt man wieder an die derzeit so schwarzgemalte Zukunft des Theaters und gewinnt man Zuversicht in dessen ganze eigene Kraft. „So standen wir im Mai auch da“, erinnert sich der Regisseur. „Vor einem Stück, das die grundsätzlichen Themen verhandelt – was macht den Menschen aus, was passiert, wenn man stirbt –, das in der Panik der Gegenwart eine wahnsinnige Ruhe ausstrahlt und das bei uns auch noch in einem Raumbühnenbild spielen soll, das den Zuschauerraum sprengt und dabei regelmäßig Plätze freilässt. Wieso um Himmels willen hätten wir das absagen sollen?“

Und damit sind wir bei den angesprochenen formalen Gegebenheiten, die Saint François d’Assise laut Benedikt von Peter zur perfekten Oper in Pandemie-Zeiten werden lässt. Márton Ágh – „ein sensationeller, aus dem Film kommender Bühnenbildner, der beste derzeit, wenn es um Hyperrealismus geht“ – schafft in Basel eine postapokalyptische Landschaft, die sich nicht nur auf das Bühnenniveau beschränkt, sondern Zuschauerraum und Ränge gleichermaßen befällt. „Wir bauen eine 360-Grad-Welt, die Publikum und Orchester auf der Bühne umschließt. Es gibt einen kaputten Supermarkt, davor einen Parkplatz; auf Strommasten und Hochspannungsleitungen sitzen Papiervögel. Natur wuchert gerade noch so gelblich aus den Ritzen, ansonsten ist der ganze Boden Beton. Ein seltsames, surreales Szenario.“ Längst ist Benedikt von Peters Raumtheater in der Szene keine Unbekannte mehr. Vor allem im zeitgenössischen Fach – man denke nur an sein Frankfurter Mädchen mit den Schwefelhölzern – bricht der Regierevolutionär gerne traditionelle Guckkastenbühnen auf oder erfindet gleich ganz neue Spielstätten. In Luzern wurde er so zum Theateröffner, der den ganzen Stadtraum eroberte. Sei es die Box auf dem Theatervorplatz, das Osterfeuer für seine Faust-Szenen oder eine Industriehalle für Rigoletto, überall wurde die reale „360-Grad- Welt“ zur Bühne. In Basel nun wählt von Peter den umgekehrten Weg. Über vier Eingänge betritt das Publikum durch die Werkstätten den Zuschauerraum und fällt quasi zurück in eine Stunde Null. Von den einzeln ausbaubaren Sitzen sind versprengte Inseln übriggeblieben – „Das glaubt uns keiner, dass wir vor Corona schon gesagt haben, man müsse jeden zweiten Stuhl rausnehmen!“ –, von denen aus die Zuschauer einen Neubeginn nach der Katastrophe miterleben.

Den Ausgangspunkt seiner Erzählung findet Benedikt von Peter dabei am Ende der Oper: im Sterben des Franziskus. „Wir zeigen einen Mann im Wundfieber, der in seinem Wahn zum Heiligen wird. Er liegt auf dem Parkplatz und schreit nach etwas, das seinem Leben einen Sinn gibt.“ Aus der Religion will der Neu-Baseler ein nachvollziehbares Narrativ formen, aus Messiaens statischen acht Tableaux – die mitunter eher Meditation als Drama sein können – einen modernen Opernplot. „Wir haben uns überlegt, wann jemand wohl eine so hybride, extreme Fantasie hat wie die Titelfigur der Oper. Ich meine, im siebten Bild Stigmata denkt Franziskus ja, er sei Jesus!“, führt Benedikt von Peter aus. „So sind wir auf das Wundfieber des Protagonisten gekommen und auf den Parkplatz als Ausgangspunkt. Rings umher ist die Natur kaputt, der Kapitalismus ausgeleiert, der Supermarkt gesprengt ... Vor diesem Setup erhalten die Thesen des heiligen Franziskus für mich einen modernen Sinn. Franziskus hat ja auf jeden materiellen und geistigen Besitz verzichtet. Er war der Meinung, dass der Mensch nichts brauche außer sich und seinen Glauben bzw. sich und seine Ideen. Indem wir nun das Überwältigende der Religion, das übrigens auch Messiaens Musik manchmal innewohnt, mit diesem erbärmlichen Mann konterkarieren, wird das Ganze für mich glaubhaft. Aus der Überwindung des Sterbens durch Religion wird die Überwindung des Sterbens durch Fantasie.“

Auf der Suche nach Humanität mitten in einer postapokalyptischen Stimmung – die Parallele zu unserer derzeitigen gesellschaftlichen Situation ist offenkundig. Doch muss das Stück auch vor den momentanen Auflagen bestehen, muss personell und abstandstauglich durchzuführen sein. Im Mai nahm das Team rund um Benedikt von Peter deshalb Kontakt zur Messiaen-Familie auf und erreichte nach kurzen Verhandlungen deren Einwilligung in eine „Corona- Version“. Der zeitgenössische Komponist Oscar Strasnoy schuf über den Sommer eine reduzierte Orchesterfassung, die das Instrumentarium verringern soll, ohne die Klangfülle zu verlieren oder die Sphärik des Werkes zu beschädigen. „Ich glaube, das wird eine kleine Sensation“, freut sich der Regie-Intendant. „Den Chor haben wir gehälftet. Er singt aus dem Schnürboden zu seiner eigenen Aufnahme. Das war auch ein Aspekt, der für das Stück gesprochen hat. Wann findet man schon mal eine Oper, in der der Chor Gott ist?! Gott hätte ich sowieso nie gezeigt, das ist Klang. So kann ich ihn jetzt abstandsgerecht auf drei Galerien im Schnürboden verteilen. In der Originalpartitur ist der Chor 32-fach geteilt. Bei uns wird das eine ganz andere Form der Präsentation, ein bisschen elektroakustischer, wie auch das Instrumentarium, aber dadurch auch ein bisschen cooler, denke ich.“

Die Uraufführung der Neufassung am 15. Oktober ist zugleich die schweizerische Erstaufführung der Oper. Erstaunlich – glaubt man den Ausführungen des Intendanten, mit denen er Saint François d’Assise für Basel bewirbt: „Frankreich ist nicht weit von Basel, das Französischsprachige liegt also quasi in der Stadt. Fast nebenan, in Colmar, werden die Ondes Martenots gebaut, Messiaens prähistorische elektronische Musikinstrumente. Außerdem ist Basel eine sehr protestantische Stadt. So ein Teil hier zu machen, das vor Katholizismus strotzt, ist ein schöner Gegensatz.“ Nicht nur deshalb stellt Benedikt von Peter Messiaens einzige Oper an den Beginn seiner neuen Intendanz. „Ich finde es schön, am Anfang mit etwas zu starten, das von den letzten Fragen des Menschen erzählt“, gesteht er. Und fügt nach kurzer Pause augenzwinkernd hinzu: „Außerdem ist dieses Stück auch eine tolle und saftige Anmaßung. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen.“

Valeska Stern

Probenarbeit I
Foto: Ingo Hoehn
Probenarbeit II
Fotos: Ingo Hoehn
Probenarbeit III
Fotos: Ingo Hoehn