Foto: Monika Rittershaus

Tops & Flops

Labyrinth der Macht

Christian Gerhaher kann auch Verdi: Am Opernhaus Zürich debütiert er als Simon Boccanegra und dominiert die Produktion, in der GMD Fabio Luisi bei seiner letzten Premiere in dieser Funktion mehr überzeugt als der Rest der Besetzung.

Die Neuproduktion von Simon Boccanegra am Opernhaus Zürich hat einen starken Mittelpunkt: Christian Gerhaher in der Titelrolle. Um ihn herum aber bleibt vieles blass. Die Schuld des Sängers, der hier nach seinen Debüts als Wozzeck und in der Holliger-Uraufführung Lunea eine weitere große, für ihn eher atypische Partie erarbeitet hat, ist das nicht. Natürlich ist Gerhahers Bariton deutlich heller und schlanker geführt, als man es für die Partie im Ohr hat; natürlich ist er nicht der Sänger für die exaltierte, veristische Entäußerung; und ja, wie er die Endsilben entlastet, entspricht nicht dem Üblichen, was italienischen Gesang ausmacht. Gerhahers Boccanegra ist dafür ungewohnt differenziert in der Phrasierung, aber auch in der Gestaltung aus dem Text heraus. Auch in den großen Ensembles ist er sehr präsent, ohne dass er forcieren müsste – was nicht heißt, dass er den Ausbrüchen etwas schuldig bleiben würde. Aber wie viel wirksamer ist die Verfluchung am Schluss des ersten Aktes als leise Drohung!

Man kann Verdis dunkelste Oper mit Gerhaher geradezu neu entdecken, und das allein schon lohnt diese Neuinszenierung, in der er auch szenisch die interessanteste Figur bildet. Die Idee, die verworrene Handlung mit ihren Rückblenden ganz aus seiner Sicht zu erzählen, geht nur stellenweise, dort aber bemerkenswert auf – wie erstaunlicherweise im großen, nachkomponierten Finale des ersten Aktes, das wegen der Distanzregeln ohne szenisch präsenten Chor auskommen muss und auch als Kammerspiel wie in Boccanegras Erinnerung gut funktioniert: Die politische Situation wird persönlich. Das funktioniert dank des überragenden Titelinterpreten und der feinen Lichtgestaltung von Franck Evin.

Und Zürichs nach acht Jahren scheidender GMD Fabio Luisi lässt ihm den Raum dafür. Luisis Verdi hat Schwung und atmet, schematisch klingt er nie, in der überarbeiteten Ratsszene am Schluss des ersten Aktes nimmt er die Tempi teilweise fast rezitativisch – der theatrale Effekt im Zusammengehen mit dem rhetorischen Ansatz Gerhahers ist frappant. Dabei agieren Luisi, die Philharmonia Zürich und der Chor des Opernhauses, wie seit dem Spielzeitstart im Herbst in immerhin zwei Premieren und zwei Wiederaufnahmen erprobt, ein paar 100 Meter vom Opernhaus entfernt im Orchesterprobensaal und werden über extra gelegte Glasfaserkabel live aufs Soundsystem im Saal übertragen. Gerhaher sagte bei einer Vorankündigung im Radio, das Orchester sei so auf der Bühne sogar besser zu hören. Dieses Vorgehen macht Vorstellungen für 50 Personen möglich (im gut 100 Kilometer entfernten Basel spielen Orchester und Chor im Saal, aber es werden nur 15 Zuschauer zugelassen), technisch überzeugt die Lösung, klanglich nur teilweise: Bläser und tiefe Töne kommen gut, hohe Streicher und laute, dicke Stellen nicht. Und sind ein paar Intonationsprobleme der Sänger vielleicht auch auf die ungewohnte Situation zurückzuführen?

Regisseur Andreas Homoki gelingt es, die komplizierte Geschichte, die sich in den 25 Jahren zwischen Prolog und erstem Akt ereignet, mit den stummen Figuren von Boccanegras entführter Geliebter und ihrer Tochter nachvollziehbar zu machen. Ausstatter Christian Schmitt verlegt die Geschichte mithilfe der Kostüme und eines seiner typischen großbürgerlichen Dreh-Salon-Bühnenbilder in den Anfang des 20. Jahrhunderts. Ständig kreiseln die Räume, nur um dann dieselben Türen und Gänge freizugeben: ein Labyrinth der Macht, in dem sich der vom Korsaren zum Dogen hochgediente Boccanegra verliert und in dem auch die Figuren nie wissen, wer durch die nächste Drehung oder durch eine der Türen oder Gänge auftaucht. Immer wieder erscheint ein symbolisches Ruderboot oder ein neues Interieur. Der Aufwand ist groß, immer wieder muss bei laufender Szene während der Drehung umgebaut werden.

Nicht alle Darsteller haben die Klasse Gerhahers. Bei Christof Fischessers Fiesco (auch ein Rollendebüt) wird nie so recht klar, wer die Figur ist und was sie antreibt. Fischesser scheint sich ziemlich aufs Singen zurückzuziehen: Sein Bass ist angemessen schwarz und verfügt über die nötige Tiefe. Vokal ist er so ein starker Gegenspieler. Nicholas Brownlees Intrigant Paolo prunkt dagegen viel zu eindimensional laut auf mit seinem vielversprechenden Verdi-Bariton, stellt dabei aber eine interessante Figur dar. Das ist beim Liebespaar Gabriele Adorno und Amelia Grimaldi schwieriger. Otar Jorjikia singt recht stentorhaft, auch wenn er einige Schlusstöne schön zurücknimmt. Vor allem aber bleibt er mehr Tenor, als dass er den verliebten und im Loyalitätskonflikt fast zerriebenen Adorno zu spielen vermag. Und auch Jennifer Rowley als Amelia, die sich als verlorene Maria herausstellt und die verfeindeten Familien, Parteien und Schichten schließlich zusammenführt, bleibt blass und bewältigt vokal primär technisch korrekt. Ihr Sopran singt sich nach dem Prolog (wie so oft: Die exponierteste Soloszene hat sie als Auftrittsszene) frei, verfügt aber über wenige Farben, trotz schön zurückgenommener Stellen. So fehlt es rund um den Titelhelden an Ausstrahlung oder klaren Setzungen der Figuren.

Tobias Gerosa

 

Verdi: Simon Boccanegra
Premiere am 6. Dezember
Mskl. Leitung: Fabio Luisi, Inszenierung: Andreas Homoki, Ausstattung: Christian Schmidt, Lichtgestaltung: Franck Evin, Chor: Janko Kastelic, Dramaturgie: Fabio Dietsche
Christian Gerhaher (Simon Boccanegra), Jennifer Rowley (Amelia Grimaldi), Christof Fischesser (Jacopo Fiesco), Otar Jorjikia (Gabriele Adorno), Nicholas Brownlee (Paolo Albiani), Brent Michael Smith (Pietro), Siena Licht Miller (Magd Amelias), Savelii Andreev (Hauptmann der Armbrustschützen)

Rollendebüt: Christian Gerhaher (M.).
Foto: Monika Rittershaus
Jennifer Rowley (Amelia), Otar Jorjikia (Adorno)
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Jennifer Rowley (Amelia), Christian Gerhaher (Boccanegra)
Foto: Monika Rittershaus