Foto: Monika Rittershaus

Tops & Flops

Im Labyrinth des Geschriebenen

Das Opernhaus Zürich eröffnet die neue Spielzeit ausgerechnet mit Mussorgskys Boris Godunow: vier Stunden, zwei Pausen, Riesenorchester, große Chöre. Technik und Maskenpflicht machen es möglich. Und das Resultat packt, trotz Klangeinschränkung.

Neben Dirigent, Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner sowie Dramaturgin steht auf dem Besetzungszettel des Opernhaus Zürich neuerdings noch ein Tonmeister. Oleg Surgatschow ist nötig, damit Musiktheater so überhaupt möglich ist. Die Regeln in der Schweiz besagen zum Premierenzeitpunkt, dass Veranstaltungen mit bis zu 1.000 Menschen stattfinden dürfen. Die Plätze fürs Publikum hat man darum um zirka 20 Prozent beschränkt, auch wenn man bei der Premiere im Zuschauerraum kein Muster bezüglich der Modalitäten erkennen konnte: Es gibt Lücken, aber auch volle Logen und keine Schachbrettanordnung, dafür herrscht Maskenpflicht. Und im Orchestergraben stehen nur ein paar Lautsprecher: Die Instrumentalisten spielen rund einen Kilometer entfernt in ihrem Probensaal, da stellt sich auch der Chor auf. Über Glasfaser werden sie auf das Lautsprechersystem im Logentheater übertragen.

Ein kurzes Aufklärungsvideo zeigt dieses Spezialsetting vor der Vorstellung. Ein cleverer Zug, die speziellen Bedingungen offensiv zu zeigen – denn trotz aufwendiger Anlage bleiben Wünsche offen. Nicht im leisen oder mittleren Bereich, auch kaum beim Chorklang, aber da, wo richtige Orchester-Power und die großen dynamischen Kontraste gefragt wären, wie in der Krönungsszene oder dem abschließenden Kromy-Bild. Da fehlt es dem Klang trotz Surround- System an Körperlichkeit, obwohl es die Bojaren wie aus der Versenkung klingen und die Glocken von Rundum dröhnen lassen kann. Musik als Live-Erlebnis ist nicht zu ersetzen. In Salzburg hat man im Sommer mit Kürzung reagiert, das hat sehr gut funktioniert. Zürich versucht einen anderen Weg.

Das Problem des Orchesters kann man technisch lösen, ebenso die erschwerte Kommunikation zwischen Graben und Bühne. Dass der Chor – der muss in Boris Godunow ja ziemlich groß sein und oft singen – von der Bühne verbannt ist, beeinflusst das Regiekonzept entscheidend. Barrie Kosky lässt stattdessen Bücher singen. Wie in der Muppet-Show klappen die Buchdeckel auf. Wenigstens in der Perspektive des Gottesnarren, der zur (szenischen) Hauptfigur wird. Aus seiner Sicht wird die ganze Handlung erzählt. Dafür greift die Regie sogar in die Partitur ein, und zwar durchaus überzeugend: Der Gottesnarr bekommt das erste und nicht nur das letzte Wort, dazu auch gleich noch ein paar Passagen von anderen Figuren. A cappella eröffnet Spencer Lang diese Inszenierung. Seine jetzt doppelte Klage, das wird damit sofort klar, ist zentral: „Wehe Russland, weine russisches Volk!“

Vielleicht ist dieser Gottesnarr, den Lang mit großer szenischer Präsenz spielt, in seiner Hippiekluft sogar der einzige richtige Mensch in dieser Inszenierung. Verloren streift er im ersten Teil durch ein staubiges Archiv. Die Welt tritt ihm in Form von Büchern entgegen. Kosky und sein Bühnenbildner Rufus Didwiszus schaffen von Anfang an eine kafkaesk bedrohliche und unberechenbare Welt. Diese tritt dem Narren zuerst in Form der singenden Bücher gegenüber: ein völlig unerwarteter, komischer Effekt. Erst danach treten Figuren zwischen den bühnenhohen, immer wieder herumgerollten Regalen hervor, mausgrau wie die Kladden und Bücher. Einzig die Bibliothekare hinter ihren Bildschirmen und Bücherstapeln könnten real sein. Kaum jedenfalls der goldglänzende Zar, der im zweiten Bild vom Narren selbst gekrönt wird.

Kosky zeigt eine nervöse, tief verunsicherte Welt, hektisch wird geschrieben, geblättert. Finger trommeln auf die Tische oder diese werden verschoben. Immer ist da jemand, der in den Akten wühlt und Geschichte schreibt – so wie im Stück die Vorgeschichte und die Erzählungen darüber, wer jetzt warum die Macht hat, von zentraler Bedeutung sind. Pimen tippt seine Chronik direkt in den Laptop, evoziert dann aber den ermordeten Knaben real auf der Bühne, direkt vor die Augen des stets beobachtenden Gottesnarren. Brindley Sherratt stattet den Chronisten mit sattem Bass aus, gestaltet rhetorisch, verfügt aber über etwas zu wenig Kraft, ähnlich wie Edgaras Montvidas als sonst flammender Grigori.

Vor der ersten Pause wirkt das im Bibliothekslabyrinth sehr nervös, was der Personenregie nur sehr bedingt bekommt. Auch Marina Mnischek (Oksana Volkova) sitzt im Polen-Akt am altertümlichen PC und brütet über Akten. Bei ihr kommt aber Goldprunk dazu. Johannes Martin Kränzle ist, bei überlegener vokaler Gestaltung, ein Rangoni von unglaublicher Aasigkeit. Man wünscht sich eine Duett-Szene zwischen ihm und Michael Volle als Boris.

Die Titelrolle mit einem Bariton statt einem tiefen Bass zu besetzen, ist nicht ganz so verbreitet, doch es fehlt ihr hier an nichts. Im Gegenteil: Wie sich Volle in die Partie wirft, expressiv wagt, in die Verzweiflung zu gehen, und sich nicht scheut vor unschönen Tönen, hat eine wahrhaftig wirkende Urgewalt. Man wünschte ihm manchmal einen Regisseur, der ihn szenisch etwas enger führt, etwas zurückbindet, doch Volles große Szenen fesseln unmittelbar. Er hat die Kraft für die großen Ausbrüche, nimmt sich aber immer wieder ins ganz Leise zurück, gestaltet große Linien und doch wie sprechdenkend direkt aus dem Text. Er schafft so eine Intensität, die selten zu erleben ist.

Der Dirigent Kirill Karabits, erstmals in Zürich, lässt seinen Sängern viel Raum durch eher langsame Tempi, aber auch dadurch, dass er sich sehr zurücknimmt. Orchestrale Ecken und Kanten werden dabei, trotz Urfassung, eher unterspielt – aber das hat zweifellos auch mit dem ungewohnten Setting der Distanzbegleitung zu tun. Nach der zweiten Pause ist die Bühne leer, eine fahle, betongraue Höhle mit Riesenglocke. Wie Stege über einem Abgrund legen die Bücher Wege, auf denen sich die Figuren tastend und vorsichtig bewegen. Der Kontrast, die Fallhöhe zur absurden, dunklen Komik des ersten Teils ist gewaltig – und entsprechend die Wirkung. Boris zerbricht, der Krieg zieht mit blutigen Köpfen ein. Statt Büchern und Erzählungen kämpfen Ideologien. Tiefpessimistisch schmettert der Narr die Schriften in den rauchenden Abgrund, der Überlieferung ist nicht zu trauen. Einmal noch versucht er, die aufgeschriebenen Sagen zu nutzen, liest vor und wird dabei zur Stimme des falschen Dimitri, der zum Kampf aufruft. Doch die Geschichte ist längst toxisch geworden.

Mussorgsky: Boris Godunow
Premiere am 20. September 2020 (auch besuchte Vorstellung)
Mskl. Leitung: Kirill Karabits, Inszenierung: Barrie Kosky, Bühnenbild: Rufus Didwiszus, Kostüme: Klaus Bruns, Lichtgestaltung: Franck Evin, Tonmeister: Oleg Surgatschow, Choreinstudierung: Ernst Raffelsberger, Dramaturgie: Kathrin Brunner
Michael Volle (Boris Godunow), Lina Dambrauskaité (Xenia), Mika Mainone (Fjodor), Irène Friedli (Amme), John Daszak (Schuiski), Konstantin Shushakov (Schtschelkalow), Brindley Sherratt (Pimen), Edgaras Montvidas (Grigori/Prätendent), Oksana Volkova (Marina Mnischek), Johannes Martin Kränzle (Rangoni), Alexei Botnarciuc (Warlaam), Iain Milne (Missail), Katia Ledoux (Schenkwirtin), Spencer Lang (Gottesnarr), Valeriy Murga (Polizeioffizier)

Tobias Gerosa

Alexei Botnarciuc, Spencer Lang, Ian Milne, Katia Ledoux
Foto: Monika Rittershaus
Oksana Volkova und Johannes Martin Kränzle
Foto: Monika Rittershaus
Edgaras Montvidas, Mika Mainone, Brindley Sherratt
Foto: Monika Rittershaus