Foto: Michael Pöhn

Tops & Flops

Schmetterling mit Feuerrachen

Die Wiener Staatsoper startet mit Anthony Minghellas Madama Butterfly und der nur streckenweise überzeugenden Asmik Grigorian in der Titelpartie in die neue Intendanz von Bogdan Roščić. Auch der neue Musikdirektor des Hauses, Philippe Jordan, enttäuscht.

Die Salzburger waren es. Sie waren die Mutigen, die Vorreiter, die Starken und dazu bereit, sich der bereits lauernden Häme und Hetze auszusetzen, wenn bei den sommerlichen Festspielen etwas schief gegangen wäre. Ist es aber nicht, was gut ist für die gesamte Branche. Wäre Anna Netrebko nicht erst im September in Moskau, wo sie als Elisabetta in Don Carlos das Bolschoi-Theater nach dem Lockdown wiedereröffnete, mit Covid-19 ins Krankenhaus gekommen (ebenso wie ihr Ensemble-Kollege Ildar Abdrazakov, der als Philipp besetzt war), sondern schon in Salzburg, dann hätte die Saisoneröffnung vielerorts in Frage gestanden. So aber ist Moskau weit weg, und die Salzburger gelten als Vorbild nicht nur in Wien. Will man große Oper in Pandemiezeiten realisieren, beruft man sich auf das Salzburger Modell, das im Wesentlichen unvermindert gültig ist.

Dazu gehört u.a. die Einteilung aller Beteiligten in Gruppen mit unterschiedlichen Distanzvorgaben und ein davon abhängiger Testrhythmus. Solisten, die auf der Bühne eng miteinander agieren müssen, werden häufiger getestet als Beteiligte, die eine größere Distanz einhalten können. Nach diesem Grundmuster hat auch die Wiener Staatsoper, eine der größten Opernfabriken überhaupt und mit nahezu täglichem Angebot auf der großen Bühne, ihren Regelbetrieb wieder aufgenommen – trotz Corona-Cluster Mitte September an der örtlichen Musikuniversität, von dem auch die Staatsoper betroffen war, wenn auch nur peripher. Im Haus am Ring geht man sogar noch einen Schritt weiter. Pausenlosigkeit wie in Salzburg, wo man extra eine gekürzte Fassung von Così fan tutte erstellt hat, ist keine Pflicht mehr. Die Aufführungsdauer bestimmt das Stück – und seien dafür auch zwei Pausen wie für die fünfaktige und -stündige französische Fassung von Verdis Don Carlos notwendig (anders als in Salzburg hat in Wien auch die Pausengastronomie wieder geöffnet). Maximal 1.200 Personen dürfen in den nächsten Wochen und Monaten in dem knapp 2.300 Zuschauer fassenden Saal Platz nehmen. Eine im Vergleich zu deutschen Opernhäusern geradezu luxuriöse Gesamtsituation, von der in den USA ganz zu schweigen.

Gleichwohl sind das sicherlich keine Startbedingungen, wie sie sich der neue Intendant der Wiener Staatsoper, Bogdan Roščić, für seine erste Saison gewünscht hat. Der gebürtige Serbe, größtenteils in Wien aufgewachsene und hier auch ausgebildete Musikmanager wurde nach Positionen im Print- und Hörfunkjournalismus sowie bei Major-Plattenlabels im Jahr 2016 zum Nachfolger des an die Mailänder Scala wechselnden Dominique Meyer berufen. Wie wiederum dessen Vorgänger, namentlich Ioan Hollender, hat sich auch Roščić für seine erste Spielzeit die Erneuerung des Staatsopernrepertoires vorgenommen. Mit dem ehemaligen Chefdramaturgen der Staatsoper Stuttgart, Sergio Morabito, hebt man das Vorhaben allerdings auf eine grundsätzlichere Ebene. Der Regie selbst wird Werkcharakter zugesprochen, ihr generischer Status als nachschöpfende Kunst aufgewertet. Durch das in der aktuellen Spielzeit nahezu monatliche Einwechseln von längst anderswo entstandenen und mitunter durchaus betagten Inszenierungen wird den Regiearbeiten ein Wert zugesprochen, wie ihn bislang eher Kunsthistoriker den Werken der bildenden Kunst ab- oder anerkennen. Das Opernhaus als Galerie der Besten, oder zumindest dessen, was die Opern-Kuratoren dafür halten.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich das Leitungsteam ausgerechnet für Puccinis Madama Butterfly und dann auch noch in der 15 Jahre alten, bereits in London, Vilnius und New York gezeigten Inszenierung des bereits vor zwölf Jahren gestorbenen Filmregisseurs Anthony Minghella entschieden hat. Das künstlerische Risiko des ungewissen Ergebnisses bei Verpflichtung selbst eines bewährten Teams hatte man hier nicht, man wusste, was man bekommen würde. Im Fall von Minghellas Butterfly sind das vor allem modisch angepasste, kunterbunte Japan- Klischees in hochpolierter Raumästhetik mit Romantik-Bildern unter einer alles überragenden Spiegelfläche. Dazu großformatig angelegte Lichtstimmungen, Pantomimen, Papiervögel und -laternen, von schwarz gekleideten Statisten in der Luft bewegt, oder Butterflys Kind – hier eine von Puppenspielern Leben eingehauchte Holzfigur.

Abgesehen von der Frage, welcher andere Intendant seine Amtszeit ausgerechnet mit Butterfly eröffnen würde (was man durchaus als selbstbewusstes Statement von Roščić deuten könnte, Butterfly ist schließlich ein großartiges Werk und viel besser als sein Ruf), erscheint die Entscheidung für das Stück angesichts der zur Verfügung stehenden Künstler nicht unbedingt zwingend. Jedenfalls bekommt man weder von Asmik Grigorian in der Titelrolle noch von Philippe Jordans Dirigat eine die Entscheidung validierende Interpretation geboten. Die litauische Sopranistin hatte vor zwei Jahren als Salome bei den Salzburger Festspielen ihren internationalen Durchbruch. Schon damals war es nicht die vokale Bewältigung, sondern ihre Gesamtleistung in der Partie, für die es die 39-Jährige zu feiern galt. Was für die monströse Rolle der Salome noch einigermaßen aufgehen mag, fällt der Sängerin als Butterfly auf die Füße, und das gleich beim ersten Auftritt, der stimmlich in einem äußerst unbequemen hohen Piano endet. Grigorian muss sich hier mit Kraft weiterhelfen, was akustisch prompt in Übersteuerung umschlägt. Je mehr der Abend voranschreitet und das Stück an Dramatik gewinnt, desto überzeugender wird sie. Doch den gesamten ersten und auch Teile des zweiten Aktes bleibt Grigorian der Partie einen wesentlichen Teil schuldig, nämlich den verletzlichen und mädchenhaften. Vokal wie szenisch.

Kein Meister des italienischen Tonfalls ist auch Philippe Jordan, der neue Musikdirektor des Hauses, am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper. Selbst wenn dieses ihm einen herrlich kernig-lebendigen Streicherauftakt schenkt, steckt doch wenig Puccini-Idiom und Herzschlag in dem Abend, kaum Kolorit und wenig dynamische Feinarbeit. Eine exzellente architektonische Kappellmeisterarbeit ja, aber eine Enttäuschung als Eröffnungspremiere der Wiener Staatsoper in eine neue Intendanz. Freddie De Tommaso schlägt sich als Pinkerton höhensicher durch die Partie, das Spiel der Modulation wie auf der Szene ist dagegen nicht sein Ding. An große Rollenvorgänger darf man bei Boris Pinkhasovichs blassem, kleinformatigem Sharpless nicht denken. Eine gute, aber mehrheitlich profillose Stimme. Und ein Abend, der sehr gemischte Gefühle hinterlässt.

Puccini: Madama Butterfly
Premiere: 7. September 2020 (auch besuchte Vorstellung)
Mskl. Leitung: Philippe Jordan, Inszenierung: Anthony Minghella, Regie und Choreografie: Carolyn Choa, Bühne: Michael Levine, Kostüme: Han Feng, Licht: Peter Mumford, Puppendesign und -regie: Blind Summit Theatre Mark Down & Nick Barnes
Asmik Grigorian (Cio-Cio-San), Virginie Verrez (Suzuki), Freddie De Tommaso (Pinkerton), Boris Pinkhasovich (Sharpless), Andrea Giovannini (Goro), Patricia Nolz (Kate Pinkerton), Stefan Astakhov (Yamadori)

Ulrich Ruhnke

Asmik Grigorian als Cio-Cio-San
Foto: Michael Pöhn
Madama Butterfly: Ensemble
Foto: Michael Pöhn
Freddie De Tommaso, Asmik Grigorian, Ensemble
Foto: Michael Pöhn