Foto: Carole Parodi

Nahaufnahme

Toleranz und Katastrophe

Am Grand Théâtre de Genève widmet sich der schweizerische Theater- und Filmemacher Milo Rau mit Mozarts La clemenza di Tito zum ersten Mal einer Oper. Vorab gibt er Einblicke in die Inszenierung.

Gerade wurde sein neuester Film veröffentlicht, dank Corona nicht im Kino, sondern im Internet, abrufbar über ein digitales Ticket: Das neue Evangelium ist Milo Raus Versuch, die Jesus-Geschichte im Kontext der Jetztzeit neu zu erzählen. Gedreht wurde in Matera, der Kulturhauptstadt des Jahres 2019, welche u.a. auch schon für Mel Gibsons Passion Christi als Hintergrund dienen durfte. Doch anders als bei seinen Vorgängern bleibt der Handlungsort in Raus Regiehänden nicht nur Kulisse. Der Schweizer verschränkt die Bibel-Geschichte mit der Realität vor Ort, soll heißen den Flüchtlingslagern vor der Stadt, in denen Gestrandete aus Afrika – statt für ein besseres Leben – als Erntearbeiter für italienische Dosentomatenhersteller schuften.

Es ist diese Verquickung von Realität und Fiktion, die Milo Raus Handschrift ausmacht. In Film und Theater schafft er aufsehenerregende Inszenierungen, die Themen wie den Völkermord in Ruanda verhandeln (Hate Radio), das Leben des Kindermörders Marc Dutroux von Kindern auf der Bühne darstellen lassen (Five Easy Pieces) oder mittels eines Tribunals die Hintergründe des Kongo- Krieges ausleuchten (Kongo-Tribunal). In all diesen Arbeiten geht es Milo Rau nie nur um die Darstellung einer bestimmten Geschichte, sondern immer auch um politisches Engagement, soziale Recherche und die Mitwirkung derer, von denen erzählt wird. „Ich versuche, bei jeder Arbeit einen widerständigen Splitter aus der Wirklichkeit hineinzubringen“, beschreibt der gebürtige Berner seinen Ansatz. „Meist beginne ich bei antiken Stoffen oder Populärgeschichten, die ich dann in einen realen Kontext setze.

Der letzte Schritt ist die Formulierung einer Utopie, etwas, das es geben müsste. So müsste es zum Beispiel einen neuen Jesus geben, der die Flüchtlinge von Matera in ihre Würde zurückführt. Es müsste Gesetze geben, die verhindern, dass Menschen wie Sklaven ausgebeutet werden. Ich selbst kann das alles nur im Film stattfinden lassen, ideal aber wäre es ohne Schauspielerinnen und Schauspieler in der wirklichen Welt.“

VON JESUS ZU TITUS

Kein Wunder, dass Milo Rau mit derartig hochgesteckten Zielen lange Zeit einen großen Bogen um die Oper machte. Nichts scheint ferner, als mit einem Opern-Cast samt musikalischem Aufgebot in ein Krisen- oder Kriegsgebiet zu reisen, wie es sich der Genfer Intendant Aviel Cahn für sein eigenes Haus vorgenommen hat. „Stimmt, es ist ein Gegenentwurf zu meiner normalen Arbeitsweise“, gesteht der Regisseur denn auch. „Gewöhnlich beginne ich mit einem weißen Blatt Papier, ohne die geringste Ahnung, um was es gehen soll. Manchmal breche ich zu einer Reise auf, merke, dass das Ziel nicht das richtige ist, und suche mir ein neues Thema. Das hat etwas mit meiner Auffassung von Kunst zu tun, die ich nicht als Interpretation verstehe, sondern als Kreation.“

Doch Aviel Cahn hatte hartnäckig genug insistiert, und irgendwann war eine Oper gefunden, die Milo Rau ansprach. Überraschenderweise kein modernes Klangkunstwerk, das vielleicht weniger unbiegsame Libretto- und Form-Struktur geboten hätte oder auf das man in Zusammenarbeit mit der Komponistin bzw. dem Komponisten eventuell noch hätte einwirken können. Nein, die Wahl des Regisseurs fiel auf Mozarts Oper La clemenza di Tito, die am 19. Februar 2021 am Grand Théâtre de Genève Premiere feiern sollte und inzwischen auf Anfang März verschoben wurde. Ein Stück, das für die Krönungsfeierlichkeiten Leopold II. komponiert wurde und mit dem Mozart nach seinem Da-Ponte-Zyklus zu der damals bereits antiquiert erscheinenden Opera seria und einem betagten Metastasio-Libretto zurückkehrte. „Alles, was in diesem Stück passiert – nämlich Verrat, Aufstand, Tote, ein großer Brand, der Vesuv explodiert –, all das wird nicht gezeigt. Stattdessen gibt es eine Elite, die darüber spricht, sich das Ganze gegenseitig verzeiht und in Emotionalität verwandelt. Das finde ich interessant“, erklärt Milo Rau seine Faszination.

Tatsächlich wird in La clemenza di Tito den erschreckend katastrophalen Geschehnissen der äußeren Handlung wenig Beachtung geschenkt. Im Vordergrund stehen – wie eigentlich immer bei Mozart – die Charaktere und ihre Emotionen. So ist Sestos innerer Konflikt, sich entweder gegen seine Geliebte Vitellia stellen zu müssen oder ihrem Wunsch nachzugeben und seinen besten Freund Titus, den Kaiser Roms, zu verraten, musikalisch sehr viel ausgeprägter als Sestos dann tatsächlich durchgeführter Mordanschlag und die Inbrandsetzung des Kapitols. „Was passiert denn mit den Menschen, die sich der Revolte gegen Titus angeschlossen haben?“, fragt Milo Rau. „Werden die umgebracht? Bestraft? Verschwinden sie aus den Gefängnissen, wie es in der Türkei passiert ist? Wie es im Iran passiert ist? Wie es überall passiert? Es ist ein Vorgehen, das sich durch die ganze Menschheitsgeschichte zieht: Die Elite ist tolerant und verzeiht sich selbst, während das Volk den Preis bezahlt.“

Anstatt es also Mozart gleichzutun und sich auf das Gefühlschaos seiner Protagonisten zu konzentrieren, will der frischgebackene Opernregisseur auch die weniger harmlosen Folgen ebenjenes Gefühlschaos für die römische Mehrheit aufzeigen. „Ich konterkariere die Toleranzidee mit einer katastrophischen Darstellung der gesellschaftlichen Wirklichkeit“, erklärt Milo Rau. „Besonders in Genf ist das spannend, wo durch die dort angesiedelten Organisationen wie die UNO eine – wie soll ich sagen? – intellektuelle und organisatorische Verarbeitung des Weltunglücks stattfindet.“

DAS ELEND IN KUNST VERWANDELN

Die Drehbühne des Bühnenbildners Anton Lukas ist folglich zweigeteilt: Auf der einen Seite weilt die Elite im „Haus der Kunst“, einem Ausstellungsgebäude, das tatsächlich an den neoklassizistischen Namensgeber in der Münchner Prinzregentenstraße erinnert. Die Kehrseite der Medaille bildet eine apokalyptischer Wohnwagensiedlung, in der Flüchtlinge aus aller Herren Länder ihr elendes Dasein fristen. Die singenden Figuren werden in ihrer Emotionalität der Kunstelite zugeordnet. Sie sind als Künstlerinnen und Künstler denn auch realen Vorbildern nachempfunden. So erinnert Vitellia an Marina Abramović oder Sesto an Neo Rauch. Titus wiederum beginnt im ersten Teil als eher farbloser Kurator, bevor er durch die Nahtoderfahrung des auf ihn abzielenden Anschlags zu einer Art Überkünstler im Gewand von Joseph Beuys wird. „Beuys selbst hat diese Legende ins Leben gesetzt. Angeblich ist er nach seinem Absturz mit dem Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg von sibirischen Stämmen wieder aufgepäppelt worden. Sie haben ihm die Wunden mit tierischen Fetten und Stoffen behandelt, deshalb seine Fettund Lederästhetik“, erklärt Milo Rau. „Dieses Selbstinszenieren wurde fast zu einem Trend: Heutzutage muss eine gute Künstlerin respektive ein guter Künstler mindestens einmal dem Tod nahe sein und in Kontakt mit der armen Gesellschaft stehen, um dieses Leiden dann in Schönheit zu verwandeln.“

Genau das tun denn auch die singenden Charaktere in Milo Raus Inszenierung. Sie verwandeln das Elend auf der anderen Seite der Drehbühne in Kunst. Ihrem realen Künstler-Vorbild folgend ist das einmal eine Performance, ein andermal Action-Painting oder gar Objektkunst. Nach und nach werden auf diese Weise Erlebnisse der Bühnenhandlung in Ausstellungsobjekte transformiert, um bei der Vernissage der Schlusssequenz ihre Präsentation zu erfahren.

ZUM SCHLUSS: EIN HAUCH VON SELBSTKRITIK

Treu bleibt sich Milo Rau dabei vor allem in der Besetzung: Die Statisten, die zu Bewohnern der Wohnwagensiedlung werden, spielen sich quasi selbst. Es sind Flüchtlinge und Behinderte aus Genf, deren Geschichte teilweise von ihnen selbst erzählt wird, teilweise der Fantasie des Publikums überlassen bleibt. „Ich habe Inszenierungen gesehen, in denen der Chor in die Rolle der Flüchtlinge geschlüpft ist“, führt der Regisseur aus. „Das fand ich total falsch. Was für ein Volk wäre das denn, diese Flüchtlinge? Und warum sollten gut bezahlte Genfer Choristen sich Flüchtlingskleider anziehen? Das ergibt ja alles überhaupt keinen Sinn.“

Nein, auch auf der Opernbühne lässt Rau die Realität einfließen und sie anschließend, vermengt mit der Fiktion, zu Kunst werden. „Was ich in meiner Inszenierung zeige, ist eigentlich etwas, das ich selbst die ganze Zeit mache. Marina Abramović fährt nach Brasilien, um dort die Schamanen zu treffen – das tue ich auch. Sebastião Salgado besucht brasilianische Goldminen, um das Elend im Schwarzweiß-Expressionismus festzuhalten. Und Neo Rauch verwandelt deutsche Gewaltgeschichte in Ölgemälde. Das Ganze ist ein Abschöpfvorgang. Man schöpft als westlicher Künstler das angebliche Wissen, die Bewusstseinserweiterung der Menschen, die Katastrophen überlebt haben, ab.“

Auf den zweiten Blick steckt also auch eine Art Selbstkritik in Raus erster Operninszenierung. Niemand anderen stellt er an den Pranger, nein, sein eigenes Handeln hinterfragt er: sein eigenes Handeln aus den gewohnten Kunstformen Theater und Film, das in der ihm noch fremden Gattung plötzlich in neuem Licht erscheint. „Ich bin Anfänger in diesem Genre“, meint Milo Rau dazu. „Und das Anfängerdasein hat immer etwas unglaublich Befreiendes.“

Valeska Stern

Probenarbeit für La clemenza di Tito
Foto: Carole Parodi
Probenarbeit für La clemenza di Tito
Foto: Carole Parodi
Probenarbeit für La clemenza di Tito
Foto: Carole Parodi