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Oper in Korea

Oper im Corona-Musterland

In der Bekämpfung der Corona-Pandemie gilt Südkorea als Musterbeispiel. Auch der Opernbetrieb dort sucht vehement nach Möglichkeiten für einen regulären Spielbetrieb. Eindrücke von Heribert Germeshausen, Intendant der Oper Dortmund.

Vor dem Hintergrund des ersten globalen Lockdowns in der Geschichte der darstellenden Künste konnte man hierin nur ein Mut machendes Zeichen der Zuversicht erkennen: Die Absicht zur Durchführung der weltweit ersten „normalen“ Opernproduktion in COVID- 19-Zeiten. Am 1. April 2020 entschied die Koreanische Nationaloper Seoul, die Wiederaufnahme der Manon-Inszenierung von Vincent Boussard aus dem Jahr 2018 planmäßig und inszenatorisch unverändert am 25. Juni vor Publikum mit normalem Saalplan über die Bühne gehen zu lassen. Das wurde zwar erst zu Probenbeginn Anfang Juni offensiver kommuniziert, ich erfuhr davon aber bereits Anfang April über Anna Sohn, die seit Beginn meiner Intendanz 2018/19 Ensemblemitglied der Oper Dortmund ist. In ihrem Heimatland ist sie bereits eine prominente Sängerin; an der Koreanischen Nationaloper gastiert sie seit 2014 fast alljährlich in großen Fachpartien wie Susanna, Juliette, Violetta Valéry und Manon.

Nach Überwindung eines ersten COVID-19-Schocks erarbeiteten wir am Theater Dortmund seit April ein Hygiene- und Sicherheitskonzept für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs. Aber es ist ein Unterschied, sich theoretisch etwas zu überlegen oder dessen Umsetzung in der Praxis zu beobachten. Ich war mir sicher, von den in der COVID-19-Bekämpfung nachweislich sehr erfolgreichen Kollegen in Korea lernen zu können. Nachdem Ende April klar war, dass wir den Spielbetrieb erst zu Beginn der Saison 2020/21 wieder aufnehmen können, stand für mich fest: Ich sehe mir die Situation an den beiden führenden koreanischen Opernhäusern, der Nationaloper Seoul und dem Opernhaus Daegu, selbst an.

Daegu ist Heimat des zweitgrößten Opernhauses im Land. Es veranstaltet mit dem Daegu Opera Festival seit 2003 im September/ Oktober das bedeutendste Event seiner Art in Asien, dem seit 2019 mit den Daegu International Opera Awards (DIOA) in der zweiten Augusthälfte ein Gesangswettbewerb vorgelagert ist, der 2020 integrativ auch einen Regiewettbewerb umfassen sollte – ein mustergültig innovativer Ansatz. Festival und Wettbewerb wurden zwar schon im Februar verschoben, das Opernhaus selbst aber nahm planmäßig am 24. Juli den Betrieb wieder auf, und zwar ausgerechnet mit einem Konzert des Daegu International Choir Festival!

Die Angst vor einer zweiten Welle – bei im Vergleich zu Europa allerdings minimalen Fallzahlen – führte dazu, dass Manon in Seoul sehr kurzfristig doch ohne Publikum gespielt werden musste. Die vier disponierten Vorstellungen fanden jedoch statt und wurden für unterschiedliche mediale Verwertungen, darunter auch eine TVÜbertragung, audiovisuell aufgezeichnet.

TÄGLICH OBLIGATORISCHES TEMPERATURMESSEN

Auch in Korea werden auf staatliche Kultureinrichtungen sachlich nicht zwingend strengere Maßstäbe als auf private Veranstalter gelegt. So konnte zeitgleich zu Manon in einem anderen Theater desselben Seoul Arts Center eine Ballettproduktion mit Orchester durchgeführt werden, was mir Gelegenheit gab, sowohl backstage bei Manon, als auch im Vorderhaus die Umsetzung des Hygiene- und Sicherheitskonzeptes zu beobachten, das mit einigen Variationen so auch in Daegu stattfindet: Vorrichtungen zur automatischen Erfassung der Körpertemperatur beim Betreten des Theaters, Desinfektionsspender allerorten, verbunden mit Schreibunterlagen für Tracking und Tracing, Markierungen auf dem Boden für das Schlangestehen und Einlasspersonal, das höflich aber bestimmt auf die Einhaltung der Maßnahmen inklusive des Maskentragens während der Vorstellung achtet. Im Backstage-Bereich dieselben Vorrichtungen zur Temperaturmessung und Desinfektion, allgemeines Maskentragen. Abgesehen vom täglich obligatorischen Temperaturmessen seien es vollkommen „normale“ Probenbedingungen, berichtet der Regisseur Vincent Boussard. Seine handwerklich geschickte Inszenierung war beeindruckend in ihrer Normalität, von Distancing keine Spur. Gesanglich hatte der Abend ein hohes Niveau. Herausragend das Protagonisten-Paar: Anna Sohn erinnerte in ihrer beseelt fragilen Art an Ileana Cotrubas. Oliver Kook (Des Grieux) ist eine Sensation. Ein baritonal gefärbter dramatischer Tenor, der sich bei aller Fähigkeit zur dramatischen Attacke eine ungemein lyrische Stimmführung erhalten hat.

In Daegu – viertgrößte Stadt des Landes, einstmals Gründungsitz von Samsung – trifft man im koreanischen Opernbusiness auf zahlreiche Besonderheiten. In der 2013 gegründeten Daegu-Opera-House- Foundation verbanden sich drei bis dahin eigenständige Organisationen: die 1951 gegründete Städtische Oper Daegu, das 2003 gegründete Daegu International Opera Festival und die Betreibergesellschaft des 2003 fertiggestellten Opernhauses Daegu, das auf der Schenkung eines bedeutenden örtlichen Unternehmens beruht. Damit spielt die Oper Daegu – in Korea eine Ausnahme – im eigenen Haus, während sich die Koreanische Nationaloper etwa das Opernhaus des Arts Center mit dem Korean National Ballet, der National Korean Dance Company und zahlreichen Fremdveranstaltern teilen und tageweise mieten muss, ohne dabei ein Vorgriffsrecht zu haben.

BEMERKENSWERTE KOREANISCHE AUSNAHME

Als einziges Opernhaus Koreas leistet sich die Oper Daegu, der In Gun Park als Stiftungspräsident und Sangmu Choi als Künstlerischer Leiter der Oper vorstehen, ferner ein 30-köpfiges Opernstudio, das in der 2017 fertiggestellten reizvollen Academy auf einem ehemaligen Samsung-Betriebsgelände in unmittelbarer Nähe zum Haus untergebracht ist. Die Mitglieder rekrutieren sich aus nationalen Wettbewerben und erhalten ein auf zwei Jahre angelegtes umfangreiches musikdarstellerisches Ausbildungsprogramm plus italienische und deutsche Sprachkurse. Außerhalb des Daegu International Opera Festivals produziert die Oper Daegu pro Saison vier bis fünf Eigenproduktionen auf der großen Bühne sowie vier weitere Produktionen mit lokalen Gruppen. Bemerkenswert sind auch Formate wie Square Opera (L’elisir d’amore) oder Amateur Opera, in der Laiensänger am Ende eines Jahres ein Stück erarbeiten – so etwa La bohème im vergangenen Jahr. Natürlich nutzen auch zahlreiche Fremdveranstalter das Opernhaus, aber als Mieter und nicht als gleichberechtigte Konkurrenten bei der Terminvergabe.

Höhepunkt des hiesigen Opernjahres ist das Daegu International Opera Festival, das innerhalb von sechs Wochen zwischen Ende August und Mitte Oktober unter einem Festivalmotto vier Opern präsentiert, darunter ein internationales Gastspiel. 2019 wurde das Festival erstmalig um den bereits eingangs erwähnten DIOA ergänzt. Die Kombination eines Gesangs- und Regiewettbewerbes in der zweiten Ausgabe 2020 stellt auf internationaler Ebene ein Novum dar, weswegen die Verschiebung auf 2021 besonders schmerzt. Aber selbst in der Absage war man innovativ. Während des ursprünglichen Wettbewerbszeitraums vom 10. bis 28. August organisierte man ein jeweils 30-minütiges 1:1-Online-Audition-Training mit den Mitgliedern der Jury via Zoom. Die nachgeholte Premiere eines Gesangsund Regiewettbewerbes wird vom 15. bis zum 21. August 2021 über die Bühne gehen.

Ein derartiges Unternehmen ist natürlich nicht ohne potente Partner möglich, erst Recht, wenn der Veranstalter für die Finalisten die Reise- und Unterbringungskosten übernimmt: World Culture Networks (WCN) ist eine in Wien und Seoul beheimatete Agentur, als Teil der Youngsan-Gruppe mit dem Ziel gegründet, einen Teil des erwirtschafteten Profits der Firmengruppe in Form von Investitionen in Kunst und Kultur an die Gesellschaft zurückzugeben. Über Musik den kulturellen Austausch zwischen Korea und der Welt zu fördern, wird hierbei als Hauptaufgabe gesehen, was vor allem über die Unterstützung junger Talente erfolgen soll – so fördert WCN die Organisation der weltweit stattfindenden Vorsingen zu den Finalrunden der DIOA Awards –, aber auch über die Förderung grenzüberschreitender Projekte, so etwa eines Korea-Gastspiels der Wiener Philharmoniker unter Christian Thielemann 2019.

Der Besuch der beiden koreanischen Opernhäuser war gerade in diesen schwierigen Zeiten beeindruckend und inspirierend. Und was noch wichtiger ist: Es hat Lust und Mut gemacht für eine spannende Opern-Saison 2020/21, trotz COVID-19!

Heribert Germeshausen

Heribert Germeshausen und Sangmu Choi
Foto: PR
Die Koreanische Nationaloper in Seoul
Foto: Seoul Arts Center
Manon an der Koreanischen Nationaloper
Foto: Korea National Opera