Foto: Monika Rittershaus

Tops & Flops

Lauer Lohengrin

Bei seinem Rollendebüt an der Staatsoper Berlin meistert Roberto Alagna den Lohengrin achtbar. Die Inszenierung von Calixto Bieito lässt hingegen allzu kalt.

Bange Frage: War es das lange Warten wert? – Um kaum ein herannahendes Rollendebüt wurde in den letzten Jahren so viel Aufhebens gemacht wie um Roberto Alagnas ersten Lohengrin. Geplant war er schon 2018 für Bayreuth. Da Alagna die Rolle zurückgab, verbuchte Piotr Beczała den größten Triumph seiner Karriere. Nun fand das Alagna-Debüt im zweiten Angang statt. Großer Bahnhof. Allerdings nur auf Arte – hinter verschlossenen Berliner Staatsopern-Türen. In der Geschichte des Hauses bildet die Aufführung aber noch aus einem anderen Grund eine Besonderheit: Dies war die wohl erste Wagner-Premiere seit 1992, die nicht von Daniel Barenboim dirigiert wurde. Man wird es dem Intendanten Matthias Schulz gutschreiben müssen, hier von der Barenboim-Regel abgewichen zu sein. Ob der Chefdirigent die frankophone Besetzung der Titelpartie mitgemacht hätte, scheint fraglich.

Alagna bekundete im Gespräch mit dieser Zeitschrift, sich auf keine Partie je so akribisch vorbereitet zu haben wie auf diese. Die Arbeit hat sich gelohnt, er klingt gut gecoacht. Seine Spitzentöne sitzen bombenfest. Wer sich daran gewöhnen kann, dass die Stimme italienisch einschwingt und über mehr Vibrato verfügt als deutsche oder amerikanische Wagner-Stimmen, wird diesen Lohengrin mögen. Problematischer wiegt, dass Alagna wohl niemals ein ausgesprochen subtiler Rollengestalter war – was die Figur und ihre inneren Zwiste anbetrifft. Unverblümt als Italian lover betritt er die Bühne. Draufgängerisch, unbedenklich, fast pubertär: ein passionierter Mofa- Fahrer, der mit Elsa sichtlich durchbrennen möchte. Mit der brabantischen Chose, in die er hier verwickelt wird, hat er dagegen weniger am Hut.

Sonya Yoncheva hatte die Elsa wegen einer Bronchitis absagen müssen. Vida Miknevičiūtė, im deutschen Fach gut orientiert dank jahrelanger Ensemblezugehörigkeit am Staatstheater Mainz, ist eine gesuchte Salome, Chrysothemis und sogar Senta. Über die lyrischen Farben der Elsa ist sie fast schon hinaus, macht dies aber durch Ungestüm und Aplomb wett. Eine vorzügliche Sängerin, keine Frage. Ihr glasigsilberner Sopran will allerdings kaum zu Alagna passen. Außerdem lässt die Kühle der Stimme alle Naivität und zartfühlende Emphase vermissen. Hochkarätig, wenn auch auswechselbar ist der Rest. Ekaterina Gubanova könnte als Ortrud erotisch jeder Elsa den Rang ablaufen. Martin Gantner führt als Telramund eine selten schöne Stimme ins Gefecht, bleibt aber blass. Das Ensemble-Mitglied Adam Kutny hinterlässt als Heerrufer mehr darstellerischen als stimmlichen Eindruck.

Bliebe noch: René Pape. Heinrich der Vogler dürfte zu den am meisten und längsten von ihm gesungenen Partien zählen. Ein alter Hase, der hier prompt Eindruck macht. Freilich lässt sich als Zuschauer kaum entscheiden, ob die Gesichtszuckungen und das Zittern, das im Verlauf der Vorstellung immer schlimmer wird, ein gewähltes Mittel des Ausdrucks ist – oder unwillkürliches Symptom nervlicher Angegriffenheit. Pape gibt den König dünnhäutig, gefährdet und mit Borderline-Syndrom. Ob dies zum Konzept der Aufführung gehört, wagt der Schreiber dieser Zeilen nicht zu sagen.

Was war doch Calixto Bieito einmal für ein provokativer, leidenschaftlich aneckender und polarisierender Regisseur! Wer sich an Skandal-Erfolge wie etwa seine Entführung aus dem Serail an der Komischen Oper erinnert, dem entringt sich ein Stoßseufzer der Ratlosigkeit angesichts von Bieitos hier vollkommen indifferenter, künstlich verrätselter Regiearbeit. Warum der Heerrufer sich mehrfach als Joker an- und wieder abschminken muss, wer weiß es? Was soll der scheußliche Käfig bedeuten, in den abwechselnd Elsa und dann wieder der König eingekastet werden? Es sind Holzhammer-Symbole, die nicht einmal verfangen.

In die brabantische Bürokratenwelt, in welcher man auf Drehstühlen um sich selbst kreist, bricht Lohengrin als eine Art Flower-Power-Botschafter ein. Das Brautgemach findet auf dem Sofa, mit Loriot zu sprechen: bei der Sitzgruppe statt. Patschnass fuchtelt Gottfried am Ende mit einem Plastikschwert ins leere Parkett. So schematisch diese Inszenierung gedacht sein mag, so sehr weist sie Bieito als einen in der Betriebsamkeit, nein: in der Betriebsnudeligkeit angekommenen Opernkonfektionär aus. So wird das nichts.

Im Graben begnügt man sich coronabedingt mit 40 Musikern. Dies entspricht dem Weimarer Uraufführungsorchester und hat noch keinem Lohengrin geschadet. Als Dirigent wurde der in New York lebende Matthias Pintscher eingeflogen. Er dirigiert nicht so transparent, ätherisch oder flügellahm, wie man es vielleicht erwartet hätte. Sondern er pumpt, steil und eckig, so viel Schmackes in die Partitur hinein wie nur geht. Das erhöht die Betriebstemperatur dieses Lohengrin. Und doch bleibt er lau. Als sich die Sänger und Musiker bei der Verbeugung wechselseitig applaudierten, wirkten sie alle gleichermaßen irritiert. René Pape geht sogar vorzeitig wieder ab. Dieser Lohengrin – ächzend unter den überhöhten Erwartungen und dem Alagna- Hype – berührt wenig. Erstaunlich bei einem Werk, das einen doch sonst immer noch kalt erwischt.

Kai Luehrs-Kaiser

Wagner: Lohengrin
Streaming-Premiere am 14. Dezember
Mskl. Leitung: Matthias Pintscher, Inszenierung: Calixto Bieito (Mitarbeit: Barbora Horáková Joly), Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Ingo Krügler, Licht: Michael Bauer
Roberto Alagna (Lohengrin), Vida Miknevičiūtė (Elsa), Ekaterina Gubanova (Ortrud), Martin Gantner (Telramund), René Pape (König Heinrich), Adam Kutny (Heerrufer)

Lohengrin an der Staatsoper Berlin
Foto: Monika Rittershaus
Roberto Alagna und Vida Miknevičiūtė
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Vida Miknevičiūtė und René Pape
Foto: Monika Rittershaus