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Interview

»Ich will doch ein guter Junge sein«

Im Interview spricht der Wagner-Sänger John Lundgren über seinen Berliner Wotan, Sänger-Albträume und die Vorzüge, die man als ehemaliger Sozialarbeiter in der Oper hat.

Herr Lundgren, aufgrund Ihrer Bühnenerscheinung werden Sie gerne als Bösewicht eingeschätzt. Ist das etwa eine Frage Ihrer Frisur?

Und ob! Ich kann das sogar an den Wochentagen festmachen. Am Montag rasiere ich mir die Haare ab. Ganz böse! Bis Freitag sind sie schon etwas nachgewachsen. Ich werde von Tag zu Tag lieber. Dann kommt das Wochenende. Und montags setze ich dann wieder das Messer an.

Früher, noch mit blondem Flaum, sahen Sie harmloser aus. Hat eine bestimmte Rolle den Ausschlag für den Haarwechsel gegeben?

Ja, und zwar Scarpia in Tosca. Es geschah bei einer Wiederaufnahme, bei der man zum wer weiß wievielten Mal mit einer Kunstglatze an mir rumzuexperimentieren begann. Ich war es leid und habe die Haare ratzekahl abgeschnitten. Seitdem heißt es für mich: nie mehr Silikon! Ich bin glücklicher damit.

Hat der Wechsel im Äußeren auch auf Ihre Bühnencharaktere abgefärbt?

Ich weiß seitdem zumindest, dass ich vorsichtig mit meinen bösen Seiten umgehen muss. Mir ist sehr bewusst: Das ist auch ein Kapital! Ich bin eigentlich zufrieden damit, wie ich aussehe. Nur, man darf es natürlich nicht merken...

Den Wotan haben Sie schon an vielen Orten gesungen, sogar in Bayreuth und an der Münchner Staatsoper. Haben Sie seit Probenbeginn in Berlin etwas dazugelernt?

Schon, denn der Regisseur Stefan Herheim denkt immer auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig. Bei ihm muss ich ganz anders arbeiten. Ich habe aber mit ihm bereits Salome in Kopenhagen und Pique Dame in Amsterdam gemacht. Er ist sein eigenes Universum. Eine Herausforderung für alle. Für Herheim, so habe ich gelernt, ist Wotan nicht Mensch und nicht Gott, sondern beides. Auch Wagner selbst steckt in ihm. Wotan denkt niemals nur aggressiv oder nur depressiv oder strategisch, sondern immer alles zugleich – und irgendwie auch dazwischen.

Sie singen den Wotan nur in der Walküre. Warum nicht auch im Rheingold und auch nicht den Wanderer im Siegfried?

Das war, soweit ich weiß, von Beginn an Teil der Konzeption Herheims. Die Folge ist, dass ich kleinteiliger denken kann, ohne ständig das Ganze im Blick haben zu müssen.

Wer ist Wotan?

Wotan ist ein Gott, der begreift, dass er Probleme mit neuen Problemen beantwortet. Dies letztere ist die menschliche Seite an ihm. Ansonsten: Je länger ich ihn singe, desto komplizierter wird er. Und reizvoller. Mein persönlicher Vorsatz besteht immer darin, Figuren identifizierbar zu machen. Also das Positive in ihnen zu finden. Sogar bei Scarpia bin ich so verfahren. Das nützt, wie ich glaube, auch der Vielfalt der vokalen Farben.

Liebt Wotan seine Ehefrau Fricka?

Jedenfalls hat er sie einmal geliebt. Er kann nicht Nein zu ihr sagen. Dabei ist sie sehr fordernd. Es mag viel Diplomatie im Spiel sein. Doch er folgt ihr.

Haben Sie jemals einen romantischen Liebhaber gespielt?

Gilt Guglielmo in Così fan tutte? – Auch Gérard in Andrea Chénier ist eher ein Halbtags-Lover, fürchte ich. Zum Vollzeit-Liebhaber hat es bei mir offenbar noch nicht gereicht. Ich fand immer die zuckersüßen Typen eher uninteressant. Nach Don Giovanni wurde ich schon gefragt. Aber dann war mir Leporello doch lieber. Obwohl Don Giovanni ja zunächst einmal ein schwarzer Charakter ist.

Haben Sie durch böse Rollen etwas fürs Leben gelernt?

Nein, umgekehrt. Ich habe durch das Leben etwas für meine bösen Rollen gelernt. Eine wichtige Zeit meines Lebens habe ich als Sozialarbeiter gearbeitet. In einem Heim für Schwererziehbare. Fast hätte ich gesagt: in einem Jugendgefängnis, aber das gibt es in Schweden nicht. Dort lernt man jedenfalls, dass schlechte Verhaltensweisen oftmals aus Bedrohung und Verletzungen heraus entstehen. Ich bin sozusagen im Knast auf große Operngefühle gestoßen.

Schüchternheit war nie Ihr Problem?

Nein. Schon wenn ich etwas in der Schule präsentieren musste, habe ich das genossen. Ich glaube an gute Vorbereitung und misstraue sogar in gewissem Sinne der Improvisation. Beim Militär war ich Reserveoffizier. Als die Covid-Krise ausbrach, dachte ich mir: Naja, dann gehst du halt in deinen alten Beruf als Sozialarbeiter zurück.

Sie waren gut als Sozialarbeiter?

Ich war sehr jung, brannte für den Job und fühlte mich gebraucht. Da ich vom Militär kam, besaß ich eine robuste Ausstrahlung. Ich wurde respektiert. Man kriegt Nerven in seinen zehn Fingern, wenn man in solch einen sozialen Tigerkäfig gestiegen ist. Man weiß, dass man nicht gleich alle Probleme lösen kann. Auch nicht die von verrückten, vielleicht hysterischen Opernsängern, die es natürlich wirklich gibt. Ich kann mit Problemen, Zusammenbrüchen und Tränenausbrüchen gut umgehen. Und möchte eine positive Energie im Raum sein.

Sie stammen aus einem Land großer Wagner-Sänger. Wobei man nicht nur an Birgit Nilsson und Nina Stemme denken sollte. Sondern?

In meinem Fach schaue ich besonders auf zu Joel Berglund, der in den 40er-Jahren den Fliegenden Holländer in Bayreuth sang. Und zu Sigurd Björling, den schwedischen Wotan in der ersten Nachkriegs- Walküre von Bayreuth. Sie sind leider nicht sehr bekannt.

Weitere Idole?

Mein absolutes Vorbild ist der Bassbariton Ferdinand Frantz, der den Wotan bei Furtwängler und den Hans Sachs in der Aufnahme unter Rudolf Kempe gesungen hat. Frantz besaß ein außerordentliches Maß an Ehrlichkeit in der Stimme. Er hat nie Farben herbeigezwungen, wie man das sogar bei Hans Hotter gelegentlich findet. Frantz, ähnlich auch Otto Edelmann und der großartige Paul Schöffler, verließen sich noch auf die eigene Persönlichkeit. Sehr überzeugend.

Sie kehren regelmäßig zum italienischen Repertoire zurück. Warum?

Weil man mich lässt. – Ich stelle fest, dass viele Opernhäuser es interessant finden, wenn ein hauptberuflicher Wagner-Sänger Verdi singt. Ich nehme tatsächlich Farben von hier nach dort mit hinüber. Und das hält mein italienisches Repertoire frisch. Ich glaube nicht, wie dies oft gesagt wird, dass man die eigene Pensionierung unterschreibt, wenn man zu Wagner überwechselt. Man braucht auch für Wagner Schönheit in der Stimme, ebenso Natürlichkeit. Übrigens ist Scarpia die Partie, die ich am häufigsten singe.

Man liest, Sie hätten als Kind Grabredner werden wollen!?

Ich wollte, genauer gesagt, Leichenbestatter werden. Als mein Großvater starb, hatte ich seine Beerdigung als eine sehr würdige, wenn nicht sogar schöne Veranstaltung empfunden. Der Leichenbestatter trug einen überaus schönen schwarzen Anzug. Sehr respektabel. Als in der Schule nach dem Berufswunsch gefragt wurde, habe ich eben das angegeben. Ich war vielleicht 13 Jahre alt.

Ihre letzte geplante Produktion, Prokofjews Feuriger Engel am Theater an der Wien, kam über Proben nicht hinaus. Wie haben Sie die anschließende Corona-Zeit verbracht?

Krank! – Ich kam tatsächlich mit Covid-Symptomen nach Hause zurück. Ich wurde positiv getestet. Die Krankheit selbst habe ich gut überstanden. Ich habe Antikörper gebildet und hoffe, ein Stück weit immunisiert zu sein. Die Produktion des Feurigen Engel ist allerdings verloren. Zwar soll die Inszenierung von Andrea Breth nachgeholt werden. Aber dann habe ich keine Zeit. Ich grolle nicht. Das Studium einer Rolle ist nie vergebens. Das ist jedenfalls meine Ansicht.

Man liest manchmal, Sie würden auch Wrestling betreiben. Stimmt das?

Höchstens in meinen Albträumen! Ich träume öfters, als Amateur in einen Boxring steigen zu müssen. Ich kann aber gar nicht boxen. Beim Gong wache ich auf. Ähnlich häufig ist der Traum, dass ich eine Vorstellung singen muss, und mich an nichts erinnere. Ich stehe dann morgens auf und gehe als Erstes an die Partitur.

Wozu?

Naja, ich will doch ein guter Junge sein …

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