Foto: Javier del Real

Teatro Real Madrid

Neufassung in Rekordtempo

Mit gleich 27 Aufführungen am Stück meldet sich das Teatro Real im Opernleben zurück. Verdis Traviata erscheint hier, coronabedingt, in modifizierter Fassung auf der Bühne. Madrids großes Opernhaus ist flexibel – und denkt auch an die Zuschauer, die nicht vor Ort sein können.

Der Hochsommer in Madrid ist kein Vergnügen. Höchstens für Eidechsen oder sonstige Lebewesen, die ihre Zeit gern ungeschützt im Glutofen der spanischen Mittagshitze verbringen. Gute Fluchtmöglichkeiten bietet dem Kulturtouristen – mittlerweile wieder – der Besuch in einem der berühmten staatlichen Museen, allen voran im Prado, der auf ungezählten Quadratmetern die Möglichkeit bietet, sich angesichts ebenso ungezählter Meisterwerke in endloser Kühle zu verlieren. Doch auch anderswo in Spaniens Hauptstadt regt sich wieder kulturelles Leben, das Ablenkung von der Hitze bietet und noch vor wenigen Wochen, in Zeiten des totalen Lockdowns, völlig undenkbar gewesen wäre. Die Rede ist vom Teatro Real.

Nach ihrem New Yorker Zwischenaufenthalt hätte hier bereits im Mai Willy Deckers legendäre Traviata-Inszenierung von 2005 – damals das große Netrebko-Karrieresprungbrett bei den Salzburger Festspielen – über die Bühne gehen sollen. Aber Pustekuchen. Zur Überraschung und Freude aller meldete sich das Spitzenhaus nun doch mit Verdis Meisterwerk im Opernleben zurück, und zwar mit einer ganzen Serie, die fast den kompletten Monat Juli hindurch mit mehrfach wechselnder Star-Besetzung zu sehen war. „Unser Haus ist schließlich dazu da, dass es bespielt wird“, kommentiert der Intendant das Comeback, der Katalane Joan Matabosch. Als er 2014 vorzeitig die Leitung vom viel zu früh gestorbenen Gérard Mortier übernahm, hätte er sicher nicht im Traum daran gedacht, einmal das Theater durch die schwerste Krise seit seiner Gründung vor 200 Jahren navigieren zu müssen. Mit den Menschen ist auch der Enthusiasmus in das Haus neben dem Königspalast zurückgekehrt.

MIT DEN MENSCHEN IST DER ENTHUSIASMUS ZURÜCKGEKEHRT

Mit maximal 879 Personen pro Vorstellung darf das Teatro Real immerhin die Hälfte der sonst üblichen Zuschauer willkommen heißen – mehr als es die meisten Sicherheitskonzepte derzeit noch in Deutschland zulassen. Schon vor dem Einlass ist man mit den üblichen Begleiterscheinungen der „neuen Normalität“ konfrontiert, Desinfektionsmittelspender und Temperaturkontrolle. Wo noch in der ersten Saisonhälfte Glanz und Glamour das Treiben im Foyer bestimmten, regieren jetzt Maske und Sicherheitsabstand. Doch vielleicht ist es gerade an einem Spitzenhaus, das Staatsoperntouristen aus aller Welt anzieht, ganz gut, wenn sich der Blick wieder einmal fokussiert, wenn sich der Geist auf das Wesentliche richten kann, die Musik und das Geschehen auf der Bühne. Das fällt, hygienebedingt, dann auch deutlich reduzierter aus als in seiner Salzburger Originalgestalt. „Natürlich können wir das ursprüngliche Konzept nicht zeigen“, sagt Joan Matabosch, der zusammen mit seinem Team in Rekordtempo an der Neufassung gearbeitet hat. „Der Regisseur Leo Castaldi hat schließlich etwas ganz Neues und Zeitgemäßes daraus gemacht. Wir haben uns dabei aber immer eng mit Willy Decker abgesprochen. Er war von Anfang an sehr einverstanden mit unseren Plänen.“

Social Distancing herrscht bei dieser Traviata nicht nur im Zuschauerraum, sondern auch auf der Bühne. Passend eigentlich für ein Drama, das vorwiegend von verlorenen Seelen bevölkert wird; Einsame und Verlassene, die nicht zusammenkommen können. Der Kulissenzauber ist auf ein Minimum reduziert. Notwendiges Mobiliar, Sitzgelegenheit, Tischchen, Konsole, Bett, das war‘s. Ansonsten bestimmen mit rotem Band abgeklebte Planquadrate den Aktionsradius für die in Abendgarderobe aufgestellten Choristen. Weiße, etwas weiträumiger ausfallende Flächen auf dem Bühnenboden zeigen den Solisten, wie weit sie gehen dürfen. „Wir haben von Tag zu Tag geschaut. Und als wir gesehen haben, es gibt eine Chance für uns zu spielen, haben wir schnell gehandelt. Wir haben sofort ein Sicherheitskonzept entwickelt und haben es von den Behörden absegnen lassen“, sagt Matabosch, der hierfür zusätzlich die Expertise von erfahrenen Virologen eingeholt hat. Nicht zuletzt auch, um eventuelle Bedenken bei den Beteiligten auf der Bühne zu zerstreuen.

Geprobt wurde unter Hochdruck, doch wenigstens hatte man – einziger Vorteil einer Pandemie, die die darstellende Künstlerzunft beschäftigungslos macht – keine Probleme, innerhalb kürzester Zeit das Solistenensemble für die Aufführungsserie ins glühend heiße Madrid zu verfrachten. Wenn auch zu anderen Terminen, waren die meisten ohnehin gebucht. Da man im Seuchenzeitalter und bei insgesamt 27 (!) Vorstellungen an aufeinander folgenden Tagen etwas großzügiger planen muss, waren für die Partie der Violetta insgesamt fünf Besetzungen vorgesehen, für die der beiden anderen großen Partien, Alfredo und Giorgio Germont, jeweils vier. Einen strahlenden Triumph konnte das Teatro Real am Premierenabend mit dem Vokalkleeblatt aus Marina Rebeka, Michael Fabiano und Artur Ruciński einfahren. Doch auch Alternativbesetzungen wie Lisette Oropesa, die am Ende der Serie ins Spiel kam, oder Matthew Polenzani machten dem internationalen Ruf des Opernhauses auch im Ausnahmezustand alle Ehre.

„Nach Monaten ohne Engagement und ohne Einkommen haben sich die Sänger gefreut, überhaupt wieder auftreten zu können“, sagt Matabosch – und das unter halbwegs normalen Bühnenumständen. „Trotz der schwierigen Lage konnten wir an den ursprünglich vereinbarten Honoraren festhalten. Niemand hat auch nur einen Cent weniger bekommen. Allerdings sind uns die Sänger auch entgegengekommen, indem sie Mehrarbeit geleistet haben wegen der zusätzlichen Termine. Aber das hält sich alles noch im Rahmen. Wenn sie ursprünglich fünf Aufführungen gesungen hätten, sind es jetzt vielleicht sieben gewesen.“ Ebenfalls bezahlt gemacht hat sich die Ende der 90er-Jahre abgeschlossene Sanierung des Hauses, die es ermöglicht, die Größe des Orchestergrabens flexibel zu halten. Denn nicht nur auf der Bühne, sondern auch davor müssen die Abstandsregeln eingehalten werden.

„Für ein normal besetztes Orchester wie bei Verdi genügt eigentlich der kleinere Graben“, so Matabosch. „Da die Musiker derzeit aber weiter auseinander sitzen müssen, können wir für eine normale Besetzung den Graben entsprechend erweitern.“ Wo man sonst Raum für ein Wagner- oder Strauss-Orchester hätte, nimmt nun, ganz bequem, ein etwa halb so großer Apparat Platz. Das hauseigene Orquesta Sinfónica de Madrid spielt in zwei Schichten. Während die Bläser – logischerweise – mundschutzfrei spielen, halten die Streicher während der Aufführung Mund und Nase bedeckt. Der Dirigent Nicola Luisotti (im Wechsel mit Luis Méndez Chaves) sieht das Orchester nur durch Plexiglas. „So weit von den anderen entfernt zu sitzen, war für das Orchester – und übrigens auch für den Chor – eine ganz neue Erfahrung. Es war nicht einfach für die Musiker und Sänger, sich daran zu gewöhnen“, erklärt Joan Matabosch. In der Tat hört man während der Aufführung einige Wackler und Unsicherheiten, die man gerne den ungewohnten Umständen in Rechnung stellen möchte. Überhaupt nimmt man die Modifizierungen insgesamt kaum als Einschränkungen war, weshalb einem die szenisch geraffte und vokal beeindruckende Produktion als eine der ersten (fast) vollgültigen Opernaufführungen seit Monaten wie eine wahre Pioniertat erscheint – die nicht nur den Karteninhabern vor Ort, sondern auch einem breiten Online-Publikum Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in die „richtige Normalität“ gemacht haben dürfte: Die Aufführung vom 15. Juli – in der Premierenbesetzung mit Marina Rebeka und Michael Fabiano – wurde live über My Opera Player gestreamt, der neuen, im letzten Jahr in Betrieb genommenen Video-Plattform, über die neben Abenden aus Madrid auch Produktionen anderer Opernhäuser wie dem Bolschoi-Theater oder dem Royal Opera House in London zu sehen sind.

BEREIT HALTEN FÜR DAS NORMALE OPERNLEBEN

Über Wochen hinweg waren die Fundstücke aus dem Archiv die einzigen künstlerischen Lebenszeichen, die das Teatro Real an die Außenwelt senden konnte. „Das Live-Erlebnis, das haben wir mehr als deutlich gesehen, ist aber durch nichts zu ersetzen“, da ist sich Matabosch sicher – der einerseits sehr stolz ist auf das umfangreiche Streaming-Angebot seines Hauses, auf der anderen Seite darin aber auch in Zukunft keine gleichwertige Alternative zum normalen Opernbetrieb sieht. Schon aus finanziellen Gründen, denn die Live-Aufzeichnung eines Opernabends in HD ist mit enormen Kosten verbunden. „Wir können das nur machen, wenn wir mit einem Kooperationspartner zusammenarbeiten, einem Fernsehsender etwa. Sobald wir selbst das zahlen müssten, würde es sich nicht mehr rechnen.“

Was die kommende Saison angeht, ist man im Teatro Real optimistisch gestimmt. Seinen Premierenkalender hat das Haus in einer Weise angekündigt, als wäre mit Beeinträchtigungen durch COVID-19 in einigen Wochen nicht mehr zu rechnen. „Natürlich müssen wir uns flexibel halten“, sagt Matabosch, dessen Team mit der aktuellen Traviata zur Genüge bewiesen hat, wie es geht. „Aber wir müssen uns auch bereit halten für das normale Opernleben.“ Also wird der Probenbetrieb nach Maßgabe der aktuellen Situation wieder aufgenommen. Passenderweise steht als erste Premiere nach der Sommerpause Verdis Maskenball auf dem Plan, erneut mit Michael Fabiano (alternierend mit Ramón Vargas) und mit Anna Pirozzi als Riccardo bzw. Amelia. „Sicherlich werden wir auch in der Inszenierung von Gianmaria Aliverta Modifizierungen vornehmen müssen“, weiß Matabosch, „aber spätestens bei Rusalka hoffe ich, dass wir wieder normal spielen können.“ Dvoráks lyrische Märchenoper, eine Koproduktion mit der Sächsischen Staatsoper Dresden sowie den Opernhäusern in Bologna, Barcelona und Valencia, wird als zweite Premiere der Saison am 12. November erstmals über die Bühne gehen – wenn der Begriff „neue Normalität“ möglicherweise wieder eine andere Bedeutung hat als gegenwärtig

Stephan Schwarz-Peters

Auf Schachbrett-Distanz: Lisette Oropesa
Foto: Javier del Real
Distanz auch im Zuschauerraum
Foto: Javier del Real
Intendant Joan Matabosch
Foto: Javier del Real