Foto: Utah Opera

Tops & Flops

Ein dicker Fisch im Netz

Utah Operas abgespeckte Produktion von Jake Heggies Moby-Dick reist mit wenig Ballast – und bringt die eingespielte Operngruppe auf neue (See-)Wege.

2018 ist in vielerlei Hinsicht der Beginn einer neuen Ära für Utah Opera. Mittlerweile seit 40 Jahren im Geschäft, stellt sich die Truppe frischen Herausforderungen und arbeitet daran, weitere Zuhörerkreise zu gewinnen. Bekannt ist Utah Opera vor allem für Produktionen des gängigen Repertoires von Puccini, Mozart und anderen längst verstorbenen Komponisten. Mit der Inszenierung von Jake Heggies Moby-Dick macht das Haus nun einen großen Sprung nach vorne. Vier weitere Häuser haben die Inszenierung bereits für eine Übernahme in den kommenden zwei Jahren gebucht. „Ich sehe dies als eine entscheidende Produktion und als Wendepunkt in der Geschichte von Utah Opera“, sagt der künstlerische Leiter, Christopher McBeth. Anders als der Original-Moby-Dick, der 2010 an der Oper von Dallas uraufgeführt wurde und für sein kostspieliges High-Tech-Bühnenbild berühmt(-berüchtigt) wurde, ist die neue Version für den leichten Transport konzipiert. McBeth schätzt, dass die gesamte Produktion in nicht mehr als zwei Schiffscontainern untergebracht werden kann.

Zum Vorteil gereicht, dass Moby-Dick an sich eben kein aufwendiges Bühnenbild braucht, um Heggies kinohafte Partitur oder Gene Scheers Libretto zu vermitteln, eine geschickte Eindampfung von Herman Melvilles klassischem – und langen! – Roman. Mühelos trägt sich das Stück auf der Bühne, voll des Abenteuers, das Melville 1851 in die ursprüngliche Geschichte packte. Seine Erzählung, überlebensgroß und dramatisch, folgt der Reise Kapitän Ahabs, der die Meere durchsegelt auf der Suche nach Rache an einem riesenhaften Wal, der ihn während einer Jagdexpedition ein Bein kostete. Zum Glück für Bühnenbilder Erhard Rom spielt die Handlung fast komplett an einem einzigen Ort, an Bord des Seglers Pequod. Rom musste daher lediglich ein einziges szenisches Setting entwerfen, ökonomisch reduzierte er dafür Objekte auf grundlegende geometrische Formen und einfache Architekturen. Den Schiffsbug stellt ein Dreieck dar, der Mast ist kaum mehr als eine Säule, die sich aus der Bühnenmitte erhebt. Die Sänger bewegen sich um diese Objekte, die auf einer Drehbühne platziert sind und so wechselnde Perspektiven auf das Schiff erlauben. Die Kulisse öffnet auf einen hohen, geschwungenen Hintergrund, bedeckt mit Seekarten, der zugleich als Projektionsfläche für kräuselnde Wellen und sternklare Nachthimmel dient. Verglichen mit der Originalproduktion, deren Bühnenbild von Robert Brill entworfen wurde, ist das Design konservativ, doch erweist sich das als Vorteil für die Darsteller, die nicht mit der Optik konkurrieren müssen.

Als fordernder und rastloser Kapitän Ahab, der seine Crew letztlich in den Untergang führt, ging der kanadische Tenor Roger Honeywell vielfach stimmliche Risiken ein und erweckte den Charakter mit all der Schroffheit, die die Rolle verlangt, zum Leben. Es ist noch nicht lange, dass auf den Opernbühnen Nordamerikas ebenso viel Gewicht auf das Darstellerische wie auf das Stimmliche gelegt wird – viele Jahre kam es allein auf den Gesang an –, und Honeywell verkörpert diesen Trend beispielhaft. Seine Stimme hat einen tragfähigen Fanfarenton, doch opfert er bereitwillig sängerische Makellosigkeit, wenn eine Szene nach rauerer, zornigerer Darstellung verlangt – weniger himmlisch, mehr menschlich, könnte man sagen. Faszinierend zu sehen und zu hören.

Seine Besetzungs-Kollegen folgten einem traditionelleren Ansatz und lieferten damit Gegengewicht und ausbalancierten Höreindruck. Stimmreinheit ist angemessen für den Schiffsmaat (Bariton Adam Moore), dessen Charakter den moralischen Kompass der Geschichte verkörpert. Die Leuchtkraft von Moores Darstellung stach aus der ansonsten düsteren Erzählung heraus.

Melvilles Roman bezieht seine Energie aus der großen Zahl von voll ausgeformten Charakteren, denen Heggie und Scheer Gerechtigkeit widerfahren lassen und jedem einzelnen eine hitverdächtige Arie widmen. Der US-Tenor Joshua Dennis legte Unschuld in die Partie des Greenhorn, des jungen Mannes, der auf der furchtbaren Fahrt die harte Realität des Walfangs erlernt. Dem aus Südafrika stammenden Bassbariton Musa Ngqungwana gelang Härte ebenso wie Zartheit als erfahrener Seemann Queequeg, und die amerikanische Sopranistin Jasmine Habersham, einzige Frau der Besetzung, beschwor Tugend und Wahnsinn als Pip, des todgeweihten Schiffsjungen der Pequod.

Kristine McIntyres Regie lotete zahlreiche Blickwinkel der Handlung aus und erlaubte es den Sängern, Mut ebenso wie Verletzlichkeit zu entwickeln. Zwischen den harten Seemännern existiert zugleich große Nähe – sie berühren und halten einander, in dem Maße, in dem die Tragödie ihren Lauf nimmt. Ihre emotionalen Hochs und Tiefs wurden noch verstärkt von Dirigent Joseph Mechavich und dem Orchester, das die Handlung mit einer robusten Interpretation von Heggies lyrischer, anschwellender Musik vorantrieb.

Utah Opera, gegründet von dem mittlerweile verstorbenen Glade Peterson, spielt jedes Jahr vor rund 150.000 Zuschauern und hat ein reges Education-Programm, das rund 80.000 Schüler und Schülerinnen erreicht. Zusätzlich zu den Opern-Aufführungen unterhält die Truppe auch eine gut nachgefragte Bühnen- und Kostümwerkstatt, die Auftragsarbeiten für andere Häuser erledigt – die Beschäftigungsgrundlage für die Angestellten von Utah Opera und zugleich sichere Einkommensquelle. Ein stabiles Geschäftsmodell, das die Gruppe vier Jahrzehnte hindurch getragen hat.

Dennoch plant man, die traditionsreichen Wege zu verlassen. Moby-Dick war ein künstlerischer Erfolg und zog ein großes Publikum. McBeth vertraut daher darauf, dass das Stück zur weiteren Inspiration der Opern-Company und ihrer Sponsoren dienen wird, um in den kommenden Jahren ein weiter gefächertes Programm von etablierten und zeitgenössischen, europäischen und amerikanischen, bekannten und brandneuen Werken zu entwickeln: „Aufbauend auf dem Erfolg dieses Projektes und auf meinem Einsatz für das amerikanische Opernschaffen, sollen neuere Stücke und interessante Produktionen zu einem Eckpfeiler in unseren zukünftigen Spielzeiten werden.“

Ray Mark Rinaldi
(Übersetzung aus dem Englischen von Jan Geisbüsch)

Fotos: Utah Opera