Foto: Francesco Squeglia

Open Air: Neapel und Ravello

Verhaltene Jubelstimmung

In Ravello lockt ein spektakulärer Blick über die Berge und das Mittelmeer. Zum Opern-Neustart in Neapel präsentiert der neue Intendant Stéphane Lissner große Namen und gibt damit zugleich die Richtung seiner Amtszeit vor. Mut und Lust auf Oper zeigen beide Aufführungen.

Giuseppe Verdi hat es schwer gegen den Verkehrslärm Neapels, gegen spielende und laut rufende Kinder im Hintergrund der Piazza del Plebiscito in Sichtweise zum eingerüsteten Opernhaus San Carlo. Vom Hafen hört man das permanente Brummen der wenigen Kreuzfahrtschiffe, startende Flugzeuge nehmen ihre Route über den Golf von Neapel. Auf dem zentralen Platz der lauten Metropole meldet sich das Opernhaus zurück mit einer konzertanten Aufführung von Giuseppe Verdis Aida, deren unumstrittener Star Jonas Kaufmann als Radamès ist. Zuvor hatte schon Anna Netrebko als Tosca brilliert, und allein diese beiden Namen zeigen, wo der neue Intendant des Teatro di San Carlo sein Haus nach dem Neustart sehen will.

Stéphane Lissner, vorzeitig aus Paris nach Neapel gewechselt, setzt auf die ganz Großen des Sängergeschäfts und möchte das einst wichtige Uraufführungstheater wieder fest auf der internationalen Opernkarte verankern. Der Zeitpunkt ist günstig, denn auch die bekanntesten Opernstars haben momentan einen ausgedünnten Kalender, so dass Lissner dem wohl gefragtesten Tenor unserer Tage mit Anna Pirozzi in der Titelrolle und Anita Rachvelishvili als Amneris ebenbürtige Partnerinnen an die Seite stellen konnte. Der Dirigent Michele Mariotti trotz den akustischen Widrigkeiten und geht mit dem Orchester des Teatro di San Carlo keine Kompromisse ein. Seine Klangvorstellungen setzt er mit präzisen Zeichen um, lässt den Musikern das Vergnügen am Musizieren, während er die rhythmischen Feinheiten genau dosiert. Die Verstärkung jedoch nivelliert einiges an Details – eine Herausforderung für die Sänger. Jonas Kaufmann kalkuliert kunstvoll jede einzelne Phrase, jeder musikalische Bogen ist von ihm vorgeplant und auf seine individuellen stimmlichen Möglichkeiten abgestimmt. Eine gesangstechnisch ungemein beeindruckende Leistung. Schwierige Passagen kommen makellos und in den Pianopassagen wechselt Kaufmann in eine perfekt verblendete Voix mixte. Die im Finale untergemischten veristischen Schluchzer sind Geschmackssache.

In der Titelpartie ist Anna Pirozzi zu hören. Emotional scheinbar unbeteiligt, setzt sie schöne Glanzlichter, dringt aber nicht zur Zerrissenheit und vielschichtigen Tiefe der Figur durch. Das ist Anita Rachvelishvili vorbehalten, die in ihrer glutvollen Interpretation der Amneris alle vokalen Facetten mühelos ausbreiten kann. Auf der Grundlage der Sicherheit ihres Könnens kann sie sich um jene gestalterischen Dimensionen kümmern, die nur erreichbar sind, wenn gesangstechnische Fragen keine Rolle mehr spielen. Claudio Sgura ist ein selbstsicher auftrumpfender Amonasro, in der kleinen Rolle der Sacerdotessa kann Selene Zanetti durch stilsichere Phrasierung punkten. Richtige Jubelstimmung wollte sich jedoch nicht einstellen an diesem Abend, dessen kulturpolitische Bedeutung für Süditalien gleichwohl riesig ist.

RAVELLO

Auf der anderen Seite der Halbinsel von Sorrent liegt hoch über der Amalfiküste der kleine Kurort Ravello, wo im Garten der Villa Rufolo alljährlich ein exklusives Klassikfestival mit spektakulärem Blick über Berge über Mittelmeer veranstaltet wird. Auch hier war lange unklar, ob überhaupt Konzerte stattfinden können, schließlich wurde ein verkleinertes Programm improvisiert, bei dem auch konzertante Opern aufgeführt wurden. Und so stand Véronique Gens aufgrund der feuchten Wetterkapriolen dieses Sommers plötzlich im aufsteigenden Nebel, als sie „When I am laid in earth“ sang. Die hohe Luftfeuchtigkeit sorgte mitten in Henry Purcells Dido and Aeneas für reißende Geigensaiten und abenteuerliche Stimmungsverhältnisse zwischen Streichern, Cembalo und Solisten, aber all das fiel nicht weiter ins Gewicht gegen die Erleichterung, dass überhaupt Konzerte stattfinden konnten. Der Dirigent Antonio Floro leitet die sehr engagiert spielende Capella Neapolitana zwar recht pauschal durch Purcells Partitur, aber der Countertenor Raffaele Pe sorgt mit seinen Auftritten als Hexe für ein umso exaltierteres Drama, Mauro Borgioni ist ein verlässlicher Aeneas. Personalisierte Eintrittskarten, Fieberkontrolle am Einlass und Händedesinfektion lassen die Italiener stoisch über sich ergehen, denn auch im Süden des Landes sind die Bilder aus Bergamo noch sehr präsent. Im ausgedünnten Publikum sind wenig andere Sprachen als Italienisch zu hören, und so sind die Aufführungen in Neapel und Ravello auch Veranstaltungen der Selbstvergewisserung eines erstaunlich jungen Kulturbürgertums, das auch in der noch immer anhaltenden Coronakrise einfach Lust auf Musik, auf Oper, auf Kultur hat.

Verdi: Aida
Konzertante Aufführung am 28. Juli 2020
Mskl. Leitung: Michele Mariotti, Chordirektor: Gea Garatti Ansini
Anna Pirozzi (Aida), Jonas Kaufmann (Radamès), Anita Rachvelishvili (Amneris), Claudio Sgura (Amonasro), Roberto Tagliavini (Ramfis), Fabrizio Beggi (Il Re d’Egitto), Gianluca Floris (Un Messagiero), Selene Zanetti (La Sacerdotessa)

Purcell: Dido and Aeneas
Konzertante Aufführung am 1. August 2020
Mskl. Leitung: Antonio Florio, Chordirektor: Rosario Totaro
Veronique Gens (Dido), Maria Grazia Schiavo (Belinda), Mauro Borgioni (Aeneas), Raffaele Pe (Hexe)

Uwe Friedrich

Anita Rachvelishvili und Jonas Kaufmann
Foto: Francesco Squeglia
Berge, Mittelmeer, Kunst: Garten der Villa Rufolo
Foto: Pino Izzo
Ravello: Dido and Aeneas
Foto: Pino Izzo