Fotos: Paul Leclaire

Tops & Flops

Ahnen und wähnen

Zum 100-jährigen Uraufführungsjubiläum hat die Oper Köln Erich Wolfgang Korngolds Tote Stadt ins Programm genommen. Die konzentrierte, auch handwerklich gut gemachte Regie stammt von Tatjana Gürbaca.

Dieser Termin musste um jeden Preis gehalten werden: Genau 100 Jahre, nachdem sie hier ihre triumphale Uraufführung erlebt hatte, sollte die Tote Stadt an die Kölner Oper zurückkehren. Und das tat sie – Lockdown hin, Kulturschließung her – am Ende auch. Vor schädlichen Aerosolen geschützt, konnten Opernliebhaber am heimischen Rechner der Premiere beiwohnen. Drei Tage zuvor hatte die Bühne bereits mit einer digitalen Übertragung von George Benjamins Written on Skin (siehe dazu die Kritik in dieser Ausgabe) geübt; dabei hatte es sich aber um einen zuvor aufgezeichneten Mitschnitt gehandelt, während die Opernleitung nun mit dem Live-Stream ein echtes Wagnis einging. Denn zur Vorbereitung blieben nur zweieinhalb Wochen, wie die Kölner Intendantin Birgit Meyer in der Pause beim Kulissengespräch berichtet.

Der Stream ist alles andere als perfekt, es wackelt immer wieder, Bild und Ton sind häufig asynchron, mehrmals gibt es Übertragungslücken, und ausgerechnet in der Prozessionsszene, wenn der OPER! AWARDS-prämierte Chor der Oper Köln seinen großen Auftritt hat, kommt es zu einem größeren Totalausfall. Und doch: Der unbedingte Wille, die Leidenschaft und Kraft und auch der Trotz, mit der diese schon dem Orkus der Corona-Politik geweihte Produktion doch noch sichtbar gemacht wurde, lässt diese technischen Mängel in den Hintergrund treten. Zumal die Oper Ticketkäufern im Nachgang anbietet, sich die störungsfreie Aufführung kostenlos als Video-on-demand anzuschauen. Doch lässt sich dieser Jubiläums- Korngold nach den Maßstäben einer echten Live-Aufführung beurteilen? Man muss wohl Abstriche machen.

Zumindest die musikalischen Qualitäten bleiben nicht verborgen, wie auch: In Köln setzt man auf hochdramatischen Klang, große Stimmen und reizt die fast nervenzehrende Üppigkeit des Orchesterparts weidlich aus. Mit herbem, dunkel eingefärbtem Organ steht Ausrine Stundyte als Marietta/Marie ihrer triumphalen Salzburger Elektra näher als dem süßen Operetten-Engel, der sich auch in diese Rolle verirrt. Ihre Marietta ist mehr als die bloße Luftspiegelung für den verwirrten Paul, sie ist eine psychologisch motivierte, tatkräftig ins morbide Geschehen eingreifende Protagonistin, die auch im Scheitern noch Größe bewahrt – nicht nur, was die Haltung, sondern auch die Stimme betrifft. Konnte diesbezüglich ihr männlicher Tenor-Gegenpart Burkhard Fritz als Paul mit etwas zu forciertem Angriff auf die Höhe am Anfang noch nicht so recht überzeugen, legte er schnell, noch im ersten Bild, die gesamte Palette seiner dramatischen Gestaltungskraft frei und hielt bei aller Dauerpräsenz bis zum Schluss sein exzellentes stimmliches Niveau. Ihre Duette verwandelten Stundyte und Fritz in epische Opernerlebnisse, die über die häufig hineinkalkulierte Sentimentalität hinwegstrahlen – wie ein Siegfried und eine Brünnhilde bei der gemeinsamen Darbietung von „Glück, das mir verblieb“.

Eine Wohltat, dass vor diesem Fokus aufs Schwere die anderen Ensemble-Beteiligten mit leichterem Ansatz gegensteuern, allen voran der hervorragend besetzte Wolfgang Stefan Schwaiger als Pauls Intimus Frank und späterer Pierrot, der Paul in der großen Traumvision des zweiten und dritten Bildes das Glück mit Marietta missgönnt; wie ihrerseits die stets zur Nebenfigur degradierte Dienstmagd Brigitta – ausdrucksstark gespielt, aber bisweilen mit bedenklichen Verschleißerscheinungen in der Stimme gesungen von Dalia Schaechter. Mit ihrer unterschwelligen Manipulationskraft werden diese beiden Figuren – Frank/Pierrot und Brigitta – in Tatjana Gürbacas Inszenierung zu wesentlichen Lenkern des Geschehens. Vollzieht sich dieses im Original eher diffus in einer dem Surrealismus zustrebenden Atmosphäre nekrophiler Operettenberauschtheit, gesellt ihr die Regisseurin immerhin ein paar konkrete Handlungshinweise bei, die das rätselhafte Verhalten Pauls ansatzweise erklären können.

Die Frage „Hat er Marie ermordet?“ taucht aktuell nicht nur in dieser Kölner Produktion auf. So eindeutig mit ja wird sie aber selten beantwortet. Pauls Art der Getriebenheit, seine Erregung beim Anblick hingestorbener junger Frauen lässt sogar vermuten, dass er nicht nur einmal tätig war. Seine „Kirche des Gewesenen“ ist eine Art kreisrunde Bühne, umrahmt von einem Bartresen, an dem sich noch vor Aufführungsbeginn verlorene Nachtgestalten versammeln – die später ins Bild tretenden Darsteller von Mariettas Theatergesellschaft. Wie wirre Visionen versammeln sich auf diesem Podium die unterschiedlichsten Versionen Maries, die eigentlich nur die Tatsache verbindet, dass sie in die klassische Marienfarbe Blau gehüllt sind. Wer oder was Marie in Pauls Vorstellung eigentlich ist, bleibt rätselhaft; doch während sich der darstellerische Akt auf der Bühne nur als Ahnen und Wähnen vollzieht, tragen die an Schlüsselstellen eingesetzten Videos zur Aufklärung bei. Nur so viel: Auch Scheren können Mord- und Selbstmordwaffen sein.

Durch diese nachvollziehbare Wechselbeziehung zwischen Bühne und Animation bringt Gürbaca eine klare Struktur in ihre auch sonst handwerklich sehr gut gemachte Inszenierung – die übrigens die von Corona diktierten Abstandsregeln mit virtuoser Unauffälligkeit berücksichtigt. Wie das Gürzenich-Orchester unter Gabriel Feltz trotz der weit auseinandergezogenen Sitzanordnung zu einem derart raffiniert vielschichtigen Klang findet, muss auf einem jener Wunder beruhen, auf die man derzeit ohnehin ständig hofft. Apropos Corona: Ohne dabei allzu plump zu werden, spielt Gürbaca in dieser ersten richtigen Online-Premiere der Oper Köln mit dem Thema. Wenn etwa das angeheiterte Bühnenvolk im zweiten Bild die Freiheit der Kunst beschwört und Pierrot dabei einen Strick um den Hals legt, kann das kaum anders als ein Seitenhieb auf die politischen Entscheidungsträger gedeutet werden, die weiten Teilen der Wirtschaft einen Teil-Lockdown spendieren – und der Kultur einen Voll-Lockdown, dessen Ende zum heutigen Tag noch nicht abzusehen ist.

Stephan Schwarz-Peters

 

Korngold: Die tote Stadt
Streaming-Premiere am 4. Dezember
Mskl. Leitung: Gabriel Feltz, Inszenierung: Tatjana Gürbaca, Bühne: Stefan Heyne, Kostüme: Silke Willrett, Licht: Andreas Grüter, Video: Sandra van Slooten, Volker Maria Engel, Chor: Rustam Samedov, Dramaturgie: Georg Kehren
Burkhard Fritz (Paul), Ausrine Stundyte (Marietta/Erscheinung Maries), Wolfgang Stefan Schwaiger (Frank/Pierrot), Dalia Schaechter (Brigitta), Anna Malesza-Kutny (Juliette), Regina Richter (Lucienne), John Heuzenroeder (Victorin), Martin Koch (Graf Albert)

Burkhard Fritz als Paul.
Foto: Paul Leclaire
Die tote Stadt: Nachtgestalten.
Foto: Paul Leclaire
Burkhard Fritz (Paul), Ausrine Stundyte (Marietta).
Foto: Paul Leclaire