Foto: Bernd Uhlig

Tops & Flops

Schweres Regiegepäck

Stefan Herheim startet den neuen Berliner Ring an der Deutschen Oper mit der Walküre als Flüchtlingstheater. An die musikalische Qualität reicht seine Inszenierung jedoch nicht heran.

Ein musikalisches Wagnerfest war es allemal. Die Besten des Wagner-Gesangs hatten Generalmusikdirektor Donald Runnicles und Besetzungschef Christoph Seuferle an der Deutschen Oper Berlin versammelt, um zumindest mit dem zweiten Teil der Tetralogie unter Echtbedingungen in den neuen Ring des Nibelungen zu starten, nachdem das Rheingold im Juni in reduzierter Fassung und in der szenischen Einrichtung von Abendspielleiter Neil Barry Moss auf dem Parkdeck hatte stattfinden müssen. Nun also die Walküre in Stefan Herheims ursprünglicher Konzeption und mit durchgetestetem Vollorchester.

Als Brünnhilde bringt Nina Stemme einen Sopran von dramatischer Fülle mit, nicht unscharf beim Hojotoho, aber doch insgesamt so warm und mitfühlend gestaltend, in der Todesverkündigung an Siegmund gar mit anrührend weicher, samtiger Feinheit aufwartend, dass es zu Herzen geht. Und Johan Reuter (der am Rand für den erkrankten, aber sorgsam spielenden John Lundgren singt) gestaltet mit zunächst kernig auftrumpfendem Bassbariton den Wotan, der immer farbenreicher und letztlich herzlicher wird in der Aussprache. Spielte er selbst, käme sicher noch eine rhetorischere, mit der Handlung korrespondierende Artikulation dazu.

Runnicles jedenfalls lässt das Orchester mit solcher Lyrik aufwarten, dass gerade alles stille Erzählen und menschliche Empfinden unbedingt gestützt und nie übertönt wird. Er bleibt zwar die große Emphase nicht schuldig, überreizt sie aber nicht ins Expressive. So wird Wotans Abschied rührend, aber nicht verzweifelt, toben die Wälsungen turbulent, aber nicht exzessiv in den Liebesrausch. Und selbst die prächtig intonierenden Walküren harmonieren bestens. Das Wälsungenpaar zeigt vor allem jugendliche Kraft und Frische: Brandon Jovanovich als Siegmund ist ein maskuliner Held mit männlich timbriertem Tenor, also geschmeidig und strahlkräftig ohne Grellheiten. Und Lise Davidsen singt die Sieglinde mit ihrem schönen hellen Sopran voll fülliger Klarheit auch als Lichtgestalt. Es ist eben doch richtig, hier eine echte Sopranistin, nicht wie so oft eine Mezzosopranistin einzusetzen, so hat das Jubelpaar der freien Liebe die von Wagner gewünschte ungetrübte Natürlichkeit.

Die Regie ging freilich einen anderen Weg. Herheim und Silke Bauer zeigen schon in ihrem Bühnenbild, dass sie Wagners Ring im Zeitalter der Flüchtlingsströme verorten. Koffer überall. Getürmt zu den Mauern von Hundings Hütte und zu den Klippen des Walkürenfelsens, und schwebend als drohende Wolke am Himmel. Ach, wäre dieses Symbol nicht schon so abgenutzt. Und immer wieder durchqueren heutige Flüchtlinge diese Kofferlandschaften mit ihren Habseligkeiten, werden manchmal hineingerissen in das Geschehen der Oper und stehen manchmal staunend oder erschreckt am Rand. Denn immer wieder erkennen sie ihr Leben, ihre Situation in dem Weltepos wieder.

Solche Vereinnahmung von Flüchtlingsschicksalen hat aber auch etwas Wohlmeinend-Bevormundendes, vielleicht haben sie ganz andere Sorgen. Da müsste man dann auch wirklich Syrer und Afghanen den Ring inszenieren lassen. Und vielleicht finden sie eine Brünnhilde mit Brustpanzer und Flügelhelm, die Wotan am Klavier scheinbar aus den Noten und tatsächlich aus dem Flügel erweckt, auch eher lächerlich. Nachdem Barrie Kosky dieses Bild schon in seinen Bayreuther Meistersingern heiter-ironisch benutzt hat, bietet es sich eigentlich nicht mehr an. Im Übrigen wirkt diese Einfachheit, mit der Flüchtlinge mittels Betttüchern und Videoeinblendungen Feuer züngeln lassen und damit plötzlich Ring spielen, als wären sie nicht gerade unterwegs gewesen, um ihr Leben zu retten, eher schultheaterhaft. Da hatte Andreas Kriegenburg in München den Ansatz der Mythenschöpfung aus Menschen und ihren Gebilden essentieller gefasst.

Immerhin, da hat Herheim Recht: Wagner, der politische Exilant von 1849, der von Gläubigern verfolgte ewige Wirtschaftsflüchtling, erzählt viel von Flüchtigen, die für ihre Liebe nur vorübergehend Platz finden in einer machtbestimmten Welt. Die Geschwister Siegmund und Sieglinde etwa, der Einzelkämpfer und die Zwangsverheiratete. Auch Brünnhilde, die vor dem zornigen Vater Wotan fliehen muss, als sie für die systemsprengende Liebe der Geschwister eintritt. Und für deren Frucht, Siegfried, dessen Geburt Herheim am Ende noch explizit zeigt, mit einem als Wagner gekleideten Zwerg Mime als Geburtshelfer. Natürlich wieder aus dem Klavier geboren, aber das hat nicht die Urkraft des zentralen Betts aus seiner Bayreuther Parsifal-Inszenierung.

Der Regisseur will offenbar alle Hintergründe der Ring-Teile sichtbar machen und Überleitungen schaffen. Das ist etwas überpädagogisch. Zumal er auch noch die Leitmotive, die bei Wagner ver- und vorausweisen, visuell übersetzt. Wenn die Musik zum ersten Augenkontakt von Siegmund und Sieglinde von ihrer keimenden Liebe kündet, werfen sie sich bei Herheim gleich in einen heftigen Kuss. Was soll da noch passieren, wenn sie nach langer Steigerung tatsächlich auch bei Wagner übereinander herfallen? Herheim erfindet zudem, als ob Wagners Handlung nicht schon kompliziert genug wäre, eine stumme Figur: den Hundingling als Sohn Sieglindes und ihres offiziellen Gatten Hunding. Es geht zwar unter die Haut, wie Eric Naumann diesen Tauben und Stummen spielt, der offenbar die natürliche Liebe der Geschwister begreift und in Siegmund einen neuen gütigen Bruder gewinnen will. Aber dass Sieglinde ihn im Rausch vor der Liebesnacht absticht, um sich für Siegmund von allen Bindungen frei zu machen, besudelt die von Wagner gefeierte freie Liebe unzulässig mit Mord. Nun trägt auch dieses Sympathiepaar wirkliche Schuld mit sich, die sie bei Wagner nicht hat.

Gut ist allerdings, dass so Hunding, dessen Sohn gemordet wird, an menschlicher Komplexität hinzugewinnt und kein eindimensionaler Finsterling bleibt. Andrew Harris darf ihm daher seinen schönen satten Bass leihen. Und auch Fricka findet in Annika Schlicht aus dem Hausensemble eine mit sanglichem Mezzo aufwartende Interpretin von klarer Artikulation. Musikalisch kam Wagner in Berlin durchaus zu Glanz. Herheims Inszenierung wirkte jedoch leider schon jetzt älter als Götz Friedrichs Ring im 30. Jahr.

Wagner: Die Walküre
Premiere am 27. September 2020, besuchte Vorstellung am 4. Oktober
Mskl. Leitung.: Donald Runnicles, Inszenierung: Stefan Herheim, Bühnenbild: Stefan Herheim und Silke Bauer, Kostüme: Uta Heiseke
Brandon Jovanovich (Siegmund), Lise Davidsen (Sieglinde), Johan Reuter (Wotan/Gesang), John Lundgren (Wotan/Spiel), Andrew Harris (Hunding), Annika Schlicht (Fricka), Nina Stemme (Brünnhilde), Eric Naumann (Hundingling), Flurina Stucki (Helmwige), Aile Asszonyi (Gerhilde), Antonia Ahyoung Kim (Ortlinde), Irene Roberts (Waltraute), Ulrike Helzel (Siegrune), Karis Tucker (Roßweiße), Nicole Piccolomini (Grimgerde), Beth Taylor (Schwertleite)

Andreas Berger

Brandon Jovanovich, Andrew Harris, Eric Naumann, Lise Davidsen
Foto: Bernd Uhlig
John Lundgren (Wotan)
Foto: Bernd Uhlig
John Lundgren, Brandon Jovanovich, Lise Davidsen, Eric Naumann
Foto: Bernd Uhlig