Foto: Victor Santiago

Corona-Krise

Weißt Du, wie das wird?

Opernsänger im Ausnahmezustand: In Paris erlebt Anna Gabler den Abbruch der Rheingold-Proben, und in Mailand begibt sich Alex Esposito direkt nach der Scala-Premiere von Il turco in Italia in die private Isolation. Die Künstler stürzt das oft in existenzielle Krisen.

Am 2. April hätte an der Pariser Bastille-Oper der neue Ring mit Rheingold eröffnet werden sollen. Seit Ende Februar liefen die Proben. Ab dem 12. März war klar, dass die Arbeit wegen der rasanten Ausbreitung der Corona-Pandemie unterbrochen und die Premiere auf einen unbekannten Termin verschoben werden würde. Die Münchner Sopranistin Anna Gabler ist als Freia im Rheingold, aber auch als dritte Norn und Gutrune in der Götterdämmerung besetzt. Sie hat wegen der Verpflichtung für Paris im laufenden Kalenderjahr 2020 kaum weitere Engagements annehmen können. Rechtzeitig hatte sich die freischaffende Sopranistin um eine Wohnung in Paris gekümmert und die Miete dafür bereits im Voraus bezahlt. Eigentlich wollte Anna Gabler bis April in Paris bleiben, als die Schließung der Grenzen für den 16. März bekannt gegeben und die Zugverbindungen gestrichen wurden „Dann ging plötzlich alles sehr schnell“, erzählt sie. „Die Probenarbeit mit Calixto Bieito und Philippe Jordan Anfang März war kreativ und hat Spaß gemacht. Michael Volle konnte zwar nicht dabei sein, da er bereits in Mailand unter Quarantäne gestellt war, aber wir haben ihm lustige Selfies mit guten Wünschen geschickt in der Hoffnung, dass er bald zu uns stoßen würde. Dann hörten wir von Kollegen aus den laufenden Produktionen von Don Giovanni und Manon, dass deren Vorstellungen abgesagt wurden und bekamen langsam ein mulmiges Gefühl.“

Der Publikumsbetrieb an der Opéra de Paris wurde vorsorglich eingestellt, und die Solisten der laufenden Produktionen reisten wieder ab. Das Rheingold-Team probte weiter und erhielt die Weisung, besonders sorgfältig auf Hygiene zu achten. Stündlich Händewaschen war die Devise. Allmählich kam starke Unsicherheit auf, wie es weitergehen würde mit dem Pariser Ring, und Anna Gabler erlebte zum ersten Mal, dass solistische Einzelkämpfer sich als Gruppe zusammenfanden, um als Kollektiv zunächst miteinander und dann auch mit der Theaterleitung zu sprechen über die große Frage: „Weißt du, wie das wird?“

„Es ist wirklich etwas Besonderes, dass wir unsere Sorgen in der Gruppe besprochen haben“, fasst sie diesen Moment in Worte. „Es ging sowohl um die materielle Unsicherheit als auch um die Frage, was passiert, wenn jemand aus dem Haus positiv auf Corona getestet wird. Im Unterschied zu allen Problemen, die wir bislang kannten, haben wir nun als Menschheit, also nicht nur wir Sänger im Rheingold, wir Menschen im Theater und in der künstlerischen Welt, sondern wir alle auf der Welt ein Problem. Das muss auch kollektiv gelöst werden. Wir Solisten haben uns in Paris als kleine Rheingold-Truppe zusammengetan, und das war eine sehr schöne menschliche Erfahrung. Über unsere WhatsApp-Gruppe sind wir nach wie vor in Kontakt und informieren und unterstützen uns.“

FREISCHAFFENDE IM FREIEN FALL

Eigentlich hatte die Rheingold-Truppe gehofft, bis zur Generalprobe weiterarbeiten zu können und bei Absage der Vorstellungen ihre finanzielle Situation mit dem Haus zu verhandeln. Bis zur ersten Vorstellung gehen Solisten an der Pariser Oper erst einmal in Vorleistung, da die Proben dort nicht vergütet werden. Anna Gabler hatte immerhin Glück mit ihrer Pariser Vermieterin, die sie bei ihrer überstürzten Abreise kurz vor Schließung der Grenze vorzeitig aus dem Mietvertrag entlassen und ihr die überschüssige Miete zurückgezahlt hat. Auch die Pariser Oper hat die Solisten für die Auflösung des Rheingold-Vertrags entschädigt, doch wenn nicht bald eine Planung für die restliche Spielzeit zustande kommt und sogar die Gestaltung der kommenden Saison von der Corona-Krise betroffen wäre, verlieren viele Freiberufler wie Gabler ihr gesamtes Jahreseinkommen.

„Man bemüht sich wirklich sehr, für uns eine Lösung zu finden, momentan habe ich aber keine Verdienstmöglichkeit“, schildert sie die prekäre Situation. „Warum sollte es mir auch anders gehen als dem Friseur um die Ecke? Ich habe meine Anträge auf Soforthilfe gestellt, aber das Problem in unserem Beruf ist, dass wir ein Zwitterdasein führen. Wir passen nicht in das Raster der Kleinunternehmer, sind nur „irgendwie“ selbständig, denn wir arbeiten zum Beispiel in Deutschland auch auf Lohnsteuerkarte. Deswegen ist es so wichtig, jetzt für freischaffende Künstler Fonds zu schaffen. Im Chat mit einem amerikanischen Musikliebhaber wurde ich gefragt, wo denn das Geld für Eintrittskarten am besten zu spenden sei, damit es die Sänger wirklich erreicht. Da konnte ich ihm keine Stelle nennen. So etwas wie eine freie Solisten-Vereinigung wäre wirklich nützlich.“

An der Opéra de Paris war die Beendigung der Probenarbeit für Rheingold nicht mehr möglich, anders als an der Mailänder Scala, wo am 22. Februar Rossinis Il turco in Italia Premiere hatte. Doch es blieb bei dieser einen Vorstellung einer hervorragend besetzten Neuproduktion unter dem Dirigenten Diego Fasolis in der Inszenierung von Roberto Andò. Rosa Feola als Donna Fiorilla verdrehte Alex Esposito als Selim den Kopf, doch bereits zur Premiere war allen Beteiligten klar, dass es diese Produktion in der nächsten Zeit lediglich als Videomitschnitt zu sehen geben würde. Die Mailänder Scala schloss am Folgetag ihre Türen, und der Spielbetrieb wurde eingestellt. Zu rasant schossen die Zahlen der COVID-19-Infektionen in Norditalien in die Höhe. Der aus Bergamo stammende Bassbariton Alex Esposito zog sich daraufhin in sein Landhäuschen in der Nähe von Bologna zurück, wo er auch vier Wochen später noch immer ausharrt.

Die Stimmung in Mailand war bereits zur Premiere sehr bedrückend, denn jeder ahnte, dass es mit den Vorstellungen wohl nicht weitergehen würde“, so Esposito. „Auch der Intendant verließ sehr schnell die Premierenfeier, und am nächsten Morgen bekamen wir die E-Mail, dass das Theater geschlossen sei. Ich bin schockiert, dass ich am Premierenabend noch mit Luca Targetti gesprochen habe, ehemaliger Castingdirektor der Scala und Mitarbeiter meiner Agentur, der nun mit 62 Jahren an den Folgen der Infektion mit COVID-19 gestorben ist. Ich bin seit dem Tag nach der Premiere allein hier in meinem Haus bei Bologna und verfolge mit Entsetzen die schrecklichen Nachrichten aus meiner Heimatstadt Bergamo. Glücklicherweise geht es meiner Familie gut.“

VON SPÄSSEN HIN ZU EXISTENZIELLEN FRAGEN

Auch Alex Esposito hatte sich mit seinen Kollegen der Rossini-Neuproduktion in einer WhatsApp-Gruppe verbunden und berichtet, wie sich die Kommunikation mittlerweile gewandelt hat: Von zunächst witzigen Nachrichten und Späßchen hin zur existenziellen Frage. Alex Esposito hat auch über die sozialen Medien immer wieder die Menschen dazu aufgerufen, zu Hause zu bleiben. Er weist auf die zahlreichen Streaming-Angebote von Opernaufführungen hin, die Opernliebhabern nun als kleiner Trost zu Hause verfügbar gemacht werden. Aus seiner Sicht ist das besonders große Leid in Italien zumindest dazu gut, den Menschen in anderen Ländern glaubhaft zu machen, dass eine Missachtung der Sicherheitsvorkehrungen tatsächlich katastrophale Folgen hat. „Niemand konnte sich vorstellen“, sagt er, „dass so etwas passieren würde, denn keiner hat so etwas bisher erlebt. Wir haben hier in Italien viel zu langsam reagiert. Erst blieben nur Theater und Kinos geschlossen, aber das Arbeitsleben sollte weitergehen. Dann wurden die Beschränkungen schrittweise verschärft, aber die Infektionskurve ist immer weiter gestiegen. Wenn man gleich eine Ausgangssperre beschlossen hätte, wäre es nicht so schlimm geworden. Es hat aber wohl diese vielen Toten gebraucht, um die dringende Notwendigkeit dafür aufzuzeigen, und ich hoffe inständig, dass die Menschen in Deutschland, Frankreich, Spanien, in der ganzen Welt das jetzt verstanden haben.“

Getestet wurde Alex Esposito nicht, er zeigte keine Symptome und bleibt allein in seinem Haus. Bei Laune hält er sich durchs Üben und Musizieren, schaut Filme, und er beobachtet Vögel in seinem Garten, die er bisher noch nie gesehen hat. Die menschenleeren Straßen und der fehlende Autoverkehr scheinen die Natur zu beleben – wenigstens ein positiver Aspekt, den dieser Ausnahmezustand mit sich bringt. „Manchmal mache ich aber auch alle Kanäle nach draußen zu und versuche, nicht an die Situation zu denken. Ich höre nur noch zweimal am Tag die aktuellen Meldungen und Zahlen, um nicht davon krank zu werden. Und mich freut, dass jetzt die ganzen nationalistischen Parteien im Land verstummt sind und es nur noch darum geht, zusammenzuhalten. Aus Albanien sind Ärzte freiwillig nach Italien gekommen, um zu helfen, weil ihnen hier vor 20 Jahren nach der Flucht übers Meer geholfen wurde. Darum geht es doch. Dass wir Menschen uns in der Not helfen. Was für eine harte Lektion wir jetzt hier erteilt bekommen! Wir dürfen sie nur nicht gleich wieder vergessen, wenn die Situation sich hoffentlich bald wieder gebessert hat.“

Franziska Stürz

Rheingold-Proben in Paris
Foto: E. Bauer
Selbst-Isolation: Alex Esposito
Foto: Victor Santiago
Premiere von Il turco in Italia an der Scala
Foto: Teatro alla Scala