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Tops & Flops

Wer anders ist, wird umgebracht

Mit einer spektakulär politischen Inszenierung der Jüdin startet Hannovers Opernintendantin Laura Berman in ihre erste Spielzeit.

Eben noch wollte die Petticoat-Braut in den Straßenkreuzer ihres Elvis-Traumprinzen einsteigen. Doch schon sind die Fünfziger passé und die Liebenden sitzen, streng gescheitelt, in orthodoxem Schwarz, beim Pessach-Mahl, irgendwo in Deutschland, wir schreiben das Jahr 1929. Wieder eine Szene weiter verwandelt sie sich in ein Kammerkätzchen am württembergischen Duodezfürstenhof, anno 1738, er seinerseits trägt Spitzenjabot, seidene Culotte und pastellgepuderte Perücke und führt eine Art Tanz der Vampire an. Nächste Szene: Spanien, 1492, die Inquisition, Blut und Lumpen. Übernächste: Konstanzer Konzil, 1414. Alles muss schnell gehen, wenn die Jahrhunderte zu Minuten zusammenschnurren. Jeder Zeitsprung ein Garderobenwechsel. Und wer genau ist jetzt wer? Worum geht es überhaupt in La Juive?

Die komplexe Geschichtslektion, die die Regisseurin Lydia Steier zu Beginn der Ära Berman an der Staatsoper Hannover austeilte, war zugegebenermaßen etwas für höhere Opernsemester. Auch gab der Kostümbildner Alfred Mayerhofer seinem Affen mächtig Zucker, zumal in den Wimmelbildern der Chor-Tableaux, ganz wie es sich für eine Grand opéra geziemt. Insofern, und vor allem, weil nur die wenigsten Premierenbesucher das immer noch viel zu selten gespielte Meisterstück zuvor schon einmal erlebt haben dürften, verlor so manch einer den roten Faden im Laufe des Abends. Macht nichts, denn es gab ja dazu auch noch Musik!

Eine machtvolle Erfolgsmusik hatte Jacques Fromental Halévy 1835 für seine Jüdin komponiert, ein Showpiece, das den repräsentativen Gesetzen der Grand opéra folgt, zugleich aber veristisch dicht an den Emotionen und Gedanken der Figuren bleibt. Das gefiel schon dem jungen Richard Wagner sehr, der Halévy darum später in seinem Antisemitismus-Pamphlet Das Judenthum in der Musik diskret aussparte. Eingängig und mitreißend, flammend reich instrumentiert, pompös-bedrohlich in den Ensembles und Chorszenen, samtig koloriert in den Arien und Duetten – und allzeit beredt und wahrhaftig, so illustriert diese Partitur auf den Punkt genau das unwahrscheinliche Geschehen. Geradezu fantastisch, wie das Niedersächsische Staatsorchester, aber auch Chor und Extrachor der Oper alle diese musikdramatischen Versprechen einlösten: Der Gastdirigent Constantin Trinks erwies sich als wahrer Klangzauberer am Pult.

Erzählt wird die alte Parabel von der religiösen Intoleranz. Ähnlich wie in Lessings Nathan der Weise geht es um ein junges Mädchen (Rachel), das sich, adoptiert und erzogen von einem Juden (Éléazar), für jüdisch hält, freilich als Christin geboren wurde und sich, erwachsen geworden, in einen jungen Christenritter (Léopold) verliebt, der sich leichtsinnigerweise als Jude ausgibt. Diese vertrackte Ausgangssituation führt, in der mittelalterlichen Gesellschaft des 15. Jahrhunderts, auf geradem Weg zu Ketzerei, Apostasie und aufs Schafott. Es gibt weder gut noch böse in diesem Plot, weder Schuld noch Unschuld, nur gemischte Gefühle. Alle drei verstricken sich in ein Netz aus Angst, Vorurteil, Lüge, Schmerz, Trauer, Wut und Verzweiflung. Und auch die Schlüsselfigur der Intrige, Kardinal Brogni, ist, anders als bei Lessing, kein Weiser, sondern ein Unwissender. Brogni flüchtete, soweit die Vorgeschichte, die sich erst nach und nach im Lauf der fünf Akte enthüllt, einst in den Schoß der Kirche, als er in einer Brandkatastrophe seine gesamte Familie verlor. Zuvor hatte er selbst den Tod von Éléazars Söhnen verschuldet, der wiederum unerkannt das Kind des Kardinals als einziges aus den Flammen retten konnte, Rachel, und für sich behielt. Üble Voraussetzungen! Versöhnung ist unmöglich und nicht in Sicht, als der Vorhang sich hebt. Vom ersten Ton an gibt es keine Alternative zur finalen Katastrophe.

Explosiv fast jedes Zusammentreffen der vier Hauptfiguren, herzzerreißend ihre Arien, Duette und Terzette. Der Bühnenbildner Momme Hinrichs von der Firma fettFilm hat dafür eine große Klagemauer aus grauen Würfeln errichtet, die auch als Videoleinwand sowie als raffiniertes Kulissenlager dient: Gefährlich geräuschlos wachsen die kargen Locations der ersten drei Akte aus dieser Wand heraus. Gleich zu Anfang, nach kaum zehn Minuten, fordert der aufgewiegelte Mob die Hinrichtung Rachels und Éléazars – nur das Eingreifen des Kardinals, der für Toleranz plädiert, rettet sie. Kurz darauf bringt der Pöbel sie abermals in Lynchgefahr, diesmal ist es Léopold, der das Schlimmste verhütet. Die Belcanto-Serenade, die er seiner Liebsten darbietet, fordert dem jungen amerikanischen Tenor Matthew Newlin etliche gleißende Spitzentöne ab. Die nämliche Rolle hatte vor 20 Jahren an der Wiener Staatsoper Zoran Todorovic gesungen, in Hannover steht er nun als Éléazar auf der Bühne, in einer Mörderpartie, die er mit Druck und Schärfe bewältigt. Hailey Clark ist eine anrührend süße, zugleich feurige Rachel mit perfekter Durchschlagskraft, lyrisch aufblühend im Duett mit dem lupenrein geführten, lieblichen Koloratursopran von Mercedes Arcuri, die in der kleinen Rolle von Léopolds adliger Gattin Eudoxie etliche Lichtpunkte setzt. Herausragend auch der warme, dunkle Bass, den Shavleg Armasi dem unglückseligen Kardinal Brogni mitgibt. Erst als es zu spät ist, erfährt er, dass er die eigene Tochter zur Hinrichtung geschickt hat.

Ihr grausamer Tod, unter dem Jubel des Volkes, wird auch szenisch plakativ als ein Schock präsentiert, mit Ausrufezeichen. Da kennt die Regie kein Pardon. Wer anders ist, wird umgebracht, so lautet die bittere geschichtspessimistische Lehre, die Lydia Steier mit ihrer spektakulär bildmächtigen Revue aufzeigt, rückwärts durch die Jahrhunderte rasend: Ob 1414 oder 2019, damals wie heute sind Ausgrenzung, Fremdenhass und Volksverhetzung eine politische Konstante. Und der Henker, der Rachel mitten im bunten mittelalterlichen Markttreiben öffentlich ersäuft, in einem gläsernen Kessel mit siedendem Wasser, ist niemand anderes als die amerikanische Mickey Mouse aus dem ersten Bild.

Eleonore Büning

Halévy: La Juive
Premiere am 14. September 2019 (auch besuchte Vorstellung)
Mskl. Leitung: Constantin Trinks, Inszenierung: Lydia Steier, Bühne und Video: Momme Hinrichs, Kostüme: Alfred Mayerhofer, Licht: Susanne Reinhardt, Chor: Lorenzo Da Rio
Hailey Clark (Rachel), Zoran Todorovich (Éléazar), Matthew Newlin (Léopold), Mercedes Arcuri (Eudoxie), Shavleg Armasi (Kardinal Brogni), Pavel Chervinsky (Ruggiero), Hubert Zapiór (Albert)

Éléazar (Zoran Todorovich), Kardinal Brogni (Shavleg Armasi)
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Rachel (Hailey Clark)
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Éléazar (Zoran Todorovich), Léopold (Matthew Newlin)
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