Foto: Irish National Opera

Tops & Flops

Limonade statt Zitronen

Mit 20 Shots of Opera erfindet die Irish National Opera den digitalen Opern-Clip. Der ist mehr als ein Ersatz für ausgefallene Live-Performances, nämlich eine innovative Alternative an Möglichkeiten – auch für die Zeit nach der Pandemie.

Auf dem Kontinent wurden die 20 Shots of Opera der Irish National Opera nicht in dem Umfang gewürdigt, wie es ihrer Pilotfunktion für das Musiktheater als Kunstform und Produktionsort angemessen gewesen wäre. Möglicherweise sind die mitteleuropäischen Opernkompanien neidisch auf die Idee, mit der die Irish National Opera aus der sauren Zitrone des digitalen Streamings eine Limonade mit digitaler und künstlerischer Zukunftsfähigkeit machte. In der Portionierung als 20 Miniopern von sechs bis neun Minuten Dauer: Das sind 20 Fruchtstückchen mit Biss im trüben Cocktail der allgemeinen Verunsicherung. Über 160 Mitwirkende komponierten, spielten und filmten in sechs Monaten 20 Titel und lieferten damit eine Bestätigung für die Lebendigkeit und Relevanz des Musiktheaters. Beteiligt waren Komponisten, Autoren, Dirigenten, Regisseure, Ausstatter, Sänger, Animationskünstler, Schauspieler, Musiker und ein starkes technisches Equipment.

20 originale Neuschöpfungen nach von Förderern beauftragten Kompositionen, entstanden für einen explizit digitalen Inszenierungszyklus. Während man auf dem Kontinent facettenreich über das digitale Potenzial und die Wirtschaftlichkeit der klassischen und Neuen Musik in Stream-Formaten diskutierte, wurde an der Irish National Opera gehandelt. Diese 20 Titel sind keineswegs eine Alternative oder Ersatzlösung für den durch digitalen Gratisund Schnäppchen-Ausverkauf bedrohten Opernbetrieb, sondern prägen mit bemerkenswerter Eigenständigkeit ein neues Genre, wie seinerzeit Nicolas Roeg im Jahr 1987 mit seiner Kino-Anthologie Aria, die Clips zu berühmten Arien präsentierte. Die Irish National Opera nutzte in Zusammenarbeit mit dem RTÉ Concert Orchestra das Gaiety Theatre Dublin als Studio und Schauplatz zu etwas, was als Bühnenaufführung für Publikum nie in dieser Art hätte stattfinden können. Die 20 Shots of Opera kommen auf kleinen Monitoren und Smartphones zu angemessenerer Geltung als auf einer großen Bühne oder Kinoleinwand. Sie lassen sich in der Warteschlange am Supermarkt mit Headset ebenso gut betrachten wie daheim. Die filmische Aufzeichnung der Mini-Opern sollten die Chance für einen intensiven Dialog mit dem Publikum bieten. Die Resultate gelangen in den meisten Fällen spannend, weil Plots und Texte den Kameras, den künstlerischen Animationen und Stilisierungen tolle Ideenbälle zuwarfen. Dem musikdramatischen Zellkern der Arie, vom 17. bis zum 19. Jahrhundert emotionales Kraftzentrum des Musiktheaters, entsprechen hier dicht gebaute Einzel- und Duoszenen, deren Brennschärfe sich zum essayistischen Blick auf unsere Zivilgesellschaften und ihre steilen Katastrophen weitet.

OPERN-CLIPS FÜR DIE SUPERMARKTWARTESCHLANGE

Zu lachen gibt es allerdings nur wenig – und wenn, kommt es mit einer Ausnahme zum bitteren Lachen über eigene Fehler und kollektive Versäumnisse. Die häufigsten Themen in 20 Shots of Opera sind Kommunikationsdefizite oder das Leid über die Abwesenheit anderer, menschliche Hinfälligkeit und die Pandemie. Allgemein spiegeln die Stücke die 2020 in der EU geführten Debatten und menetekeln das kippende Ökosystem. Weitaus mehr Frauen als Männer agieren und interagieren. Jeder Shot hat in dem einheitlichen Muster des Vorspanns sein eigenes genrespezifisches Design. Die virtuosen, verspielten und dabei immer scharfsichtigen Inszenierungen machen nie den Menschen, Figuren, Charakteren und Stimmen ihre vorrangige Stellung streitig. Auffallend ist die gestisch prägnante Tonsprache fast aller Partituren: Lakonie statt lyrischer Exaltation gibt den digitalen Gesamtkunstwerken etwas Aphoristisches, formale und ästhetische Experimente spielen sich nie ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Zwischen den Genres Clip und Podcast stehen die Beiträge, weil das präzise Detail der Aussage wichtiger ist als eine verwässernde Totale. Nach dem mal abrupten, mal verklingenden Ende der Stücke ist der Zuschauerverstand weder ermüdet noch satt oder erschöpft.

Dabei steckt unheimlich viel von den Urmustern der traditionellen Oper in den Stücken. Éna Brennans Rupture überführt den Topos der Wahnsinnsarie in eine mediale Performance. Die Gesichter der Sängerinnen Rachel Goode (Woman) und Sarah Richmond (Conscience) verfließen in Überblendungen bis zum Identitätsverlust: Eine Frau dialogisiert mit ihrem Ich über alltägliche Sehnsüchte. Sie wünscht sich nichts Außergewöhnliches, vertraut in die eigene Attraktivität und möchte ein Kind haben. Da schaltet sich ihre innere Stimme ein und droht mit immer bedrohlicheren Selbstzweifeln. Das Gefühl der Unfähigkeit zerstört den Glauben an positive Eigenschaften. Das Duett zweier Stimmen ist eigentlich ein Monolog, zwei Gesichter gehören zur gleichen Person, physische Porträts werden zu mehrdeutigen Abbildern psychischer Rotation. Die Kamera klebt regungslos auf den Augen und Lippen der Sängerinnen, als gehörten diese zu einem Passfoto. Fragmenthaft repetierende Musikphrasen steigern die Dramatik durch eine den Bildern angemessene Konzentration. Solche Momente verdichtender künstlerischer Ökonomie tauchen in 20 Shots of Opera immer wieder einmal auf.

OPER ZWISCHEN CLIP UND PODCAST

In zwei Shots stehen Männer im Zentrum. Wer als erstes das im Menü oben stehende Mrs. Streicher anklickt, wird gründlich getäuscht. Gerald Barry hat – musikalischer Spaß zum Jubiläum? – einen originalen Brief Ludwig van Beethovens an die seinen Haushalt in Schuss haltende Nannette Streicher vertont. Der Tenor Gavan Ring klingt wie ein Bariton, sitzt wie zu einer Rezitation an einem Tisch und „liest ab“. Was wäre entlarvender für vormoderne Männlichkeit als die grotesken Intervallsprünge und aufbäumenden Tonleitern einer Basstuba? Kein weiterer Shot reproduziert die domestizierende Normalität physischer Konzertpraxis wie diese Inszenierung. Zum Animationsfilm wurde Robert Colemans The Colour Green auf den Text von Mark Boyle mit der von David Howes als Tonspur gesungenen Aussteiger-Story vom IT-Experten, der im Landleben mit stillvergnügter Lektüre, gepressten Blumen und einem archaischen Walkman Erholung vom Turbokapitalismus sucht. Die Person im szenekonformen Pulli in Rotbraun sieht man nur von hinten – oder man blickt in melancholisch leere Kulleraugen.

Neben der ernüchternden Zeitraffer-Paardynamik von Vorsicht zu Abstand und immer größerer Entfremdung in Jenn Kirbys Dichotomies of Lockdown geht es um leidvolles Sterben. Eine an Corona erkrankte Frau stöhnt, seufzt und stammelt, bis eine Plastikhülle ihre Leiche umschließt. Die Kamera hängt über dem Körper auf dem fahrbaren Klinikbett. In der „Meditation“ The Gift von Evangelia Rigaki und Marina Carr bleibt ungewiss, ob seine ihm schon lange entfremdete Tochter den alten Mann noch besuchen wird. Violine und Violoncello kommen ins Bild und malen trügerische Poesien in die Gesichter. Überhaupt beeindruckt in vielen Episoden das Vertrauen in die mitwirkenden Menschen und die sinnfällig sparsame Anwendung von digitalen Environments, Stilmitteln und Requisiten. Man merkt die Arbeit von Theaterschaffenden, die mit vergleichsweise sparsamen Mitteln auszukommen wissen und mit wenig Material prägnante Zeichen setzen.

Diese ungewöhnliche Leistungsschau setzt beileibe nicht auf Harmoniesucht und malt ein düsteres Bild unserer nahen Zukunft. Zwei Smartphone-Plots – beide zwischen Frauen – zeigen, dass sich menschliche Kompetenzen keineswegs im Gleichschritt mit der technischen Aufrüstung steigern. Conor Mitchells A Message For Marty ist das Facetime-Schimpfkonzert zweier hysterischer Schwestern für den miesen Macker Marty. Die eine quietscht, die andere röchelt theatralisch auf den Bodenfliesen. Daily Life. Mag sein, dass einige Shots in einer Begrenzung auf porträtierende Feinzeichnung leicht abfallen, aber der Gesamteindruck ist spannend. Mit dieser Genesis des digitalen Opernclips sind die Möglichkeiten des neuen Genres noch lange nicht erschöpft. Also weitaus mehr als Notprogramm und Ersatz für entfallene Theatergelegenheiten: eine packende Alternative, die Möglichkeiten auch für die Zeit nach Corona aufzeigt.

20 Shots of Opera: www.irishnationalopera.ie/20-shots-of-oper

Roland H. Dippel