Foto: Wilfried Hösl

Jenseits des Streamings

Ene, mene, Quarantäne

Nachdem sich die Opernhäuser aus den ersten Schockzuständen überwiegend herausgestreamt haben, gibt es mittlerweile auch andere Bestrebungen, mit der veränderten Realität umzugehen. Ein Überblick über die Bühnenersatzprogramme zu Seuchenzeiten.

Valentin Schwarz probt mit dem Opernchor Stuttgart Wagner. Das hätte er eigentlich zu dieser Zeit in Bayreuth tun sollen, auch wenn die Mannen da nur in der Götterdämmerung zum Einsatz kommen. Ist nicht. Die neue Festspiel- Tetralogie fiel schon Anfang April Corona zum Opfer. Nibelungen gibt es also erst wieder 2022 am Hügel, und Schwarz wagt Demo(kratie), eine Collage aus Wagner-Chören, auf dem Schlossplatz. „Der Chor kommt dorthin, wo die Leute in Stuttgart ohnehin schon sind. Wir laden sie ein, den Chor auf einer Reise zur Oper zu begleiten“, so lautet das pragmatische Regie-Fazit. Geprobt wird momentan im Saal der Staatsoper. Und um die Abstände einzuhalten, stehen die 80 Chorsänger nicht nur auf der Bühne, sondern auch in den Publikumsreihen.

Geordnetes Chaos beim Neustart der Kultur unter Pandemie-Bedingungen, so könnte man das große Ruck-Mich-Zieh-Dich zum Hochfahren der Schönen Künste im föderalen Hase-und-Igel-Rennen beschreiben. Eben stand man neben Bordellen und Glücksspielbetrieben noch an letzter Position der Bittsteller um Systemrelevanz. Dann sollte es von jetzt auf gleich wieder losgehen, wo die ambitionierten Landesfürsten mit Lockerungen lockten – natürlich immer unter Einhaltung der entsprechenden, merkwürdig mäandernden bzw. ausgelegten Hygienebestimmungen. In Hessen startete es schon Mitte Mai wieder, der streitbare Intendant Uwe-Eric Laufenberg fuhr mit dem Bassrecken Günther Groissböck als Vorkämpfer seine restlichen Maifestspiele hoch, und der Niederösterreicher, der eigentlich auch in Bayreuth als Wotan hätte debütieren sollen, der durfte zudem gleich danach in München, Wien und Zürich ran. Denn Goldkehlen mit Klavier, die sind jetzt plötzlich, aller Liederabend-Entliebung zum Trotz, sehr gefragt.

So ging plötzlich live wieder erstaunlich viel, wo vorher nur Stream-Virtualität und Videobotschaften die Webseiten als Lebenszeichen der Opernhäuser und Konzerthallen beherrschten. Macht es freilich Sinn, wenn die Bayerische Staatsoper neben Montagskonzerten und Fester Samstag als Streifzüge am Mittwoch beispielsweise neun Hornisten in die Unterbühne beordert, auf dass die dort 30 Minuten spielen – vor 25 Besuchern, die wiederum von über 50 Sicherheitsleuten bewacht und geschleust werden? Ok, man tut was, gibt Lebenszeichen, lässt allertreueste Zuschauer wieder herein. Aber um welchen Preis? Solches können sich nur hochsubventionierte deutsche Bühnen leisten.

Auch die Oper Stuttgart hängt ihre Aktivitäten weniger hochtrabend auf den Titelbügel, ist aber im Kleineren kreativ, originell und unermüdlich. Gemeinsam stemmten die Staatstheater gar einen multiartifiziellen Hindernisparcours über Gänge und Gestänge, Bühnen und Bohlen, aber nur für Kleinstgrüppchen zu Vieren, manchmal auch nur zu Zweien, denen dann ein halbes Orchester aufspielte oder ein Ballettstar vortanzte – im Lastenaufzug, in der Hofeinfahrt oder in der Garderobe. 16 Kleingruppen wurden pro Abend durch das Haus geführt. Bei Ene, mene, Quarantäne für die ganze Familie ab sechs Jahren, produzierten sich die Ensemblemitglieder Esther Dierkes und Björn Bürger, die sich in diesen Zeiten als Ehepaar auch auf der Bühne nahe sein können.

In Amerika und England, wo die Künste traditionell wenig Geld vom Staat bekommen, sieht es zappenduster aus. Alles abgesagt und dunkel, kein Kreativitätsfunke glimmt. Die New Yorker Met als größte Institution der darstellenden Künste in den USA bleibt bis Silvester geschlossen. Die seit Ende März nicht mehr bezahlten Musiker und Choristen erfuhren es aus der Zeitung; einige mussten bereits Wohnungen und Häuser verkaufen. Selbst online gibt es nur alte Streams aus dem reichhaltigen Kinoübertragungslager. Erste Orchester sind bereits pleite, selbst das Royal Opera House Covent Garden hält höchstens bis November durch, wenn nicht finanziell nachgeschossen wird. Auch die traditionell auf viele Tour-Einnahmen angewiesenen britischen Orchester klappern als einziger Lebensbeweis nur mit den Zähnen.

Internationale Orchesterreisen wird es im Herbst nicht geben, darin sind sich alle einig, auch beim Berliner Musikfest wird längst umgeplant. Die nun doch spät und vergleichsweise üppig startenden Salzburger Festspiele werden extern lediglich von den Berliner Philharmonikern und dem West-Eastern Divan Orchestra beehrt. Wie überhaupt der 77-jährige Daniel Barenboim ein ganz Schneller ist. Als Mitte Juni wieder Wien ans Klassiknetz ging, stand er, wenn auch nur vor 100 Zuschauern (gleich fünf Prozent Auslastung) im Musikverein vor den Philharmonikern, die frisch getestet in alter, enger Ordnung sich zu zweit ein Notenpult teilten.

In Deutschland ein No-Go, aber in Österreich für den Kulturtourismus überlebenswichtig. Dort fuhren prompt auch die Innsbrucker Festwochen für Alte Musik mit allen drei (nun konzertanten) Opernproduktionen wieder hoch. Selbst im Burgenland, wo die Großveranstaltungen in Mörbisch und St. Margarethen hinweggewischt wurden, macht sich das Kammermusikfestival Lockenhaus klein – und spielt. Und als in Berlin die Philharmoniker zu ihrem Europakonzert per Digital Concert Hall mit 15 Musikern unter Petrenko-Leitung wieder aufsperrten, da setzte der im Corona-Modus auch nach dem Frühstück sich ein Nickerchen gönnende Daniel Barenboim spontan eine Woche später die Staatskapelle zum 75. Kriegsende-Gedenken vor die Kameras. In Berlin darf es per Senatsbeschluss bis 31. Juli keine Aufführungen in geschlossenen Räumen geben. Also traf sich das Konzerthausorchester mit 33 Mitwirkenden nur zum Proben – für ein geplantes Gastkonzert im schon wieder offenen Dortmund. Am Pult – statt des zur Risikogruppe zählenden Christoph Eschenbach, der zudem aus Paris nicht wegkam – Mirga Gražinytė-Tyla, die sich bereits im Februar mit Covid-19 infiziert hatte.

Die anderen Klangkörper aber nützen, so wie auch viele andere in Restdeutschland, jeden einigermaßen klingenden Hof für Kurzkonzerte – umsonst und draußen, im Kiez und auf der Pelle. Die Musiker kamen vor die Altenheime, wo einmal sogar Vladimir Jurowski am E-Piano saß, und auf die Plätze. Das Deutsche Symphonie-Orchester trieb es klangprofessionell wie socialmediatauglich zu Wasser (per Floß), fahrend zu Land (im Doppeldecker) und in der Luft (im Fesselballon). Die Deutsche Oper musste für ihren neuen Ring-Auftakt nach 38 Jahren ihr Rheingold am geplanten Premierentag in einer 90-Minuten-Fassung und natürlich ohne Stefan Herheim als Regisseur auf dem hauseigenen Parkdeck zum Leuchten bringen. Aber immerhin war der GMD Donald Runnicles am Pultort.

Ein Virtual-Reality-Theater-Projekt hat hingegen das Staatstheater Augsburg ersonnen. Mit Der Mitarbeiter – Tagebuch eines Wahnsinnigen wurden die ästhetischen Möglichkeiten von 360-Grad-Theater erweitert. Mit eigens für die Inszenierung entwickelten Animationen und neu komponierter Musik wirkte die Inszenierung insgesamt sehr theatral. Der VR-Brillen-Lieferdienst des Staatstheaters versorgt schnell auch ein größeres Gebiet rund um Augsburg. Das neue Stück kann man darüber hinaus mit einer eigenen VR-Brille an jedem Ort der Welt als Video-on-Demand ansehen. Beim norwegischen Bergen Festival wurde hingegen im obligatorischen Grieg-Klavierkonzert improvisiert: Der isländische Pianist Vikingur Ólafsson musste seinen Part in Harpa, dem modernen Konzertsaal von Reykjavík, spielen und wurde per Liveschaltung in die Grieghalle nach Bergen zum Bergener Philharmonischen Orchester übertragen. Chefdirigent Edward Gardner spielte Verkehrspolizist.

In Deutschland boomten plötzlich wieder Autokinos, wo man jetzt Musik drive & live macht, Seuchennot animiert erfinderisch. Applaus spendet das Publikum in diesem Fall übrigens mit der Lichthupe. Auch ein vielgefahrenes Tool: 1:1 Concerts. Ein Musiker, ein Zuhörer, dazwischen zwei Meter Abstand. Total auf Tuchfühlung, intim, aber gesundheitskonform. Eine zehnminütige wortlose Eins-zu-Eins Begegnung zwischen Hörern und Musikern. Ein eröffnender Blickkontakt als Auftakt für ein sehr persönliches und intensives Klangmiteinander, das Nähe trotz Distanz ermöglicht. Inspiriert wurde das Format von Marina Abramovićs legendärer Performance The Artist Is Present. Deren verschobene Callas-Premiere die Bayerische Staatsoper selbstredend dank vorgezogener Betriebsferien am 1. September herausbringen wird.

Und selbst aus dem so schwer getroffenen Italien gibt es Lebenszeichen. Die Opern sind weiterhin zu, aber als erstes Festival macht das von Ravenna wieder die Tore auf: 40 Konzerte hat man neu und eher national geplant, aber mit eindrücklichem Programm. Die Arena di Verona kämpft noch um 3.000 statt 1.000 Plätze für Freiluftopernkonzerte im August, Torre del Lago will drei Puccini-Opern szenisch spielen, Pesaro eine Rossini-Farce im Theater (mit dem Orchester im Parkett) und verstärkte Solokonzerte auf der Piazza del Popolo. Macerata und Martina Franca bieten Programm, das Teatro di San Carlo in Neapel hat für eine Aida unter freiem Himmel auf der Piazza del Plebiscito Ende Juli Anna Pirozzi, Anita Rachvelishvili und Jonas Kaufmann aufgeboten.

Immer wieder aber erlebten die Chefs der Kulturinstitutionen nach den vollmundigen Ankündigungen ihrer Ministerpräsidenten in den vergangenen Wochen eine emotionale Achterbahnfahrt – mit relativierten Ansagen, ermutigenden Mails und neuerlichen Verboten. Immer wieder frohgemut Neuplanen, das war das Gebot der Stunde. Und so werden aus den Opern bei den Domstufen-Festspielen in Erfurt eben thematisch passende Konzerte – statt Nabucco die schönsten Stellen daraus, Gefangenenchor inklusive, vor 500 statt 2.000 Gästen. In Zürich hingegen plant man für die Vorstellungen im Herbst Chor und Orchester aus Nebenräumen zuzuspielen, ganz so, wie man es von den Bregenzer Festspielen zumindest beim Orchester kennt. So wie das abgesagte Schleswig-Holstein-Musikfestival plant, mit ausgewählten Konzerten in besonderen Formaten, so mag man die folgenden Monate nennen: den Sommer der Möglichkeiten.

Manuel Brug

Bayerische Staatsoper: Streifzüge am Mittwoch.
Foto: Wilfried Hösl
Deutsche Oper Berlin: Rheingold auf dem Parkdeck
Foto: Bernd Uhlig
Staatsoper Stuttgart: Theaterparcours
Foto: Bernhard Weis