Foto: Lukas Görlach

Erste Live-Veranstaltungen

Taten und Freiheit

Wenige Leute, viele Emotionen: Ein Liederabend mit Günther Groissböck am Hessischen Staatstheater Wiesbaden zeigt, wie man im Zeitalter der Beschränkung Unmögliches möglich machen kann. Zum ersten Mal seit Wochen ging hier eine öffentliche Kulturveranstaltung über die Bühne, ein wichtiges Zeichen wurde gesetzt.

Der 18. Mai 2020 könnte als jener Tag in die Musikgeschichte eingehen, an dem „alles wieder begann“ – das leise und doch weithin hörbare Hochfahren des Kulturbetriebs nach einer gefühlten Ewigkeit: richtige Musik in richtigen Räumen, live, in einem Theater, mit echtem Publikum und Künstlern (fast) zum Anfassen. Was vor wenigen Wochen noch nach Märchenstunde geklungen hätte, bietet sich an diesem frühlingsschwangeren Abend als Bild der Realität: Unter den Arkaden vorm Eingang des Wiesbadener Staatstheaters promenieren Musikliebhaber mit gezückten Eintrittskarten und warten auf Vorstellungsbeginn. Fußabdrücke in der Brandingfarbe des Theaters markieren den Mindestabstand, Blumenschmuck ist untersagt, dafür steht ein Spender mit Desinfektionsmittel bereit. Noch schnell kontrollieren, ob alle auch ihre Mund-und-Nasen-Bedeckung angelegt haben, schon ist der erste Teil der behördlich aufgegebenen Hausaufgaben erledigt.

Aus seinen Vorbehalten gegenüber Art und Ausmaß der Corona-Schutzmaßnahmen hat der Wiesbadener Intendant Uwe Eric Laufenberg kein Geheimnis gemacht. Aus dem Online-Exil hatte er Aussagen getätigt, die nicht überall auf Verständnis gestoßen sind, bei manchen sogar heftige Empörung ausgelöst hatten. Was man dem temperamentvollen Prinzipal allerdings zugestehen muss: Anders als die meisten Kollegen hat er nicht vorschnell seine Restsaison auf Eis gelegt, sich vielmehr durch Abwarten den nötigen Spielraum verschafft, um nach Lage der Dinge (und in Absprache mit dem Gesundheitsamt) einen alternativen Spielbetrieb auf die Beine zu stellen. Und das im Handumdrehen. Am 12. Mai wurde das Ersatzprogramm bekannt gegeben, am 15. Mai startete der Kartenvorverkauf, am 18. Mai (dem Tag für die Annalen) ging es wieder los.

Rund 1.000 Menschen fasst der preußische Prachtbau der Marke Fellner und Helmer in normalen Zeiten. Kaum 150 Menschen sind es, die an diesem Abend im Sicherheitsabstand zueinander im Großen Haus versammelt sind. Nur jede zweite Reihe ist besetzt, mindestens drei Plätze müssen frei bleiben. Fernsehen ist da, selbst die New York Times hat einen Vertreter geschickt, um das Ereignis zu dokumentieren. Die Atmosphäre im schummrig beleuchteten Saal ist zunächst etwas surreal, fast schon beklemmend, bis der Intendant vor den fantasievoll bemalten Eisernen Vorhang tritt und bei seiner Begrüßungsansprache verkündet, die Masken könnten während der Vorstellung abgelegt werden. Wie von einem bösen Fluch befreit, atmet die versprengte Zuhörerschar auf. Seit zwei Wochen sollte im Staatstheater das stargesättigte Programm der Maifestspiele über die Bühne gehen. Nun startet die Sparversion des Festivals mit einem Liederabend.

Den noch immer nicht abgedunkelten Saal betreten Günther Groissböck und seine Pianistin Alexandra Goloubitskaia. „Mein Geist dürstet nach Taten, mein Atem nach Freiheit“ hat der Bassist aus Österreich ihr Recital mit einem Schiller-Zitat überschrieben. Überhaupt hängt viel vom Rebellengeist des im Denkmal auf der gegenüberliegenden Parkseite verewigten Staatstheater-Schutzheiligen in der Luft. Vor und während der Gesangsdarbietungen rezitiert ihn der aus dem Schauspielfach kommende Intendant in kritisch auf die Allgemeinsituation zugeschnittener Gedichtauswahl. Und dass Groissböcks Geist nach Taten dürstet, die ihm der Shutdown schon seit Wochen verwehrt, weiß, wer in letzter Zeit seine Äußerungen in Interviews und sozialen Medien verfolgt hat. Nun gibt er seinem Atem die so lange verwehrte Freiheit wieder, und während er in einer Reihe von Schubert-Liedern grundsätzliche Fragen der Menschheit verhandelt, denkt niemand im Publikum an Reproduktionszahlen oder Aerosole, sondern genießt einfach nur die Musik.

DIE MACHT DER MUSIK

Die Intensität ist enorm. Groissböck singt um sein Leben, mit Goloubitskaia am Flügel wirft er sich in die Sache, als müsse er sämtliche Energien der ursprünglich zur Festspiel-Eröffnung vorgesehenen Tristan-Premiere in 90 Minuten bündeln. Bemerkenswert ist, wie er bei allem Übersprudeln keine Sekunde lang die sängerische Kultur außer Acht lässt. Natürlich hat er sich mit den ausgewählten Goethe- und Mayrhofer-Liedern nicht nur von mythologischer Bedeutung gedrückte Stücke ausgesucht, sondern auch durchaus solche mit natürlichem Schwung, von dem man sich fortreißen lassen kann. Auch Balladendonnerndes wie die Carl-Loewe-Einlage mit Odins Meeresritt bietet Gelegenheit zum Luft- und Dampfablassen. Doch nirgends gibt es auch nur eine Phrase, die nicht bei genauester Textverständlichkeit präzise in den erzählerischen Gesamtduktus eingearbeitet wäre, keine Kleinigkeit, über die leichtfertig hinweggesungen würde. Und dann die Farben, die Groissböck im dunklen Bassregister aufzufächern weiß! Hier gibt es eben doch nicht nur schwarz und dunkelgrau.

Längst sind die Zuhörer zu sehr von der Macht der Musik ergriffen, als dass sie die abschließenden Wunderhorn-Lieder von Gustav Mahler, der finstere „Tambourg’sell“ und das „Urlicht“, in wehmütige Stimmung versetzen könnten. Eine wahre Sensation ist dann die Zugabe: Nach dem ersten Applaus beschwört Günther Groissböck den Geist von Bayreuth auf der Bühne des Hessischen Staatstheaters. Die wohl bitterste Pille, die er in der coronabedingten Ausfallsaison schlucken musste, war die Absage seines Wotan-Debüts bei den Wagner-Festspielen. Mit Kampfgeist und wahrer Göttergewalt in der Stimme ertrotzt er sich zumindest ein bisschen was von diesem Auftritt, wiederum als ginge es um seine Existenz singt er „Wotans Abschied“ aus der Walküre, während Alexandra Goloubitskaia mit gefühlt 100 Fingern das Rauschen und Schwelgen aus dem mystischen Abgrund ersetzt. Wie großartig hätte das in Bayreuth geklungen, den Jubel nehmen beide Künstler deutlich gerührt und wie ein Versprechen für die Zukunft entgegen.

Stephan Schwarz-Peters

Taten und Freiheit I
Foto: Lukas Görlach
Taten und Freiheit II
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Taten und Freiheit III
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