Foto: Magali Dougados

DVD des Monats

Il Giasone

Valer Sabadus, Kristina Hammarström, Kristina Mkhitaryan, Willard White, Raúl Giménez, Dominique Visse u.a., Cappella Mediterranea, Leonardo García Alarcón

Label: Alpha; Vertrieb: Note 1
1 DVD

So quietschfidel und kunterbunt wie in ihren Anfangsjahren sollte die Oper lange Zeit nicht wieder werden. Mit prallem barockem Leben – viel Fleisch, viel Haut, viel Wollust – hat die Regisseurin Serena Sinigaglia ihre Genfer Giasone-Produktion ausgefüllt, um diese Tatsache am Beispiel des 1649 uraufgeführten Cavalli-Klassikers zu verdeutlichen. Schon drollig, dass sich die höchste Macht des Universums ausgerechnet als pummeliger Putto zu erkennen gibt: Amor alias Mary Femiaer, die trotz Fatsuits behände wie ein Elf durch das kulissenfreudige Bühnenbild von Ezio Toffolutti trollt und das mythologische Personal rund um den Argonautenführer Jason zu allerlei liebesbetörtem Unsinn anleitet. Mit Worten ist das alles nicht wiederzugeben, wie in einer schrillen Revue hangeln sich die Protagonisten von Aberwitz zu Aberwitz, Gastauftritte von Ungeheuern und effektvoll inszenierte Seestürme inklusive; die bunten Formen der frühen Oper, die herzlich unbekümmert zwischen rezitativischen und ariosen Formen hin und her mäandert, gibt ihnen vielfältige Möglichkeiten für drastische Showeinlagen – bei ständigem Hinweis auf sexuelle Dauererregung.

Nicht nur szenisch spektakulär, hat diese Genfer Aufführung auch musikalisches Weltniveau zu bieten. Im Graben sorgt hierfür zunächst die opulent auftretende Cappella Mediterranea unter Leonardo García Alarcón, die für jede szenischen Situation den passenden Farbton zu mischen weiß: Konfliktsituationen auf der Bühne werden gekonnt mit schroff-lebendiger Streicherschraffur kommentiert, die zahlreichen Lamento-Arien (vor allem der weiblichen Hauptdarsteller) in bittersüßen Schokoladenklang gehüllt und Ombra-Szenen so geheimnisvoll-sepiafarben untermalt, dass nicht nur Cavallis Zeitgenossen der Schauer über den Rücken gelaufen wäre.

Auf der Bühne weckt allen voran Valer Sabadus große Star-Erwartungen und erfüllt sie mit seinem leichten, stratosphärischen Sopran und dem feingesponnenen Vibrato als darstellerisch flexibler Giasone, eine Mischung aus Held und Lump. Was ihm manchmal an Dimension abgeht, macht er mit Reinheit des Ausdrucks und perfekter Fokussierung locker wieder wett. Die dramatischsten Impulse des Abends stammen zweifelsohne von Kristina Hammarström, die ihre geheimkunstkundige Medea gewissermaßen unter Pulverdampf zum Besten gibt. Kristina Mkhitaryan als ihre Rivalin Isifile steht ihr an Impulsivität in nichts nach, und so entstehen auf der stets bewegten Bühne die herrlichsten Verwicklungen. Dass Derbheit und Komik zu ihrem angestammten Barockopernrecht kommen, ist Aufgabe der hierfür zuständigen Dienerchargen. Migran Agadzhanyan, neben Raúl Giménez als Egeo der zweite Tenor des Abends, entledigt sich seiner Aufgabe als buckliger Stotterer philologisch ebenso korrekt wie politisch inkorrekt. Auch der grandiose Willard White als ebenso dienstbeflissener wie hintersinniger Oreste spielt in dieser Riege mit. Die größten Lachsalven aber erntet, verdientermaßen, Sabadus‘ Counter-Kollege Dominique Visse, der sich mit altjüngferlichem Timbre durch die Kittelrolle der verwelkten, erotisch jedoch immer noch unersättlichen Amme Delfa meckert und jodelt. Wie erdenschwer, männlich und heldisch klingt daneben der ukrainische Bass Alexander Milev, dessen Herkules man sich, wollte man ihn allein nach der Stimme Beurteilen, durchaus als stärksten Mann der Welt vorstellen kann.

Stephan Schwarz-Peters