Foto: Aalto Theater

März 2018

Giacomo Meyerbeer: Le Prophète

John Osborn, Marianne Cornetti, Lynette Tapia, Albrecht Kludszuweit, Pierre Doyen, Tijl Faveyts, Karel Martin Ludvik u.a., Aalto-Musiktheater Essen, Giuliano Carella

Label: Oehms Classics
Vertrieb: Naxos
3 CDs

Der vielgeschmähte Giacomo Meyerbeer schafft es immer wieder: Er lässt in seinen lustvoll monströsen Hauptwerken eine soghafte, lohnenswerte Opernreise von weit über vier Stunden entstehen, die sich kontinuierlich steigert und gerade in den Anfangsakten erstaunlich frivol französisch gibt. Mit pikanten Tanzrhythmen auch an uns heute unpassenden Stellen; mit ostentativen Virtuoso-Nummern; und mit aus altmodischer Primadonnentradition kommenden Triller-Glanzstücken. Bunt entfalten sich diese historischen Breitwand-Tableaux, wirken heute konsequent als bitterböse Revue, wenn dann das Ende umso brutaler und blutiger kommt, Fanatismus regiert, die Welt im Bösen zu versinken scheint, die Chöre dröhnen, die Stimmen gellen. Spektakel total. Grand opéra, der Blockbuster des 19. Jahrhunderts. Am überzeugendsten 1836 in Les Huguenots und 1849 in Le prophète.

Le prophète wird wieder gespielt. Das Werk war in Karlsruhe zu sehen, in Essen sowie in Toulouse und – im Rahmen eines vierteiligen Meyerbeer-Zyklus’ – an der Deutschen Oper Berlin. Die sehr gut besetzte Essener Produktion wurde auf CD festgehalten, erstmals dokumentiert wird so auch die kritische Partiturausgabe, die das damals neue, kurz vor der Premiere gestrichene Saxophon und seinen atmosphärischen Einsatz im dritten Akt wieder restituiert sowie viele Striche aufmacht. Die waren einerseits der Länge der Partitur geschuldet, die letzten Pariser Vorortzüge mussten erreicht werden, als auch der Unfähigkeit des aus der Comique-Tradition kommenden, zu leichten Tenors für die Titelrolle und der Dummheit seiner ihn überbeschützenden Frau. So gibt es hier erstmals das Gebet des Jean im dritten Akt zu hören.

Giuliano Carella dirigiert souverän, sängerfreundlich, ruhig ausschwingend, mit liebevollem Blick insbesondere für die Holzbläserdetails, sich immer wieder dramatisch verdichtend. So bekommt Meyerbeer eine epische Klangaura, ohne dass das Spektakel, etwa in dem damals revolutionären, melodisch spritzigen Schlittschuhläuferballett, in der prachtvollen Krönungsszene oder im pathetisch-düstereren Explosionsfinale vernachlässigt worden wäre.

Gesungen wird prächtig bis herausragend. Lynette Tapia erleuchtet mit strahlender Koloratur Jeans bald nur noch peripher auftauchende Jugendliebe Berthe. John Osborn glänzt in der Titelrolle mit seiner kraftvoll attackierten Höhe, der breiten virilen Mittellage und scheinbar endlosen Vokalreserven. Am schwersten hat es freilich Marianne Cornetti in der Wahnsinnspartie der extra für den Mezzostar Pauline Viardot geschriebenen Partie der Mutter Fidès. Die muss stimmlich jung sein (was sie nicht mehr unbedingt ist), aber die Würde des Alters verkörpern, muss verzierungsgewandt sein, aber auch über gehöriges Volumen, brustige Tiefentöne und endlosen Atem verfügen. Alles hat kaum eine Sängerin, aber Cornetti macht mit Fülle und Ausdauer wett, was ihr an Geläufigkeit und schönem, schlanken Tonfluss fehlt. Aus dem Trio der heuchlerischen Anabaptisten ragt der klangvoll-sehnige Zacharie Tijl Faveyts heraus, aber auch Mathisen (Pierre Doyen) und Jonas (Albrecht Kludszuweit) können sich hören lassen.

Manuel Brug