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CD des Monats

Meyerbeer:
Romilda e Costanza

Patrick Kabongo, Chiara Brunello, Luiza Fatyol, Emmanuel Franco, Javier Povedano, Giulio Mastrototaro, César Cortés, Claire Gascoin, Timophey Paylenko, Górecki Chamber Choir, Passionart Orchester Krakau, Luciano Acocella

Label und Vertrieb: Naxos, 3 CDs

Mit seiner ersten italienischen Oper konnte Giacomo Meyerbeer am Teatro Nuovo 1817 in Padua weitaus durchsetzungskräftiger auftreten als seine Konkurrenten Rossini und Simon Mayr, weil er die Uraufführung selbst finanzierte und deshalb sowohl auf das Sujet als auch auf die exzellente Besetzung Einfluss nehmen konnte. Deshalb verrät Romilda e Costanza viel über Meyerbeers Strategien mittels der von ihm in Berlin, München, Wien und Venedig vorgefundenen Musiktheater- Trends. An ein Gegenwartsstück wie Beethovens Fidelio oder Ferdinando Paërs Leonora, ossia L’amore coniugale dachte er bei seiner „Rettungsoper“ nicht. In dieser solidarisieren sich die adeligen Rivalinnen Costanza und Romilda auf provenzalischen Burgen zwischen Rittern, Kanzonen und Lavendel. War es Zufall, dass die Initialen der Figurennamen Costanza und Romilda mit den Namen ihrer Interpretinnen – der höhensicheren Caterina Lipparini und Rossinis famoser neapolitanischer Kontraaltistin Rosmunda Pisaroni – korrespondierten? Die Frauen verbünden sich in dieser halbernsten Oper zur Befreiung ihres Traummanns und vertagen deshalb die Entscheidung, welche sich mit Teobaldos schurkischem Zwillingsbruder Retello (Javier Povedano) begnügen soll. Nur die leicht begriffsstutzigen Helfer sind halbwegs komisch. Schmelzende Melodien umschmeichelt Meyerbeer mit Violinsoli à la Paganini. Die als Page Adelio auftretende Romilda hat auch vokal die Hosen an und entscheidet die Liebesschlacht um den wegen Erbfolgestreitigkeiten kurzzeitig ausgeschalteten Herzensprinzen zu ihren Gunsten.

Luciano Acocella zeigt mit dem Passionart Orchester Krakau, dass Meyerbeer bereits 1817 mehr mit einer Donizetti vorarbeitenden Dramatik als mit der hochtourigen Eleganz Rossinis agierte. Dessen Crescendo-Techniken eignete sich Meyerbeer nur zu gerne an. Die Rezitative sind von gesprochenen Stellen bis zu Deklamationen über vollem Orchester bemerkenswert vielgestaltig. Patrick Kabongo als Prinz Teobaldo legitimiert, dass Frauen auf ihn fliegen. Luiza Fatyol hat als höhere Tochter Costanza Mut und Mumm für die Rettung und Chiara Brunello bleibt den beträchtlichen Herausforderungen des an Aplomb und Charisma reichen Parts der Romilda nichts schuldig. Die Zielgerade von Mayrs Le due duchesse über Meyerbeers Romilda e Costanza zu Rossinis Matilde di Shabran bestätigt, dass in diesen italienischen Mittelalter-Opern trotz scharfer Zensureingriffe noch immer viel Ideenraum für Verrücktheiten übrig blieb.

Roland H. Dippel