Foto: Marco Borggreve

CD des Monats

Hans Zender: Schuberts Winterreise

Julian Prégardien, Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Robert Reimer

Label: Alpha, Vertrieb: Note 1
1 CD

Nach über 80 Minuten steht er da, einsam wankend, im Eise schwankend, der Leiermann, der Outcast, der dem Winterreisenden (möglicherweise) Halt bieten wird. Da reiben sich die Harmonien der Holzbläser, bevor fahl eine leiermanneske Geige anhebt, leicht krächzend, wie es bei Minustemperaturen wohl kaum anders sein kann. Dann hebt die Stimme an: „Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann.“ Es ist die Stimme von Julian Prégardien, der Franz Schuberts Winterreise in der Orchesterfassung von Hans Zender aufgenommen hat. Seine Mitstreiter auf diesem eisigen Seelentrip sind die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern und Robert Reimer. Wenn das Werk auf die Zielgerade einbiegt, reduziert Prégardien noch einmal die Mittel. Mit ganz wenig Kraft formt er sehr direkte Töne, mit kleinen dynamischen Rückungen verleiht er dem Lied eine Unruhe, die auch das Orchester durch minimale Be- und Entschleunigungen unterstreicht. Es entwickelt sich noch einmal, letztmalig in diesem Zyklus, eine wahrhaft gespenstische Atmosphäre. Modern, beißend, unmittelbar.

Hans Zender nennt in Partitur und Beiheft seine Sicht auf die Winterreise eine „komponierte Interpretation“. Die Frage, wie weit ein Original schärfer herausgearbeitet werden kann und inwieweit der Stil des Bearbeiters durchscheinen muss, wird auch von den Musikern aufgegriffen. Sie suchen nach einem Amalgam von Schubert und Zender. Prégardien singt Schubert, das Orchester spielt Zender – so könnte man es vereinfachend darstellen. Aber das wäre natürlich zu einfach. Denn Sänger und Orchester hören exzellent aufeinander, schon im ersten der 24 Lieder. „Gute Nacht“ beginnt mit einem Vorspiel, wie Schubert es nicht vorgesehen und wie Zender es erdacht hat. Aus einem Rascheln entstehen zunächst Pizzicato-Laute, bevor die Flöte jenes Material andeutet, wie wir es von Schuberts originaler Klavier-Fassung her kennen. Später übernehmen die Streicher das eigentliche „Klavier-Thema“. Das Lied ist in Zenders Fassung fast doppelt so lang wie bei Schubert. Unnötige Längen? Nein, ein neuer Blick eben.

25 Jahre ist es her, seit Hans Zender seine Sicht auf Schubert bekannt gemacht hat. Robert Reimer hat die Deutsche Radio Philharmonie für diese Neueinspielung sehr gut vorbereitet. Die vielen Akzente, die schmerzlichen Überleitungen, die schroffen Ausbrüche, all das gelingt sehr dicht, sehr überzeugend, sehr ausdrucksstark. Prégardiens Tenor fügt sich mit dem Orchesterklang exzellent. Auch aufnahmetechnisch ist alles tadellos ausbalanciert. Dass Prégardien junior Texte auffallend verständlich vermitteln kann, ist keine Neuigkeit, zeigt sich hier aber einmal mehr. Wie gekonnt er vom Singen zum Sprechgesang wechseln kann, offenbart sich bereits im ersten Lied, das zeitweise an Mahler heranführt und zu Schönberg gurreliedähnlich überleitet.

Die Aufnahme hat etliche Höhepunkte. Das schein-idyllische „Lindenbaum“-Lied etwa, der geisterhaft beginnende „Rückblick“, der geradezu bipolare „Frühlingstraum“, die unerbittlich kreisende „Krähe“. Prégardien findet stets die passenden Ausdrucksmittel. Mal forciert er einzelne Silben, mal erzeugt er überraschende Übergänge zwischen den Worten – immer kultiviert. Er arbeitet nicht mit der Deutungs-Keule, sondern verlässt sich darauf, dass Stimme und Orchester sich so stark ergänzen, dass die Botschaften unmissverständlich sind. Und wenn die Mundharmonika den „Wegweiser“ anstimmt und kurz darauf die Stimme wehmütig fragt: „Was vermeid ich denn die Wege?“, wird spätestens klar, dass der Leiermann am Ende keine endgültige neue Heimat sein kann.

Christoph Vratz