Agil und kraftvoll war ihre Stimme, der Vortrag dramatisch und glutvoll. Damit war Shirley Verrett vor allem eine großartige Carmen und eine singuläre Lady Macbeth. Wir erinnern an eine außergewöhnliche Sängerin und empfehlen ihre fünf besten Aufnahmen.
Von Manuel Brug
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Black is beautiful. Dieser heute vermutlich schon wieder anrüchige Slogan war in den Seventies nicht nur in den USA das große Ding. Das Civil Rights Movement hatte seinen Durchbruch erlebt. Da gab es die so genannte Blaxploitation um Pam Grier im Kino, schwarze Models erschienen auf den Laufstegen, James Baldwin war ein gefeierter Literat. Schwarze tanzten im Dance Theatre of Harlem Giselle, André Watts begeisterte als Pianist auf den Konzertpodien, die DDR-Jugend schickte Postkarten-Rosen für die inhaftierte Bürgerrechtlerin Angela Davis.
Und auch im klassischen Gesang hatten Pioniere wie Marian Anderson und Leontyne Price viele Schranken weggeräumt. Die neue fragile Freiheit wurde von Sängerinnen wie der soubrettenzauberischen Reri Grist ebenso genutzt wie von zwei Mezzosopranistinnen, die sich später als ambitiöse Soprane selbstbewusst, stolz und schön, gerne auch juwelenglitzernd an die Spitze des Operngeschäfts stellten: die 1937 geborene Grace Bumbry, die schon in den Sechzigern den erlauchten Grünen Hügel im Sturm nahm und als Schwarze Tannhäuser-Venus in die Annalen der Bayreuther Festspiele einging, sowie die am 31. Mai 1931 in New Orleans geborene Shirley Verrett.
Dieses Jahr wäre sie also 90 Jahre alt geworden, doch Verrett starb bereits nach längerer Krankheit am 5. November 2010 in Ann Arbor, Michigan. Anders als Bumbry, die nach glamourösen Sopranjahren, die freilich ihren Stimmbandpreis kosteten, wieder respektiert ins Mezzo-, dann ins Charakterfach wechselte, hatte sich Shirley Verrett, die Stimme war schlanker, sehniger, heller, aber mit weniger breiter Mittellage gesegnet, die Höhe ruiniert; angeblich kamen auch noch allergische Reaktionen gegen Schimmelpilzsporen hinzu, die ihre Bronchien verstopften. So musste sie die Opernbühne verlassen und sang noch ein wenig Musical – zum Beispiel an der Seite von Audra McDonald 1994 am Broadway die Nettie Fowler in Rodgers & Hammersteins Carousel, die „You’ll Never Walk Alone“ schmettern darf (so hieß dann auch ihre Autobiografie) – und wurde 1996 Gesangsprofessorin in Ann Arbor.
Einen ihre letzten großen Drama-Queen-Auftritte hatte Shirley Varrett als Didon (neben Grace Bumbrys Cassandre) 1990 bei der feierlichen Eröffnung der Pariser Operá Bastille. Überhaupt wurde sie im dem Exotismus sowie weiblicher Schönheit zugeneigten Frankreich sehr geliebt. Nur noch übertroffen von Italien, wo man Shirley Verrett sogar mit dem (zweischneidigen) Ehrentitel „La Nera Callas“ bedachte. Denn wenn sie auch ebenso ehrfurchtgebietend als Bühnenerscheinung war, so hatte sie auch deren krasse Registerwechsel einer auseinanderfallenden Stimme zu camouflieren.

An der Mailänder Scala hat sie auch 1976 nach einer fantastischen Macbeth-Inaugurazione ihre beste Gesamtaufnahme gemacht, eine gifttückische, scharfschneidende, bösartig schlangenzuckende Lady an der Seite von Piero Cappuccilli und unter der dämonisch-vorantreibenden Leitung von Claudio Abbado. Da war sie wirklich der Callas in einer ihrer zentralen Rollen ebenbürtig. Und wiederholte die Lady gleich noch einmal unter Riccardo Chailly für eine Opernverfilmung.
Als Lady Macbeth der Callas ebenbürtig
Verretts Vater war Bauunternehmer und strenggläubiger Siebenten-Tags-Adventist. Aufgewachsen ist sie im liberalen Kalifornien, trotzdem sah die ihre Gesangsambitionen unterstützende Familie sie eher als Konzertsängerin, während die rebellische Shirley unbedingt zur Oper wollte, auch wenn das für eine schwarze Sängerin, besonders im Süden der USA, immer noch nicht einfach war. Zunächst arbeitete sie als Maklerin und heiratete einen gewalttätigen älteren Mann. Mit Mitte 20 wollte sie dann aber doch unbedingt die Gesangskarriere. Vokalschliff holte sie sich in Chicago, Los Angeles und an der New Yorker Juilliard School. Privatunterricht nahm sie in späteren Jahren auch bei Giulietta Simionato.
1957 debütierte sie in Yellow Springs, Ohio, in der Titelrolle von Brittens The Rape of Lucretia. In der Spielzeit 1959/60 war Shirley Verrett an der Oper Köln engagiert. 1962 begeisterte sie beim amerikanischen Spoleto Festival erstmals als Carmen, viel Beifall bekam sie für Bizets freigeistige Außenseiterin auch an der New York City Opera, in Moskau und Kiew. Eine starke Beziehung entwickelte sie zum Royal Opera House Covent Garden in London, wo sie als Ulrica, später auch als Azucena, Amneris, Eboli, Carmen, sogar als Glucks Orpheus gefeiert wurde. Immer sang sie diese Rollen schlank, weiblich, mitunter fauchig, weniger dunkel und muttihaft als ihre Zeitgenossinnen.
1968 erfolgte dann – wieder als Carmen – ihr Debüt an der Metropolitan Opera, wo sie bis Ende der 80er-Jahre regelmäßig in fast 130 Vorstellungen auftrat. New York liebte sie als Adalgisa, Bartóks Judith und – extra für sie inszeniert – als Leonora in Donizettis La favorita und neben Beverly Sills als Néocle in Rossinis Le siège de Corinthe. 1973 übernahm sie in der amerikanischen Erstaufführung von Berlioz‘ Les Troyens Cassandre und – kurzfristig für die erkrankte Christa Ludwig – auch die Didon. Sie heiratete ein zweites Mal und adoptierte eine Tochter.
Als eine Art Vorläuferin von Jessye Norman war Shirley Verretts Ansehen so groß, dass man extra für diese majestätische, weltweit gefragte Erscheinung an der San Francisco Opera (1972) und der Opéra de Paris (1973) Meyerbeers L’Africaine exhumierte. Nach solchen Zwischenfachpartien war sie dann ab Mitte der 70er-Jahre zehn Jahre lang fast ausschließlich in Sopranrollen zu hören. Sie schwang sich auf zur Norma, wagte als weitere Leonore die in Fidelio, wechselte in Verdis Ballo zur Amelia, barmte als Desdemona und hatte eine gute Primadonnen-Zeit als superlaunische Tosca. Dann aber ging es wieder vokal rückwärts zur Santuzza und Dalila.
Man musste Shirley Verrett gesehen haben, sie war ein Gesamtpaket aus Persönlichkeit, Allüre und Stimme. Sie füllte sofort die Bühne mit Aura, nur Töne abliefern war ihre Sache nicht. Die weitgefächerte Stimme war agil, kraftvoll, schimmernd, aber nicht groß, die Technik gut, aber nicht wirklich belcantoperfekt. Den tiefen Tönen fehlte die solide Stütze, ganz oben wurde es dünn, die Höhe hat sie sich erkämpft. Dafür war ihr Vortrag so glutvoll wie dramatisch. Fehler und Schwächen verwandelte sie in Gestaltungsfinesse. Trotzdem ist ihr in ihrer RCA-Zeit an der Seite von Montserrat Caballé als Maffio Orsini in Lucrezia Borgia Eindrückliches geglückt. Beide haben auch eine in idealer Stimmverblendung harmonierende Duo-Platte gemacht. Denn die fordernde Verrett legte der gern bequemen Katalanin Feuer unterm phlegmatischen Hintern. Deshalb ist sie auch als verzehrend den Falschen liebende, nervös-neurotische Prinzessin Eboli ebenso toll wie als trauernder Orfeo.
CD-Tipps
Verdi: Don Carlo
mit Plácido Domingo, Montserrat Caballé, Ruggero Raimondi, Sheryl Milnes, Royal Opera House Covent Garden, Carlo Maria Giulini (Warner)
In der besten italienisch gesungenen Aufnahme von Verdis schönster Oper ist Verrett eine Klasse für sich, als todesmutig durch das Schleierlied gleitende, wie das „Don fatale“ schicksalshaft hinausschleudernde Prinzessin Eboli.
Donizetti: Lucrezia Borgia
mit Montserrat Caballé, Alfredo Kraus, Ezio Flagello, RCA Italian Opera Orchestra, Jonel Perlea (RCA/Sony)
In dieser gern unterschätzten Belcanto-Melodien-Schmuckschatulle singt Verrett inmitten einer Traumbesetzung als Page Maffio Orsini in viril-beweglicher Manier fein verzierte Mezzoballaden.
Verdi: Macbeth
mit Piero Cappuccilli, Nicolai Ghiaurov, Plácido Domingo, Teatro alla Scala, Claudio Abbado (DG/Universal)
Shirley Verretts Spitzenleistung auf der Hörbühne. Als giftige Shakespeare-Lady ist sie Mezzoschlange und Soprannatter zugleich. Nur die Callas und die Rysanek sangen so viel Boshaftigkeit auf ähnlich süß-saurem Niveau.
Shirley Verrett at Carnegie Hall
mit Charles Wadsworth (RCA/Sony)
Am 30. Januar 1965 bewies sie ihre erstaunliche stilistische Bandbreit im amerikanischen Konzertsaal-Gralstempel. Auf Schubert folgt Russisches, auf Mozart Spanisches, mit Americana und Spirituals endet die wilde Recital-Mischung.

Great Operatic Duets
mit Montserrat Caballé, New Philharmonia Orchestra, Anton Guadagno (RCA, Sony)
Die wirklich wunderbare Duett-Verbindung zweier eigenständiger Diven in ikonischen Zwiegesängen von Rossini, Bellini, Offenbach, Verdi, Puccini. Verrett gab Caballé Sex, die Katalanin verlieh der Amerikanerin Klasse.
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