LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,
Als die Bayerische Staatsoper am 13. Mai mit einer konzertanten Darbietung des 1. Akts der Walküre in Spitzenbesetzung und mit der möglicherweise zu einer der ganz großen hochdramatischen Sopranistinnen reifenden Lise Davidsen den Spielbetrieb wieder aufnahm, geschah dies nicht nur, weil die Inzidenzwerte und die Politik es zuließen. Der Vorhang ging auf, weil die Leitung des Hauses fest dazu entschlossen war, dem Publikum sofort wieder Theater anzubieten, sobald es erlaubt ist. Noch viele andere Opernhäuser haben sich in den vergangenen Lockdown-Monaten permanent auf Betriebstemperatur gehalten, um quasi jederzeit spielbereit zu sein. Am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken hat man in der kurzen Lockerungsphase, die das Land als Sonderweg versuchte, sogar die deutsche Erstaufführung von Pascal Dusapins mit dem OPER! AWARD 2020 ausgezeichneten Werk Macbeth Underworld herausgebracht (unsere Rezension dazu finden Sie auf S. 32). Auch anderswo stand man immer wieder in den Startlöchern und hat dafür intern die Planungen und Konzepte ständig den sich ändernden Rahmenbedingungen, Perspektiven und politischen Vorgaben angepasst. Ein planerischer, organisatorischer und kreativer Aufwand, der keinesfalls zu unterschätzen ist und der an dieser Stelle gewürdigt werden sollte, zumal nicht alle Häuser zu diesem erheblichen Mehraufwand gleichermaßen bereit waren. Doch wo man ihn auf sich nahm, kann man jetzt die Früchte ernten. So bringt etwa die Deutsche Oper Berlin am 12. Juni Das Rheingold in der Neuinszenierung von Stefan Herheim und unter der musikalischen Leitung von Donald Runnicles heraus, bevor die Staatsoper Berlin am Tag darauf mit einer neuen Fanciulla del West nachzieht.
Positivbeispiele gibt es – wenngleich wegen der aktuell noch geltenden strengeren Auflagen in eher kleinem Format – auch in der Schweiz sowie beeindruckend in Österreich und weiteren europäischen Staaten. In unserem Beitrag „Locker(nd)e Nachbarschaft“ geben wir einen Überblick. Dmitry Bertman, Intendant der Helikon-Oper Moskau, wiederum gibt uns im Interview einen Einblick in die besondere Situation in Russland und seiner Hauptstadt, wo schon seit Wochen unter gemäßigten Sicherheitsvorkehrungen ein regulärer Spielbetrieb stattfindet.
Weit zurück, in der Zeit der Romantik, fand am 18. Juni vor 200 Jahren in Berlin die Uraufführung von Carl Maria von Webers Freischütz statt. Die feste Größe im deutschen Opernrepertoire ist beim Publikum weitgehend beliebt, unter den Regisseuren dagegen eher gefürchtet ob der schauermärchenhaften Handlung, klischeebeladener Figuren und deutschtümelnder Chöre inmitten symbolischer Waldlandschaft. All das zusammen hat dann aber doch so viele Reibungs-und Ansatzpunkte, dass Der Freischütz sich zu einer nahezu perfekten Projektionsfläche für gesellschaftliche Debatten und psychologische Draufsicht gemausert hat. Waldsterben, Kriegstreiben, Ausgrenzung, (Macht-)Missbrauch, toxische Traditionen, Angstzustände – das alles und mehr wurde schon am Freischütz exemplifiziert, wenn auch mitnichten immer überzeugend. Unter der Überschrift „Immer wieder rätselhaft“ spüren wir dem Phänomen dieses besonderen Werkes nach, während es in unserem Themenbeitrag in diesem Monat um Body-Shaming und Lookism geht. Als öffentlich breit wahrgenommener Sündenfall gilt der Rausschmiss der US-amerikanischen Sopranistin Deborah Voigt aus einer Ariadne-Produktion am Royal Opera House Covent Garden im Jahr 2004, weil man sie für zu dick hielt. Mit dem Argument der Rollenglaubwürdigkeit werden Opernpartien bis heute bevorzugt mit Sängerinnen und Sängern besetzt, deren Figur und Aussehen verinnerlichten und vermeintlich korrekten Rollenbildern entsprechen. Doch warum soll Romeos angehimmelte Julia nicht dick sein? Gerade unter dem Vorzeichen der aktuellen Diversity-Debatte, die Platz für jeden fordert, müsste es dafür eine Offenheit geben. Doch auch Diskurse und Diskussionen unterliegen dem Zeitgeist und das Problem des diskriminierenden Type- Castings gehört offenbar nicht dazu, es ist unter die Räder geraten. Fatal, wie wir finden. Denn die Probleme sind damit ja nicht gelöst. Höchste Zeit, es erneut auf den Tisch zu legen.
Herzlich
Ihr
Ulrich Ruhnke


