LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,
wenn die Oper Köln im September nach 14-jähriger Generalsanierung und mit elf Jahren Verspätung wiedereröffnet wird, kann man den Domstädtern zu ihrem rheinischen Leichtsinn nur gratulieren! Mag sein, dass ihre Naivität, die Unwissenheit und die Unprofessionalität im Umgang mit dem Bauprojekt sie zum Gespött der Kulturnation gemacht haben, aber jetzt ziehen sie ein! In ihr kernsaniertes, denkmalgeschütztes, seit 69 Jahren längst lieb gewonnenes Opernhaus.
Gratulieren kann man Köln auch zu seinem abschreckenden Beispiel, das es abgegeben hat! Dank ihm wurde andernorts der politisch grundsätzlich schwerer zu verkaufende Gedanke des Neubauens statt Reparierens intensiver in Betracht gezogen. Sinnvollerweise! Denn wer will schon eine Wundertüte voller böser Überraschungen, wenn sie nicht einmal billiger, sondern sogar teurer kommt als ein Neubau? Vor allem, wenn Letzterer zusätzlich ganz andere Möglichkeiten zur Errichtung einer Kulturimmobilie eröffnet, die viel besser den wesentlich veränderten Anforderungen an ein Opernhaus im Hinblick auf Nachhaltigkeit, Teilhabe und breite Öffnung in die Stadtgesellschaft gerecht werden kann.
All diese Möglichkeiten hat die Stadt Düsseldorf nun mit einem Handstreich in die Mülltonne befördert, und man fragt sich, was die öffentliche Hand überhaupt noch hinbekommt. Erst vor einem guten halben Jahr, im November 2025, wurde der Siegerentwurf des norwegischen Architekturbüros Snøhetta präsentiert, es wurde gefeiert, gejubelt: die Stadt bekommt ein neues Opernhaus! Dafür hat sie sogar für 132 Millionen Euro ein neues Grundstück gekauft – das Areal des ehemaligen Kaufhofs am Wehrhahn. Hier sollte das Haus auch die Entwicklung des gesamten Viertels positiv beeinflussen. Eine visionäre Win-Win-Situation.
Und jetzt? War alles umsonst. Die investierten Millionen und die unendlichen, geldwerten Stunden der Beschäftigung mit dem Thema seit weit vor dem Dezember 2021 als der Ratsbeschluss zum Neubau des Opernhauses gefasst wurde – mit der Begründung übrigens, dass eine Sanierung aufgrund der erheblichen Mängel zu aufwändig sei.
Nach über sechs Jahren Planungszeit lässt die Stadt nun plötzlich verkünden, man werde das bestehende Opernhaus „ertüchtigen“, anstatt neu zu bauen. Was heißt das? Dass die Gutachten von früher nicht stimmen? Gewiss werden jetzt neue gemacht, auch neue Pläne und lange Diskussionsrunden. Doch was ist im letzten halben Jahr geschehen? Ein kollektives Erwachen? Dass die veranschlagten Projektkosten von etwa 1 Milliarde Euro sich inklusive Finanzierungskosten in 50 Jahren auf etwa 1,8 Milliarden Euro summieren würden, wusste man schon vorher. Oder merkt man plötzlich, dass der Preisträgerentwurf und der Standort doch nicht so gefällt? Hat man sich selbst etwas vorgegaukelt? Und vor allem: Wie lange soll sich das jetzt alles noch hinziehen und wer kommt für die bisherigen Kosten auf?
Das öffentliche Bauen in Deutschland ist zu einer Farce verkommen. Der Staat kann es nicht mehr. Großprojekte wie die Sanierung der Berliner Staatsoper, der Oper Köln und der Bau des Flughafens Berlin-Brandenburg sind nur einige prominente Beispiele. In Bonn und Stuttgart ist das Desaster bislang nur deshalb ausgeblieben, weil man außer unendlichen Planungen zum Umgang mit den baufälligen Opernhäusern noch nicht viel vorzuweisen hat. Ähnlich in München, wo das Konzerthaus Gasteig zur Sanierung geräumt wurde und seit Jahren Tag für Tag Unsummen fürs Leerstehen verschlingt. Die monströse Bayerische Staatsoper soll Anfang der 2030er- Jahre grundsaniert werden. Wie das gehen soll, weiß keiner.
Nicht einmal seiner baulichen Unterhaltspflicht kommt der Staat in ausreichendem Maße nach. Straßen, Brücken und eben auch Theater und Opernhäuser verfallen seit Jahren und Jahrzehnten, weil notwendige Instandhaltungs- und Sanierungsmaßnahmen nicht durchgeführt werden. Der Sanierungsstau ist lange bekannt und gescholten. Doch unfähige Politiker haben offenbar taube Ohren, bis ihnen die Sache um dieselben fliegt. Von einem Sinn für große, kulturelle Zukunftsprojekte als Investition ganz zu schweigen. Dazu bräuchte es politische Entscheider, denen Kunst und Kultur etwas bedeuten. Stattdessen aber trifft man auf eine immer größer werdende Kulturferne.
Ich wünsche Ihnen dennoch eine erholsame Sommerfrische und eine anregende Lektüre!
Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke



