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Mai / Juni 2026

Editorial

Von Ulrich Ruhnke
27. April 2026
in Editorials
Lesedauer: 3 mins read
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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

zur Sagen- und Märchenwelt der Oper gehören nicht nur die Geschichten, die auf der Bühne erzählt werden, sondern auch jene, die das Publikum raunt. Mit Bewunderung, Beharr­lichkeit und manchmal gar der indirekten Auf­forderung zur Aufopferung. Die Bestuhlungs-Zumutung der Wagner-Scheune auf dem Grünen Hügel beispielsweise ist so ein Fall. Im festen Glauben, sich für die einmalige Akustik sitzend selbst foltern zu müssen, mag manch fehlinformierter Besucher sechs Stunden Götterdämmerung durchaus besonders stolz und stoisch ausharren. Doch sitzt er in Wirklichkeit einer Finte auf. Die Legebatterienenge, die er kasteiisch genießt, folgt einzig dem Willen des ehemaligen Festspielchefs Wolf­gang Wagner, die alten Sitze herauszureißen, um künftig in eine Vorstellung so viele Zuschauer pferchen zu können, wie auf den Teller passen. Auch der selbst in den neues­ten Sanierungsplänen verzeichnete Verzicht auf den Einbau einer geeigneten, längst über­fälligen Klimaanlage folgt der Logik der Kosten, nicht der Akustik. Erzählt und geglaubt wird das Gegenteil.

Anderes Beispiel gefällig? Das Einheits­bühnenbild! Auch das genießt den Schutz­schild eines hartnäckigen Narrativs. Mehr geht heute halt nicht mehr. Mehr sei zu teuer, heißt es gemeinhin. Weshalb der geneigte Opernbesucher stundenlang gutmütig in die sich kaum wandelnde Bühnenödnis zu star­ren bereit ist und sich schämt, wenn er gähnen muss. Doch nicht alles, was langweilt, ist auch Kunst. Weshalb man manchen Betrach­ter ermuntern möchte, doch etwas hartnäckiger mit dem ins Gericht zu gehen, was ihm da geboten wird.

Im Fall des Bühnenbildes kann man wohl auch von einer Gewohn­heit sprechen, die sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten auf beiden Seiten des Orchestergrabens breit gemacht hat. Eingeführt in frühen Jahren der Regietheaterrevolution und weithin geframt als Fokus auf das Wesentliche und als demokratische Geste, hat es der Verwandlung auf der Bühne den Stecker gezogen. Es mag in seiner Wahrnehmungsverschiebung anfänglich durchaus wirksam, manchmal gar heilsam gewesen sein. In seiner wie alternativlos präsentierten Selbstverständlichkeit aber korrumpiert das Einheits­bühnenbild inzwischen längst auch jene Verwandlung, die es niemals aufgeben wollte: die innere Verwandlung des Zuschauers. Was zur Gewohnheit geworden ist, kitzelt nicht mehr die Sinne. Auch nicht den Verstand. Warum aber ist das Einheitsbühnenbild dann noch immer so breit akzeptiert, wenn es nicht einmal beson­ders kostenfreundlich ist? Ist es Zeit für ein Umdenken? In unserem Schwerpunktbeitrag gehen wir dem Thema genauer nach.

Auch auf der vokalen Seite gibt es ein vergleichbares Phänomen festzustellen: Was optisch ermüdet, hat sein akustisches Pendant im Einheitsklang der Stimmen. Sänger, die darauf geschult sind, ein möglichst breites Repertoire abdecken zu können, stets funk­tional und flexibel zu sein, bezahlen mit Individualität und stilistischem Profil. Der Verlust von echten Verdi-Sängern rührt zuvorderst nicht daher, dass es keine Sänger mehr gäbe, die zum anspruchsvollen Verdi- Gesang grundsätzlich befähigt wären, son­dern vielmehr, dass sie es nicht wollen. Sti­listische Präzision ist anstrengend, bringt beim Publikum von heute aber nicht not­wendigerweise mehr Applaus. Lautstärke und Schönheit sind dagegen eine sichere Bank. Die besondere Mischung aus Legato, Wortdeutlichkeit und dramatischer Zuspit­zung, die Verdi verlangt, gerät dabei schnell unter die Räder. Was auf diese Weise verloren geht, erfährt man, wenn man Sänger hört, die die alte Verbindung von Wort und Ton noch beherrschen und pflegen. Unser Titel­künstler George Petean ist so einer. Was für ihn eine Verdi-Partie ausmacht, erfahren Sie im Interview mit ihm, ebenso wie im Gespräch mit Barrie Kosky, was dieser gegen die Einheitsödnis in den Spiel­plänen unternehmen will. „Uns gehen die Stücke aus“, lautet seine Diagnose beim Blick ins aktuelle Repertoire.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke

Dr. Ulrich Ruhnke OPER!

Tags: Barrie KoskyBühnenbildGeorge PeteanRegietheater
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