LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,
zur Sagen- und Märchenwelt der Oper gehören nicht nur die Geschichten, die auf der Bühne erzählt werden, sondern auch jene, die das Publikum raunt. Mit Bewunderung, Beharrlichkeit und manchmal gar der indirekten Aufforderung zur Aufopferung. Die Bestuhlungs-Zumutung der Wagner-Scheune auf dem Grünen Hügel beispielsweise ist so ein Fall. Im festen Glauben, sich für die einmalige Akustik sitzend selbst foltern zu müssen, mag manch fehlinformierter Besucher sechs Stunden Götterdämmerung durchaus besonders stolz und stoisch ausharren. Doch sitzt er in Wirklichkeit einer Finte auf. Die Legebatterienenge, die er kasteiisch genießt, folgt einzig dem Willen des ehemaligen Festspielchefs Wolfgang Wagner, die alten Sitze herauszureißen, um künftig in eine Vorstellung so viele Zuschauer pferchen zu können, wie auf den Teller passen. Auch der selbst in den neuesten Sanierungsplänen verzeichnete Verzicht auf den Einbau einer geeigneten, längst überfälligen Klimaanlage folgt der Logik der Kosten, nicht der Akustik. Erzählt und geglaubt wird das Gegenteil.
Anderes Beispiel gefällig? Das Einheitsbühnenbild! Auch das genießt den Schutzschild eines hartnäckigen Narrativs. Mehr geht heute halt nicht mehr. Mehr sei zu teuer, heißt es gemeinhin. Weshalb der geneigte Opernbesucher stundenlang gutmütig in die sich kaum wandelnde Bühnenödnis zu starren bereit ist und sich schämt, wenn er gähnen muss. Doch nicht alles, was langweilt, ist auch Kunst. Weshalb man manchen Betrachter ermuntern möchte, doch etwas hartnäckiger mit dem ins Gericht zu gehen, was ihm da geboten wird.
Im Fall des Bühnenbildes kann man wohl auch von einer Gewohnheit sprechen, die sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten auf beiden Seiten des Orchestergrabens breit gemacht hat. Eingeführt in frühen Jahren der Regietheaterrevolution und weithin geframt als Fokus auf das Wesentliche und als demokratische Geste, hat es der Verwandlung auf der Bühne den Stecker gezogen. Es mag in seiner Wahrnehmungsverschiebung anfänglich durchaus wirksam, manchmal gar heilsam gewesen sein. In seiner wie alternativlos präsentierten Selbstverständlichkeit aber korrumpiert das Einheitsbühnenbild inzwischen längst auch jene Verwandlung, die es niemals aufgeben wollte: die innere Verwandlung des Zuschauers. Was zur Gewohnheit geworden ist, kitzelt nicht mehr die Sinne. Auch nicht den Verstand. Warum aber ist das Einheitsbühnenbild dann noch immer so breit akzeptiert, wenn es nicht einmal besonders kostenfreundlich ist? Ist es Zeit für ein Umdenken? In unserem Schwerpunktbeitrag gehen wir dem Thema genauer nach.
Auch auf der vokalen Seite gibt es ein vergleichbares Phänomen festzustellen: Was optisch ermüdet, hat sein akustisches Pendant im Einheitsklang der Stimmen. Sänger, die darauf geschult sind, ein möglichst breites Repertoire abdecken zu können, stets funktional und flexibel zu sein, bezahlen mit Individualität und stilistischem Profil. Der Verlust von echten Verdi-Sängern rührt zuvorderst nicht daher, dass es keine Sänger mehr gäbe, die zum anspruchsvollen Verdi- Gesang grundsätzlich befähigt wären, sondern vielmehr, dass sie es nicht wollen. Stilistische Präzision ist anstrengend, bringt beim Publikum von heute aber nicht notwendigerweise mehr Applaus. Lautstärke und Schönheit sind dagegen eine sichere Bank. Die besondere Mischung aus Legato, Wortdeutlichkeit und dramatischer Zuspitzung, die Verdi verlangt, gerät dabei schnell unter die Räder. Was auf diese Weise verloren geht, erfährt man, wenn man Sänger hört, die die alte Verbindung von Wort und Ton noch beherrschen und pflegen. Unser Titelkünstler George Petean ist so einer. Was für ihn eine Verdi-Partie ausmacht, erfahren Sie im Interview mit ihm, ebenso wie im Gespräch mit Barrie Kosky, was dieser gegen die Einheitsödnis in den Spielplänen unternehmen will. „Uns gehen die Stücke aus“, lautet seine Diagnose beim Blick ins aktuelle Repertoire.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!
Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke



