LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,
zumindest das Plakat und der Titel hielten, was sie versprachen: Es geht um Monster, ums Weiße Haus und Donald Trump. Und auch der hielt, was er versprach: wiederzukommen. Zum Unglück von vielen, zum Glück für die Urheberinnen des beworbenen neuen Stücks Monster’s Paradise, erdacht, geschrieben und komponiert von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth. Wer hätte schon darauf gewettet, dass die von beiden in Trumps erster Amtszeit geborene Idee ihre theatrale Uraufführung punktgenau in seiner zweiten erfahren würde? So aber kam es zu einer Tagesaktualität, wie sie auch eine nagelneue Oper sonst kaum zu bieten hat. Dachte man zumindest. Doch nach der Uraufführung muss man konstatieren: Längst ist die Wirklichkeit schon weiter, erschreckender, absurder. Auch Komposition und Libretto stammen noch aus der alten Welt, die gerade zu Ende geht. Eher Altdamen-Avantgarde als State of the Art möchte man das nennen, was zu hören war.
Das Pendel hat sich bereits wieder in die andere Richtung aufgemacht. In alter dialektischer Tradition ist jetzt das weiterentwickelte Gegenteil vom Vorherigen an der Reihe. Im Theater haben das zwar noch nicht alle mitbekommen, oder wollen es nicht wahrhaben, weil ihre Pfründe vom Alten abhängen. Doch die Macht zieht weiter, wie es in unserem Themenbeitrag heißt. Gut möglich, dass nach Jahrhunderten, in denen Sänger, Komponisten, Dirigenten und zuletzt die Regisseure das Sagen hatten, jetzt wieder die Stunde der ganz neuen, anderen Komponisten schlägt – und erneut die der Diva. Wie traurig sind doch manche Sängerinnen und Sänger anzusehen, die in den Regiearbeiten der letzten Jahrzehnte zu bloßen „Singdarstellern“ in den Diensten des Konzepts geschrumpft wurden, im Vergleich zum hochindividuellen Künstler, der sich eben nicht einpassen lässt, aber dafür über jene singuläre Kraft verfügt, das Metrum des Betriebs zu sprengen und für einen Moment die Zeit anzuhalten. Im Pop-Bereich muss man nicht lange danach suchen. Da dreht man sogar das, wo das Theater auch so gerne einmal ran würde: das ganz große politische Rad – wie man im Februar bei der Halbzeitshow von Bad Bunny beim Super Bowl erleben konnte. Schafft es die Oper zumindest einmal wieder zu echten Diven? In der vorliegenden Ausgabe gehen wir dem Phänomen genauer nach.
Auch in der Spielplangestaltung scheint eine Ära zu Ende zu gehen. Das Schock- und Aufrütteltheater, gerne exemplifiziert an den immer und immer selben Werken, ist stumpf geworden, das Repertoire braucht dringend frische Opernnoten. Ob ganz neue oder aus dramaturgisch versnobten Gründen viel zu selten gespielte, ist da fast egal. Das Risiko, Unbekanntes anzusetzen, ist immer gleich. Trüffelschwein-Qualität ist das neue, entscheidende Kriterium in der Intendanten-Jobbeschreibung.
Einer macht vor, wie’s geht: Sebastian Ritschel, Intendant des Theaters Regensburg bringt so viele Entdeckungen, Erst- und Uraufführungen, dass das Altbekannte in der Minderzahl ist, die Auslastungszahlen aber trotzdem in himmlischen Höhen rangieren. Am 23. Februar erhielt er dafür den OPER! AWARD in der Kategorie „Bestes Opernhaus“. Wer zu den anderen der insgesamt 20 Preisträger gehört, können Sie in der vorliegenden Ausgabe entdecken, inklusive der Begründungen, die die Jury zu ihren Entscheidungen bewogen haben. In den Interviews mit Ritschel und Gianluca Capuano, der als „Bester Dirigent“ ausgezeichnet wurde, steigen wir tiefer in die Motivations-und Gedankenwelt dieser beiden Preisträger ein.
Dass die Konvention von heute die Avantgarde von gestern ist, die ihrerseits durch eine neue wieder abgelöst werden muss, das weiß man auch in Amsterdam. Seit zehn Jahren nutzt das Opera Forward Festival den Widerstand gegen Konventionen und den Mut zum Risiko, um die Oper aus der Nische zu holen und sie als lebendigen, streitbaren Ort der Gemeinschaft zu positionieren. Allein die Frage, was Usus und was Widerstand ist, muss immer neu verhandelt werden. Die Amsterdamer Sicht erläutern Sophie de Lint, Intendantin der Dutch National Opera, und Dramaturg Niels Nuijten im Interview.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!
Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke



